Dann rufe ich deine Eltern an

(c) Thinkstock/Photodisc/Christopher Robbins
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Das kennen wir alle, die in der Schule arbeiten: Ein Schüler/eine Schülerin stört den Unterricht. Ist aggressiv. Frech. Faul. Unzuverlässig. Oder benimmt sich sonst in der Schule daneben. Dann greifen wir zum Hörer: "Ich rufe deine Eltern an!"

Dieser Satz ist eine Mischung aus Drohung, Empörung und Beschwerde. Und genauso sprechen wir am Telefon. Und am anderen Ende der Leitung? Betroffene Eltern. Verunsichert. Enttäuscht. Weil: „Zuhause gibt es keine Probleme!“

Sie reden ihren Kindern ins Gewissen. Das hilft. Manchmal. Fürs Erste jedenfalls.

Doch beim fünften, zehnten, dreißigsten Anruf dreht sich die Situation: „Was soll ich denn machen?“ „Ich schimpfe, gebe ihm/ihr Strafen, aber das nützt alles nichts!“ „Ich will gar nicht mehr ans Telefon gehen, wenn die Schule anruft!“

Sehr häufig gehen die Eltern dann zum Gegenangriff über - sie beschimpfen die Schule und die Lehrer/-innen. So nehmen Schuldzuweisungen immer mehr Raum ein und gehen hin und her.

Dahinter steht Hilflosigkeit, auf beiden Seiten der Leitung.

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Wie gelingt eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Eltern?

Grundlage ist ein professionelles Selbstverständnis: Wir sind Pädagogen und Pädagoginnen und damit „Profis in der Erziehung“. Wir begleiten junge Menschen auf ihrem ersten Arbeitsplatz und geben hier den Rahmen vor. „Ich als Lehrerin gebe den Raum für Verhaltensweisen.“ sagte mir einmal eine Kollegin. Ich zitiere sie oft.

Für eine gute schulische Arbeit brauchen wir einen angemessenen Informationsaustausch mit den Eltern: Wie verhält sich das Kind in der Schule? Welche Probleme erleben wir? Was sind seine Stärken? Und: Bestimmte Verhaltensweisen können wir nicht akzeptieren!

Und umgekehrt von Seiten der Eltern: Wie erleben sie ihr Kind zu Hause? Erleben sie die problematischen Seiten des Kindes auch? Welche Auswirkungen hat der Schulalltag auf das Kind?

Wir brauchen aber auch Klarheit über den Kompetenzbereich der Schule. „Mein Kind kann nicht neben XY sitzen!“ „Bei diesen Spielereien in der Schule lernen die Kinder ja nichts!“

Das sind Einmischungen, denen wir mit höflicher Entschiedenheit begegnen sollen. Es ist wichtig, dass ich als Lehrerin weiß, wenn ein Kind in der Schule oder zu Hause nicht zurechtkommt. Aber es ist mein Job, die Konsequenzen daraus zu ziehen.

Eine wichtige Frage ist, wieviel Handlungsspielraum die Eltern haben. Wenn Eltern mit der Erziehung ohnehin schon überfordert sind, besteht die Gefahr, dass die Interventionen der Schule zu zusätzlichen Belastungen im Familiensystem führen.

Gerade bei solchen Eltern ist es wichtig, dass sie Vertrauen in unsere Arbeit bekommen. Wir gewinnen sie oft, wenn wir einen Plan haben. Ideen, wie es gehen kann und vielleicht ein paar Erfolge.

Heikel ist es, wenn es um schadendes Erziehungsverhalten geht - von Seiten der Eltern, aber auch von Seiten der Schule oder einzelner Lehrpersonen. Hier braucht jede einzelne Situation achtsames, aber auch klares Vorgehen, getragen von der Verantwortung, dass wir für die Kinder Vorbilder sind und die Aufgabe haben, sie zu schützen und zu fördern.

Und manchmal scheitern...

Mir ist es immer wieder eine lustvolle Herausforderung, wie es gelingen kann, Eltern, die mit der Schule gar nichts zu tun haben wollen, zu Gesprächen zu einem an sich schwierigen Thema einzuladen: Irgendetwas klappt nicht in der Schule mit dem Sohn oder der Tochter. Für diese Gespräche habe ich eine entwaffnende Eigenschaft: Verständnis.

So ist eine meiner ersten Fragen: Wie geht es Ihnen, wenn Sie jetzt hier sitzen? Und ich verstehe es, wenn die Antwort ist: schlecht. Es ist für Eltern immer wieder ein Stress, wenn Schule für ihre Kinder nicht gelingt. Aber wenn sich die Eltern verstanden fühlen, können wir darüber reden, wie Schule für ihr Kind gelingen kann.

Doch dann gibt es den Vater, der überhaupt kein Vertrauen zu mir aufbaut und es auch beim fünften Gespräch geschafft hat, mich wortreich dominant derart in die Enge zu treiben, dass ich ein viel zu langes und viel zu intensives Telefongespräch mit ihm geführt habe. Jetzt sind Vater und Sohn umgezogen - ein anderer Ort, eine andere Schule, eine andere Betreuungslehrerin. Ich muss schmunzeln, wenn ich die Geschichten rund um den Sohn von meiner Kollegin höre. Manches wiederholt sich und doch hat sich was verändert: Sie hat eine bessere Basis mit dem Vater.

So ist es. Scheitern gehört dazu. Weil wir eben Menschen sind und mit Menschen arbeiten.

    


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