Wie viel Schutzraum braucht ein Gespräch?

(c) Thinkstock/MonkeyBusinessImages
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Das Zeugnis naht. Regelmäßig bekommt mein Sohn Frühwarnungen. In Geschichte, Biologie, Englisch … Gesprächstermine vereinbaren um Fördermaßnahmen zu beraten.

Ich schaufle mir die Zeit frei und gehe zu den Sprechstunden. Vor dem Konferenzzimmer sind Sessel aufgestellt – hier werden die Fördermaßnahmen „beraten“. Je näher das Zeugnis rückt, desto mehr Sessel sind besetzt. Lehrer/innen gehen beim Konferenzzimmer ein und aus, grüßen höflich und ein wenig mitleidsvoll. Eine bekannte Lehrerin grüßt mich, ich sehe einen leicht abfälligen Blick: „Aha, bist schon wieder da …“ Es gibt auch ein Gesprächszimmer. Weit weg und ziemlich kalt. Wenn ich mit dem Klassenvorstand rede oder mit der Englischlehrerin, dann gehen wir dort hin. Dann ist es wirklich ein Gespräch.

Zufällig treffe ich einen ehemaligen Schüler, suspendiert und von der Schule geflogen. Ich frage ihn, was denn anders sein hätte sollen. Damit er sich nicht so daneben verhalten hätte müssen. „Wenn die Lehrer mich nicht immer vor dem Konferenzzimmer geschimpft hätten, da wo alle hinschauen, wenn sie mit mir in einen Raum gegangen wären und mir dann gesagt hätten, was nicht in Ordnung war …“

Ich gehe turnen. Wenn ich eine Übung falsch mache, kommt der Kursleiter zu mir her und macht mich leise darauf aufmerksam, wie ich diese Übung besser machen könnte. Es fällt mir auf, dass mir das irgendwie angenehm ist. Ich weiß, es geht da um nichts. Und trotzdem ist es mir lieber, nicht vor allen anderen korrigiert zu werden.

Wie oft und wie selbstverständlich korrigieren wir Schüler/innen und stellen sie vor ihren Mitschüler/innen bloß. Und da geht es um sehr viel: um das Heranwachsen, um Sicherheit, um Selbstvertrauen, um Beziehungen, um die Rollenverteilung und Rangordnung in einer Gemeinschaft und nicht zuletzt um Aufstiegschancen.

"Das erste, was wir gemacht haben, ist, dass wir keine Kinder mehr beschämen. Wir können nämlich Kinder beschämen, ohne dass wir selbst einen Nachteil davon haben", sagt die Direktorin der Montessori Gesamtschule Postdam. (vgl.: Reinhard Kahl: Individualisierung - das Geheimnis guter Schulen. Archiv der Zukunft: 2011. Diese sehr empfehlenswerte DVD liegt in allen Schulen in OÖ auf.)

Ich würde ergänzen: ohne dass wir einen kurzfristig ersichtlichen Nachteil haben. Denn der langfristige Nachteil ist auf jeden Fall die belastete Beziehungsebene. Niemand von uns möchte vom Direktor in der Konferenz vor allen Kolleg/innen oder bei einem Elternabend zurechtgewiesen oder auf Fehler aufmerksam gemacht werden. Natürlich, Wachsen und Lernen brauchen immer auch Reflexion, Korrektur, Grenzen. Doch die Frage ist, in welchem Ton und in welchem Setting können wir Kritik ausüben und annehmen und kann sie somit ein Beitrag zur Weiterentwicklung sein.

Immer noch gibt es ganz wenige Schulen, die einen geeigneten Besprechungsraum haben: für professionell geführte Elterngespräche, die nicht am Gang stattfinden können, für intensive Gespräche mit Schüler/innen und unter Kolleg/innen. Und auch für unsere Arbeit als Betreuungslehrer/innen braucht es angemessene äußere Rahmenbedingungen. Freilich kann ich auch in einem Abstellkammerl ein Gespräch führen, genauso, wie man im Werkraum Physik unterrichten kann. Aber die Qualität wird leiden. Feinfühlige Gespräche zu heiklen Themen brauchen geeignete "Schutzräume". Dies ist ein wichtiger Teil der Beziehungskultur, dort, wo Menschen zusammenleben und -arbeiten.

Schaffen wir "Beziehungs-Räume" an Schulen für Gespräche, die Brücken zwischen Menschen sind!



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