Die gar nicht so lustige Rolle vom Klassenkasperl

(c) Thinkstock/Ingram Publishing
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Wir kennen ihn alle – kaum ist es ruhig in der Klasse, da fängt er (und es ist kaum eine „Sie“) an mit einer blöden Bemerkung, mit Gesten oder anderen Störaktionen. Andere SchülerInnen schauen auf ihn, werden auch unruhig. Getuschel, Lachen, Ablenkung ist die Folge.

Immer muss er im Mittelpunkt stehen. Ermahnungen helfen nichts. Das nervt. „Er ist ein Klassenkasperl.“

Es ist oft gar nicht zum Lachen für uns LehrerInnen. Man geht in eine Klasse – gut aufgelegt, mit einem Plan für die nächste Stunde, doch schon bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zerstört dieser Kerl unseren Plan und damit die Stimmung. Und schon erleben wir uns wieder keifend, lästig und oft auch ohnmächtig. Freilich spüren wir, dass etwas anders dahinter steckt: dass er Aufmerksamkeit haben will – und er holt sie sich, so oder so.

Natürlich gibt es viele Möglichkeiten, Ursachen, Zusammenhänge. Doch eine ist fast immer dabei: die (verzweifelte) Suche nach Anerkennung in der Klassengemeinschaft. Auf den ersten Blick schaut es ja so aus, als ob er der Anführer wäre und viele auf ihn hören würden. Doch wenn man etwas genauer hinschaut, merkt man schnell, dass dahinter seitens seiner MitschülerInnen Ablehnung und Nicht-ernst-Nehmen steckt. Und dass ruhige SchülerInnen genau wissen, wie sie ihn „ins Feuer schicken“, welchen „Knopf“ sie drücken müssen, um ihn zum Blödsinn anzustiften.

Die anderen können dann entspannt zusehen. Gleichzeitig ist jede Ermahnung von LehrerInnen ein negativer Erfolgspunkt, mit dem die Rolle immer stärker gefestigt wird.

Oft moderiere ich Klassengespräche zu solchen Themen. In diesen Gesprächen achte ich darauf, auch ruhigen SchülerInnen, die sonst kaum zu Wort kommen, einen Raum zu geben. Eine für LehrerInnen gar nicht so selbstverständliche Erkenntnis aus diesen Gesprächen ist: ALLE SchülerInnen wollen im Grunde tüchtig und in Ruhe lernen und erfolgreich sein. Und sie möchten Anerkennung in ihrer Klassengemeinschaft. Wenn wir SchülerInnen einen sicheren Rahmen bieten, beziehen sie auch dem Klassenkasperl gegenüber Stellung und sagen zum Beispiel: „Ich mag es nicht, wenn du den Unterricht störst. Ich möchte in Geografie aufpassen, wenn du so störst, wird die Lehrerin lästig. Ich mag, wenn du lustig bist, aber manchmal übertreibst du.“ Wenn Gleichaltrige sagen: „Mich stört dein Verhalten“ wirkt das oft viel stärker als jedes Schimpfen von uns Erwachsenen.

Für uns LehrerInnen ist es hilfreich, wenn wir störendes Verhalten nach Möglichkeit in Einzelgesprächen klären. Da reicht es oft, den Schüler in der Pause mitzunehmen und dann unter vier Augen zu sagen: „Es hat mich heute sehr geärgert, dass du immer wieder herausgeschrien hast. Ich habe den Eindruck gehabt, du wolltest mich auch ärgern.“ Gleichzeitig braucht der Schüler ehrliche Anerkennung. Vielleicht müssen wir einen Schritt zurückgehen, um wahrnehmen zu können, was seine Stärken sind. Das könnten durchaus auch Schlagfertigkeit, Mut oder Kreativität sein. Hinter mancher Störaktion steckt tatsächlich eine kreative Leistung, vielleicht ist es eine Auflockerung für langweilige Unterrichtssequenzen.

Wie auch immer: Wir dürfen auch mitlachen! Am Ende eines Klassengesprächs habe ich einmal zu einem Schüler gesagt: „Der Klassenkasperl möchte ich nicht sein!“ Darauf er: „Das bin eh ich.“

       


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