Achtsamkeit für LehrerInnen. Wege aus der Stressfalle.

Die vielen Anregungen zur Selbstkontrolle sind sicher eine Orientierungs- und Verbesserungshilfe für Gestresste und Nichtgestresste, und nicht nur für Lehrer...

Buchtitel: Achtsamkeit für LehrerInnen. Wege aus der Stressfalle.
AutorInnen: Mazzola N u Rusterholz B
Verlag: E.Reinhardt
Erschienen: 2014

Zum Inhalt

Die Autorin und der Autor sind schulische Heilpädagogen in Herisau/Schweiz. In  ihrer unveröffentlichten Masterarbeit haben sie sich mit der Lehrperson als Modell in der Förderung emotionaler Kompetenz befasst. Sie unternehmen den ambitionierten Versuch, das Konzept der Achtsamkeit als Ressource gegen Stress und als Präventivmaßnahme zu beschreiben. Achtsamkeit wird dabei definiert als Konstrukt, welches  im unmittelbaren, nicht-wertenden und kontinuierlichen Gewahrsein von Moment zu Moment und in der Registrierung der körperlichen, emotionalen und geistigen Prozesse besteht.

Es werden drei Übungen zur Stärkung der Achtsamkeit vorgeschlagen (Seite 29 ff): Bewusst atmen, Bodenhaftung und Reise durch den Körper (es sind dies bekannte Übungen, in einer zukünftigen Auflage bitte Quellenzitate einfügen). Weiter werden fünf Haltungen als Stärkung der Achtsamkeit empfohlen: das achtsame Wahrnehmen üben, sich Zeit lassen können, Umwege als Gewinn betrachten, sich auf ein Ziel beschränken, sich bewusst holen, was man auf dem Weg zum Ziel benötigt (Seite 12) – alles Einstellungen, die zwar nicht achtsamkeitsspezifisch sind, aber auf das Konzept angewendet werden können.

Es werden fünf Facetten von Achtsamkeit unterschieden: Mit Aufmerksamkeit Handeln, Beschreiben (dieser Ausdruck meint die Fähigkeit, anderen Gefühle und Erfahrungen verbal und nonverbal mitzuteilen, wahrscheinlich wäre die Bezeichnung Sich mitteilen zutreffender), Non-Reaktivität (die Fähigkeit, nicht sofort auf wahrgenommene Gefühle zu reagieren), Akzeptieren ohne Bewertung (hier wäre ganz besonders wichtig, die Philosophie hinter dieser vermeintlich „duldenden Passivität“ darzustellen; Stellungnahmen sind ja reife kognitive und emotionale Akte.  Ausmaß und Kontextbedingungen für  phasenweise Bewertungsenthaltungen wären notwendige Ergänzungen) und Beobachten ( gemeint ist das aufmerksame Wahrnehmen innerer Prozesse und äußerer Reize). Der Leser kann selbst Einstufungen vornehmen, inwieweit und in welchen Situationen er mehr oder weniger diese Facetten berücksichtigt. Die Autoren schlagen zwei mögliche Fokussierungen für Stärkungsmaßnahmen vor: Die Konzentration auf eine bestimmte Situation, in der mehr Achtsamkeit wichtig wäre, und die Konzentration auf eine bestimmte Facette der Aufmerksamkeit.

Über weite Strecken gibt das Buch verhaltensmodifikatorische Anleitungen: Da gibt es Standortbestimmungen (mit Fragebögen, die allerdings nicht standardisiert sind), Leitfragen, Checklisten, Erfolgsindikatoren, Logbücher (zur Verlaufsdokumentation, Reflexionsanalyse, Zielerreichungseinschätzung, Umsetzungskonsequenz). Das ist eine besondere Ausprägung des Buches, denkbar wäre ja auch eine poetische, meditative, bildhafte und metaphorische Heranführung an die Achtsamkeit gewesen.

Was sollte in einer zukünftigen Auflage unbedingt Berücksichtigung finden? Hilfreich wäre eine genauere Angabe zum Verständnis des Konzepts Achtsamkeit: In welchem Kontext ist sie und mit welchen Bedeutungen entstanden? Zwar meinen die Autoren, dass Achtsamkeit einen buddhistischen Ursprung hat, aber zum psychologischen Fachbegriff geworden sei. Es ist aber das Problem mit aus anderen Kulturen importierten Begriffen, dass sie manchmal nur von der praktischen Seite erfasst werden, die Philosophie, die Weltanschauung dahinter aber nicht einbezogen wird. So ist die nicht-wertende, alles akzeptierende, nicht-reaktive "Enthaltsamkeit" der achtsamen Lebensführung ein Ausdruck der Einstellung zur Welt, die so gesehen wird, dass das Erreichen eines Nirwana-Zustandes erstrebenswert erscheint. Wieso hat die "Achtsamkeit" einen derartigen Siegeszug angetreten? Ist die Innenzuwendung die psychohygienische Antwort auf die Reiz bzw. Informationsüberflutung?

Wichtig wären auch Antworten auf folgende Fragen: Welchen zusätzlichen persönlichen "Gewinn" bringt die Achtsamkeit gegenüber bisherigen Impulsen zum Selbstmanagement,  zur Entwicklung und Förderung von Sozialkompetenzen, zur Resilienz  etc. Inwieweit ist z.B. die Stärkung der „Non-Reaktivität“ etwas anderes als ein Impulsivitätstraining? Wo benötigt der gestresste Lehrer eine fachliche Hilfe trotz aller Achtsamkeitsbemühungen? U. a. m.

Warum können die Autorin und der Autor dennoch zufrieden sein mit ihrem Werk? Das Buch ist ein achtenswerter, engagierter Vorstoß in die Operationalisierung eines existentiellen Konzepts, mit anderen Worten ein Versuch, Achtsamkeit „handgreiflich“, d.h. trainierbar, kontrollierbar zu gestalten und seine Entwicklungs- und Förderstufen zu beschreiben. Die vielen Anregungen zur Selbstkontrolle sind sicher eine Orientierungs- und Verbesserungshilfe für Gestresste und Nichtgestresste, und nicht nur für Lehrer!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
04.11.2013
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/achtsamkeit-fuer-lehrerinnen-wege-aus-der-stressfalle.html
Kostenpflichtig
nein