Achtsamkeit und Humor. Das Immunsystem des Geistes

Dem Autor kann attestiert werden, dass er die Verbindung von Achtsamkeit und Humor plausibel macht, dabei einen freundschaftlichen Stil verfolgt und eine Menge von Information in flüssiger Ausdrucksform mit spritzigen aber auch tief eintauchenden eigenen Lebensbeispielen bietet!

Buchtitel: Achtsamkeit und Humor. Das Immunsystem des Geistes
AutorInnen: Metzner M S 
Verlag: Schattauer
Erschienen: 2013

Zum Inhalt

Der Psychologe und Psychotherapeut Metzner misst der Achtsamkeit und dem Humor die Funktion von Lymphozyten zu, er nennt sie die AcH-Lymphozyten, weil sie die beiden wichtigsten Kräfte des psychischen Immunsystems seien.

Der Autor wählt einen übersichtlichen Aufbau seines Buches: Zuerst wird die Achtsamkeit dargestellt, dann der Humor. Unter dem Titel „Praxis“ werden traditionelle Achtsamkeitsübungen, aber auch spielerische Achtsamkeitsübungen vorgestellt sowie achtsames Essen und schließlich praktische Vorschläge für das Erlernen von humorvollem Schmunzeln.

Zu erwähnen ist unbedingt, wie es dem Autor gelingt, schwierige Themen, wie Stress und Regeneration, konstruktivistische Ansichten zur Weltwahrnehmung, Weltbild, Zeit, Bewusstsein und Identität aus der buddhistischen Perspektive nahe zu bringen: Leichtigkeit in der Darstellungsform trotz Schwergewichtigkeit des Inhalts. Das gilt auch für die humorbezogenen Themen wie die neurobiologischen Befunde zum Lachen, die verschiedenen Gehirnregionen, die Gehirnaktivität beim Verarbeiten von Witzen, der Zusammenhang zwischen Lernleistung und Anspannung, das Aktivierungsniveau, die Wirkung des Humors im klinischen Bereich,  die Wesensmerkmale der Provokativen Therapie, Narzissmus - hier brilliert der Autor selbst mit Witz, indem er den allseits beliebten Narziss mit dem Justin Bieber der Mythologie vergleicht (Seite 77).
Auf rund 50 Seiten gibt der Autor außerdem praktische Hinweise für Achtsamkeits- und Humorentwicklung.  

Zu erwähnen ist aber auch, dass die meisten im Folgenden angeführten kritischen Anmerkungen mit der Rezeption bzw. Übertragbarkeit buddhistischen Gedankengutes zu tun haben. Ist unser Zugang zum buddhistischen Denken adäquat, ist die Lehre selbst widerspruchsfrei? Ist Achtsamkeit eine Dauereinstellung oder eine spezifische zeitgebundene Übung wie die Meditation? Wird die Urteilsenthaltung tatsächlich dem Menschen gerecht? U. v. a. m.

In 10 Abschnitten umreißt der Autor, was unter Achtsamkeit zu verstehen ist. Er beschreibt sie als eine konzentrierte, gegenwartsorientierte und urteilsfreie Geisteshaltung. Der achtsame Geist ist gegenwärtig, gesammelt und gleichmütig (besser: gewährend). Der Autor spricht von einem dialektischen Menschenbild. Dieses beschreibt er nicht explizit als das Wechselspiel von These, Antithese und Synthese, sondern derart, dass der Mensch frei, spontan und kreativ handeln kann und die Umwelt aktiv gestaltet, die dann wieder auf ihn zurück wirkt (Seite7). Unter Sammlung versteht der Autor, sich auf eine Sache ganz einzulassen im Gegensatz zum Multitasking (Seite 8). Gleichzeitig plädiert er allerdings für die Beobachterrolle, d.h. für die konsequente Enthaltung von Bewertungen. Jedoch  tritt er für die Bereitschaft ein, nach den eigenen Werten zu handeln (Seite 33). Sich ganz einlassen, aber beobachten, nicht werten, aber nach eigenen Werten leben - möglicherweise ein Widerspruch? C .G. Jung, auf den der Autor auch Bezug nimmt, hat in seiner Typenlehre die Wahrnehmung verknüpft mit der Beurteilung. Die verabsolutierte, d.h. generalisierte und auf Dauer eingerichtete urteilslose, wertungsfreie Geisthaltung, die Empfehlung, sich nicht-wertend zu verhalten, bedeutet entweder eine Absage an die wertorientierte und theorieorientierte Beurteilungsfähigkeit des Menschen insgesamt oder zumindest eine Abkehr von der fühlenden, wertorientierten Funktion. Defizitär ist beides. Abgesehen davon, dass das empfohlene intensive Erleben beim Beobachten eine basale Wertung impliziert. Was den existentiellen Therapien so wichtig ist, sollte beim richtigen Verständnis der Achtsamkeit nicht ganz vergessen werden: Die Stellungnahme, Positionierung, das couragierte Eintreten für eine Sache, die Entscheidung. Dies alles könnte aus einem Aspekt der Achtsamkeit erfolgen. Achtsamkeit im Sinne einer neutralen, passiv-rezeptiven Beobachterrolle kann nicht Dauerrezept sein (ebenso wenig wie die nondirektive Gesprächsführung). Es gibt viele Situationen, in denen die Urteilsfähigkeit und konkrete Bewertung dem Menschen abverlangt werden. Wie lässt sich eine Demokratie verwirklichen, wenn niemand wählt, sondern jeder nur beobachtet? Hierzu hat  der Autor sicher viel Klärendes zu sagen und dies sollte bei einer weiteren Auflage ergänzt werden. Dass Achtsamkeit die Wahrnehmung erweitert, von Konditionierungen, d.h. eingefahrenen Reaktionsmustern befreit, den "Autopiloten" optimiert, zu einer bedingungslosen Selbstwertschätzung führt, sagt der Autor. Und, dass Akzeptanz gegenüber unangenehmen Situationen (er bringt als Beispiel einen Mann im Regen) hilfreich ist. Aber wie man diese Horizonterweiterung im Leben einsetzt, achtsam entscheidet, achtsam handelt und achtsam gestaltet - könnte noch stärker betont werden. Z.B. gibt der Autor selbst ein gutes Beispiel mit der Formel "Sich sorgen oder für sich sorgen!". Hingegen wäre das kleine Kapitel über Weltanschauung und Politik sicher wert, auf achtsame Handlungsmöglichkeiten untersucht zu werden (anstatt nur in dem Sinn, dass Gespräche über Weltanschauungen und Politik oft schnell in humorlosen Streit münden).

Ebenso kritisch muss man die Empfehlung hinterfragen, dass es bei richtiger Achtsamkeit egal sei, wie sich der Körper fühlt, ob man entspannt meditiert oder zum Zug hetzt, immer müsse die Achtsamkeit gewahrt werden. Das stimmt schon so, als Bild kann man sich das Yin-Yang-Symbol vorstellen, das eine helle und eine dunkle Fläche ineinander schlingt und in jedem Feld einen kleinen Kreis der Gegenfarbe enthält. Aber die völlige Gleichgültigkeit des körperlichen Empfindens könnte als Abspaltung des Leiblichen missverstanden werden und wäre einem psychosomatischen Denken entgegen gesetzt. Metzner rückt die Dinge aber selbst wieder ins Lot mit seiner Formulierung „Mit Leib und Seele ganz bei Sinnen“ (Seite 10). Außerdem empfiehlt er auf Seite 13 selbst, ganz bei den Körperempfindungen zu sein.

Zwei methodische Anmerkungen: Die Rolle des Denkens bleibt nicht ganz ohne Spannung: Auf Seite 22f führt der Autor die Rational-Emotive Verhaltenstherapie an als Beispiel für den Versprachlichungs- und Interpretationsprozess in komplexen Situationen. Das Wesentliche am rational-emotiven Ansatz ist aber nicht die Benennung (Versprachlichung), sondern die Idee, dass die Gefühle nicht das Primäre sind, sondern die ihnen zugrundeliegenden Gedanken (Interpretationen). Diese sind daher wichtig. Auf Seite 13 wertet er das Denken (als Grübeln) allerdings als unnötig und hinderlich.
Auf Seite 9 meint der Autor, der Übung von Entspannung liege eine stillschweigende Bewertung zugrunde: Anspannung sei schlecht, Entspannung sei gut. Das ist ein Irrtum. Entspannungstherapie ruht nicht auf diesem Gegensatz auf, sondern auf der Polarität Spannkraft und Entspannung gegenüber Anspannung und Erschlaffung.

An zwei Stellen im Humorkapitel sei noch eine kleine inhaltliche Anmerkung gestattet: Auf Seite 49 meint der Autor, Humor sei so ziemlich das genaue Gegenteil von trocken: Aber es gibt den trockenen Humor, d.h. die sich als Sachmitteilung verkleidenden witzigen Inhalte. Überhaupt könnte auch die Rolle der Pointe im Witz, der Rahmenwechsel und Kippeffekt und vor allem die Weisheit des Witzes (aber auch ganz wichtig seine Abwehrfunktion) noch mehr beleuchtet werden. Auf Seite 137 könnte noch differenzierter formuliert werden: Hyperintention ist die Anstrengung beim Herbeiführen-Wollen spontaner Effekte (wie Einschlafen herbei zwingen wollen), Paradoxe Intention ist die Bemühung, das an sich gefürchtete Symptom herbei zu wünschen oder zu übersteigern (z.B. rasendes Herzklopfen anzustreben, wenn man sein Herz ängstlich beobachtet.  V. E. Frankl hat diese Methode beschrieben) und Paradoxe Intervention ist eine Strategie der systemischen Therapie, bei der Problemverhalten absichtlich herbei geführt wird und damit unter Kontrolle kommt (z.B. ein häufig streitendes Ehepaar bekommt die Aufgabe zugewiesen zu streiten, allerdings nur von 17 bis 18 Uhr). Während Hyperintention bitter ernst werden kann, sind ihre paradoxen Geschwister humorvoll.

Insgesamt kann dem Autor attestiert werden, dass er die Verbindung von Achtsamkeit und Humor plausibel macht, dabei einen nicht belehrenden, sondern freundschaftlichen Stil verfolgt und eine Menge von Information in flüssiger Ausdrucksform mit spritzigen Beispielen und tief eintauchenden eigenen Lebensbeispielen bietet! Es ist ein sympathisches Buch, das anregt, aber nicht zuschüttet, ermutigt ohne zu verflachen und mit dem Leser einen Dialog "auf gleicher Augenhöhe" führt!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
05.06.2013
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/achtsamkeit-und-humor-das-immunsystem-des-geistes.html
Kostenpflichtig
nein