Die Spannweite des Daseins

Die Universität Wien veranstaltete 2009 ein Symposium zum 80.Geburtstag des Philosophen und zenmeditationserfahrenen Prämonstratensers Augustinus Karl Wucherer-Huldenfeld.

Buchtitel: Die Spannweite des Daseins - Philosophie, Theologie und Religionswissenschaft im Gespräch
AutorInnen: Baier K u Riedenauer M (Hg)
Verlag: V&R unipress
Erschienen: 2011

Zum Inhalt

Die Festschrift vereinigt 24 Beiträge, die das Denken des Jubilars aufgreifen und in die unterschiedlichsten Themen einfließen lassen. Sie sind in fünf große Abschnitte aufgeteilt:

  1. Existenzdenken, Ontologie und Theologie
  2. Ethik und Befreiung
  3. Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie
  4. Therapie, Ästhetik, Philosophie der Schönheit
  5. Religionswissenschaft, Atheismus und Spiritualitätsforschung

Die Spannweite der Beiträge ist nicht nur inhaltlich sehr groß. Auch formal gibt es große Differenzen zwischen Beiträgen. Das hängt möglicherweise auch mit der Lebensnähe der Auseinandersetzungen zusammen und dem Gewicht, das jedem Wort außerhalb der Philosophenstube zukommt (will sagen: je nach praktischer Konsequenz der Ausführungen): Die Tugendethik, die Frage der vorgeburtlichen Menschenwürde, das "Wort Gottes", die schizophrene Erkrankung, das Sein in Zeit, die Frage der Einheit der Religionen, Atheismus und Spiritualität sind einige Beispiele für lebensnahe Themen, die von den Autorinnen und Autoren wahrscheinlich auch wegen der Praxisrelevanz in einer sehr verstehens-orientierten unprätentiösen Darstellungsweise aufbereitet werden.

Auf der anderen Seite gibt es Erörterungen, die in ihren Spekulationshöhen die direkte Wahrnehmung nicht mehr ermöglichen, sondern den Gegenstand der Betrachtung nur indirekt im Spiegelbild vielfacher Reflexionen zeigen. In dieser komplexen, mehrfach gebrochenen Perspektive verwinden sich die Wörter in Paradoxien. Das mag mit dem Thema zu tun haben: Der "spekulative Karfreitag" ist ein Beispiel dafür. Gott ist tot, er stirbt nicht nur als Projektion und als spekulatives Wissen, sondern Gott selbst lässt sich töten, er ist der immer schon Tote, der aber mitleidet und die spekulative Durchdringung des Karfreitags bringt dazu, im Tod Gottes die höchste Liebe zu erkennen usw. usw.

Worte, die sich gegenseitig aufzuheben, zu immunisieren scheinen und dennoch im Unsagbaren zu Aussagen kommen wollen, ( abgesehen davon, dass es dem Anlass und der Offenheit des Spielraums des Daseins durchaus entsprochen hätte, das "Entweder ich oder du - es kann nur einen geben- Paradigma" zu überwinden, mit Gott zu leben, anstatt Gott zu töten! Was ist mit Koevolution als neuem Paradigma?)

Die Ausführungen zur Fundamentalontologie und Gottesfrage sind ein weiteres Beispiel für den offensichtlichen Zusammenhang zwischen komplexen Formulierungen und komplexen Themen, wobei hier die unmittelbare in vielen Bezugnahmen zum Vorschein kommende Nähe zu Heidegger schon den Sog einer sehr bedeutungschweren Sprachgestaltung bewirkt. Möglicherweise ist das aber alles kein Problem für Wissende. Diese tun sich auch leichter im Erkennen dessen, was Wucherer-Huldenfelds Proprium ist und wo Erweiterungen, Modifikationen, Ergänzungen, Kontrapositionen im Buch stattfinden. Denn nur in einigen Beiträgen wird der Jubilar direkt zitiert und herangezogen.

Es hätte dem Buch und den nicht unmittelbaren Insidern unter den Lesern sicherlich genützt, in einem einführenden Kapitel die Vita und die Lehre Wucherer-Huldenfelds darzustellen und zwar nachvollziehbar, denn die Skizze der Herausgeber in der Einleitung ermöglicht nur eine Kenntnisnahme. Man sucht auch nach dieser Einführung, denn der Rückendeckeltext macht sehr neugierig auf die Erweiterung der Fundamentalontologie Heideggers durch den österreichischen Philosophen. Sucht man dann nach Erklärungen außerhalb des Buches z.B. im ORF" Philosophie im Gespräch", dann erfährt man in einem Interview des Herausgebers Riedenauer mit Wucherer-Huldenfeld, dass Wucherer-Huldenfeld von der Intentionalität spricht, vom Aufgabencharakter des Lebens, vom Appellhaften des Seins - alles Inhalte, die ebenso für den Ansatz der Logotherapie/Existenzanalyse gelten können. Wucherer-Huldenfelds eigene Perspektiven, deren es eine Fülle gibt, wären deutlicher herauszuarbeiten.

Insgesamt ist es aber ein sehr interessantes Buch mit originellen Themenstellungen wie z.B. auch die Frage nach der Entsprechung des christlichen Auferstehungsgedankens in der buddhistischen Lehre. Oder die Frage der Freiheit im Zusammenhang mit Kolonialisierungen (man denke auch an Missionierungen), oder der Hinweis auf die phänomenologische Grundlage der Naturwissenschaft (ein Bibelwort abwandelnd könnte man formulieren: am Anfang waren Geschichten), oder der Umgang mit Nihilismus und Spiritualität.. Man liest das Buch über die Spannweite des Daseins mit Spannung. Die Themen lassen nicht unberührt, sondern entfalten eine herausfordernde Impulskraft! Geht es doch immerhin um die eigene Spannweite des Daseins und die Frage, wo diese Offenheit in den Spielraum des Seins verstellt, blockiert ist. Wucherer-Huldenfeld hat sich - auch mimisch beobachtbar - ein kindliches Staunen bewahrt, das am ehesten diese Offenheit demonstriert!

Meta-Daten

Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
18.02.2012
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/die-spannweite-des-daseins-philosophie-theologie-und-religionswissenschaft-im-gespraech.html
Kostenpflichtig
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