Einführung in die Erlebnispädagogik

Der politische Berichterstatter, Redenschreiber und Berater Kurt Hahn hat sein Erziehungsmodell als "Erlebnistherapie" bezeichnet und in der Gesellschaft seiner Zeit (beginnendes 2. Drittel des 20.Jahrhunderts) einen Mangel an menschlicher Anteilnahme, an Sorgsamkeit, an körperlicher Tauglichkeit und an Initiative und Spontaneität konstatiert.

Buchtitel: Einführung in die Erlebnispädagogik (7. aktualisierte Auflage)
AutorInnen: Heckmair B u Michl W
Verlag: Ernst Reinhardt
Erschienen: 2012

Zum Inhalt

Diesen Verfallserscheinungen wollte er erlebnistherapeutisch begegnen durch körperliches Training, Expeditionen, Projektarbeit und aktiven Dienst am Nächsten. Gegenüber Erfahrungslernen, Abenteuerpädagogik, Aktionspädagogik etc. hat sich der Begriff Erlebnispädagogik durchgesetzt. Diese definieren die Autoren als handlungsorientierte Methode, die durch exemplarische Lernprozesse (physische, psychische und soziale Herausforderungen) junge Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern will und zur verantwortlichen Lebensweltgestaltung befähigen will (Seite 115). Die originelle Gliederung des Buches geht von Blicken aus: Rückblicke zu Rousseau, Thoreau, Hahn etc.; Rundblicke über den Weg der Erlebnispädagogik einerseits über die Kontinente hinweg, andererseits über neue Terrains wie den Einbau konstruktivistischen Denkens und neurobiologischer Erkenntnisse; weiter gibt es Einblicke in die Grundlegung der Erlebnispädagogik, hier besonders eindrucksvoll die Dimensionen des Lernens, die Berührung von Präventionsarbeit und Psychotherapie, von Behindertenhilfe und Betriebspädagogik, um nur einige Beispiele zu nennen. Sehr spannend ist der Überblick über erlebnispädagogische Aktivitäten, wobei Bergwandern, Klettern, Höhlenbegehung etc. auf ihre eigentlichen Inhalte und Wesenszüge bezogen werden (z.B. sich auf die Spitze treiben als Proprium des Kletterns), wobei eine tabellarische Zusammenschau sehr hilfreich gegliedert ist; schließlich gibt es noch Seitenblicke in vernachlässigte oder kritische Themen und Ausblicke in positive und negative Weiterentwicklungen, wobei besonders die Visionen, d.h. die vier Szenarien (Erlebnisgesellschaft, Ästhetisierung und Existenzkampf, Erlebnisreservate, Abenteuer im künstlichen Raum) beeindrucken. Originell ist der Vergleich der Positionen der Erlebnispädagogik, wie sie Hahn grundgelegt hat, mit den Grundlagen der Individualpsychologie; berührend ist die Beschreibung der Bewältigung hoher Herausforderungen durch geistig oder körperlich behinderte Menschen.

Nach diesem positiven Feedback einige Anmerkungen lektorischer und inhaltlicher Art. Lektorisch könnte das Buch für eine weitere Auflage auf a) formale Korrekturmöglichkeiten gesichtet werden, z.B. Seite 22 für "nicht reden über h(sic!)andeln" b)man könnte z.B. auf Seite 113f sachliche Aktualisierungen überlegen, z.B. für " Wer sich tief in die Erlebniswelt des anderen Menschen hineindenken oder hineinfühlen will, ist Tiefenpsychologe" - Empathie ist ein Schwerpunkt der humanistischen Psychotherapieschulen, insbesondere des Ansatzes von Rogers; abgesehen davon ist seit der kognitiven Wende Verhalten und Introspektion kein Gegensatz mehr, der Behaviorismus und die Tiefenpsychologie sind keine Gegensätze, der kausale und der hermeneutische Erkenntnisweg sind komplementär; c) man könnte wertende Äußerungen überdenken wie z.B." Außer Jürgen Oelkers, dem gescheiten (sic!) Pädagogikprofessor" ( S 249) und überprüfen, ob das zitierte Gesprächsprotokoll (S 41f), bei dem Frau Specht, eine Mitgründerin der Erlebnispädagogik, mit einer Satzungsüberarbeitung befasst wird, tatsächlich die Bedeutung dieser Pionierin illustriert.

Inhaltliche Anregungen

Es wären wichtig Ausführungen zu einem "Curriculum" der Erlebnispädagogik, aber auch zu einem Entwicklungsfahrplan für Teilnehmer/innen der Erlebnispädagogik: Gibt es so etwas wie Stufen der Erlebnispädagogik, gehen diese Stufen im Sinne des zitierten Piagetschen Ansatzes in Richtung Vorstellung des Handelns, Reflexion des Handelns, geistig-abstrakte Operationen? (Ein Ansatz dazu sind möglicherweise die Problemlösungsaufgaben). Interessant wären auch ausführlichere Überlegungen zur "Ko-Konstruktivität", wie entstehen gemeinsame Interpretation, wie kann Konsensbildung gefördert werden? Werden Gruppenprozesse berücksichtigt, analysiert, beeinflusst? Erlauben die Erlebniserfahrungen eine Generalisierung? Zu diesen Fragen gibt es im Buch viele Ansatzstellen, z.B. die herausfordernden Teamaufgaben . Die Anmerkungen des Rezensenten sind daher nur als Vertiefungswünsche zu verstehen. Anders bei den folgenden beiden Überlegungen: Wie sieht es mit der Rolle der Fantasie aus? Hier ist noch wenig ausgeführt. Wie sieht es mit dem Umgang mit Zweifelhaftem, mit Misserfolgen, mit "Bösem" aus? Man wird ja schwerlich Misserfolge erlebnispädagogisch arrangieren wollen. Auch hier gibt es noch kaum Aussagen.

Insgesamt liefert das Buch aber ein überzeugendes Plädoyer für die Erlebnispädagogik als einen kreativen Ansatz in den unterschiedlichsten Erfahrungsbereichen. Wo immer man mit seiner pädagogischen Überzeugung positioniert ist, die Rolle des Handelns, die Einbeziehung der Sinne, der Emotionalität, der Herausforderung durch archaische Situationen, der eindrücklichen Direkterfahrung anstelle einer "Reflexion" ohne Bezug auf ein Erleben, all dies wird nach der Lektüre dieses Buches immer mitbedacht werden müssen!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
12.04.2012
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/einfuehrung-in-die-erlebnispaedagogik.html
Kostenpflichtig
nein