Erfasse komplex, handle einfach.

Systemische Psychotherapie als Praxis der Selbstorganisation - ein Lernbuch.

Buchtitel: Erfasse komplex, handle einfach. Systemische Psychotherapie als Praxis der Selbstorganisation - ein Lernbuch.
Autorinnen: Rufer M
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Erschienen: 2012

Zum Inhalt

Herzstück des Buches über systemisches Denken und Handeln in der Psychotherapie sind die Fallbeispiele, in denen der Autor sich " über die Schulter blicken lässt" und kommentierte Transkripte von Therapiesitzungen bei massiven Problemen vorlegt (Drogengefährdung, Flucht vor ehelicher Gewalt, antisoziales Verhalten, Traumatisierung durch Gewalterfahrung, Spätfolgen einer Kindheitserfahrung von sexuellem Missbrauch, nicht indizierte Psychotherapie).Die Falldarstellungen werden durch eine Übersicht und einen Hinweis auf die Lerninhalte eingeleitet, immer wieder werden Sequenzen kommentiert, mit Reflexionsfragen und Überlegungen zum therapeutischen Vorgehen angereichert. Die Grundlage für Rufers Handlungsempfehlungen bildet das systemtheoretische Denken, für das z.B. mechanistische Zielerreichungsvorstellungen nicht akzeptabel sind (Seite 22), die therapeutische Prozessgestaltung kontextbezogen erfolgen muss (ebd.). Es gilt, die Komplexität eines Problemfalls zu erkennen und dann eine einfache (vielleicht könnte man auch sagen:markante) Handlungsweise daraus zu destillieren. Das Konzept der Selbstorganisation (spontane Musterbildung von Systemen) wird als universelles Prinzip der Ordnungsbildung und des Ordnungswandels verstanden. Kennt man die Wandlungsprinzipien, kann man gezielt eingreifen, besser gesagt einen Anstoß geben, damit sich das System wieder neu anpassen muss. Hilfreich sind dafür die sogenannten generischen Prinzipien, vergleichbar den unspezifischen Wirkfaktoren und den störungsspezifisch orientierten Interventionen übergeordnet: Herstellen von Stabilitätsbedingungen, Erkennen von Mustern des relevanten Systems, Sinnbezug, Kontrollparameter, Destabilisierung, Kairos-Passung, Zielorientierung, Restabilisierung (Seite 35f).  So ermöglicht der Sinnbezug folgende originelle Fragen, z.B.: Welche Bedeutung, Funktion, welchen Sinn haben bisherige (auch gescheiterte) Problemlösungsversuche? Welches sind die wirklichen (existenziellen) Probleme des Patienten? Welche sollen Thema in der Therapie sein? (Seite 38). 

Die Zielorientierung gestattet die mentale Antizipation von Zielerreichungen bzw. intendierten Ordnungszuständen (Seite 40). Eine zentrale Perspektive des Buches ist die Beziehung. Der Therapeut braucht Systemkompetenz, um die Beziehung konstruktiv zu gestalten(3.Kapitel) und er muss die Therapie als Prozess sehen, in dem Muster erkannt, Prozesse erfasst und Veränderungen angestoßen werden.

Das Buch ist eine sehr interessant gestaltete, sehr dichte Information über die therapeutische Nutzung systemischen Denkens, insbesondere der Selbstorganisation. Wegen dieser Dichte und der Fülle von Aussagen und Einsichten bleiben auch viele Wünsche nach Erläuterungen offen. Einige Beispiele sollen angeführt werden: Worin unterscheiden sich "Techniker" (als Methoden"freaks") von den  "Handwerkern" (den positiv bewerteten Gesprächs -und Beziehungsexperten) wirklich?  Wann sind Methodenkenntnisse, Techniken erwünscht (Seite 39)? (Seite 18). Wo bleibt das Dialogische, die personale Begegnung, wenn die Tätigkeit um der Tätigkeit willen perfektioniert wird? (Seite 18) Worin unterscheiden sich die positiv bewerteten systemischen Konzepte (Seite 21f) von den Konzepten, an die man sich nicht glaubend binden sollte (Seite 18f)? Sind Störungen ein dynamisches System von Krankheit und Gesundheit oder nicht eher doch ein Systemzustand? (Seite 22) Was ist ein krankhafter Ordnungszustand (Seite 32)? Inwiefern ist Veränderung tatsächlich diskontinuierlich oder ist die Sprunghaftigkeit ein Wahrnehmungsphänomen? Wie lässt sich das Paradoxon erklären, dass für den lebendigen Wandel ein stabiler Rahmen erforderlich ist (Seite 36)?  Wie lässt sich in einem nicht prognostizierbaren Wandlungsprozess therapeutische Nachhaltigkeit konkret erreichen (Seite 40)? Inwieweit lässt sich die Prämisse, dass die Form dem Inhalt übergeordnet, d.h. u.U. wichtiger ist, argumentieren (Seite 57)? Lässt sich das "dialektische Prinzip" ( zu jeder Technik gibt es einen Antagonisten, eine gegenläufige Technik. Die Kenntnis der Technik und ihres Gegenspielers ermöglicht den sinnvollen Einsatz der Technik - Seite 73) auch selbstreferentiell auf das fundamental eingeschätzte Konzept der Selbstorganisation anwenden? Gibt es eine Gegenmeinung zur Selbstorganisation und daher differenzierte "Indikationen" für die Grundlegung der Selbstorganisation?

Diese und noch andere Erläuterungsbedürfnisse entstehen wahrscheinlich bei jenen Lesern, die keine rasche, unkritische Rezeption anstreben, sondern alle Prämissen und Schlussfolgerungen argumentativ verstehen und nachvollziehen wollen. Da diese Fragenbeispiele die provokative Kraft des Buches belegen, sind sie als Kompliment zu verstehen! Außerdem meint der Autor: Verstehen heißt Fragen stellen (Seite 23). In der Wissenschaft wie in der Therapie gilt die Frage wichtiger als die Antwort (ebd.). Dies kann allerdings nur für den heuristischen Prozess gelten, für die konkrete Lebensführung sind (immer wieder hinterfragbare, aber dennoch) konkrete Antworten notwendig. Man könnte den Titel des Buches auch so erweitern: Erfasse komplex durch Fragen - Handle einfach durch Antworten! Deren volle Berücksichtigung ließe freilich den Buchumfang sehr stark anschwellen! Das Buch - und das soll hier nicht "untergehen" - gibt aber bereits sehr viele Antworten und Orientierungshilfen!

Dem Autor ist ein sehr anregendes und zum Nachdenken über systemische Zusammenhänge und Wandlungsphänomene motivierendes Buch gelungen!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
03.05.2012
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/erfasse-komplex-handle-einfach.html
Kostenpflichtig
nein