Grundformen der Angst

Fast ehrfürchtig nimmt man das Buch in die Hand, es war und ist für Anfänger, Fortgeschrittene und erfahrene Psychotherapeuten ein wertvoller Kompass im Dschungel der menschlichen Seele. Und fast wehmütig liest man den so verständlich formulierten Text und vergleicht ihn mit manchen (notwendig...

Buchtitel: Grundformen der Angst - 40. Aufl.
Autorinnen: Riemann F
Verlag: E. Reinhardt
Erschienen: 2011

...Weise?) hochkomplexen und hochspekulativen Formulierungen der modernen Psychotherapieliteratur. Der Reinhardt- Verlag setzte beim Layout auf eine besonders schlichte, geradezu bescheidene Gestaltung für diese 40. Auflage, es fehlen auch lobende Geleitworte - das Kultbuch soll ganz durch und aus sich selbst wirken; das Titelblatt zeigt einen Menschen, der einen langen Schatten wirft, verloren inmitten einer unendlichen Weite - vielleicht ein Sinnbild des depressiven Menschen mit seiner Verlustangst und seiner Angst vor der Selbstwerdung. Das Titelblatt pointiert somit den Leidensaspekt der Angst. Ebenso wäre auch eine Darstellung des Menschen nach dem Vorbild von Leonardo da Vinci sinnvoll gewesen: die nach oben und leicht seitlich gestreckten Arme würde dann z.B. die Antinomie zwischen Selbstwerdung und Selbsthingabe zeigen und die beiden leicht in Grätsche gestellten Beine könnten die Antinomie zwischen Wandel und Beständigkeit darstellen. Das Ganze eingebettet in einen Kreis, der Riemanns Grundüberzeugung demonstriert, nämlich, dass jeder Mensch in diesem zweifachen Spannungsfeld steht und seine Balance finden muss, wenn die eine oder andere Seite stärker entwickelt ist. Denn jeder Mensch hat die Aufgabe zu einem einmaligen Individuum zu werden, aber sich auch der Welt und dem Mitmenschen gegenüber zu öffnen. Jeder Mensch sollte bleibende Strukturen schaffen, sich niederlassen in der Welt, aber auch bereit sein, sich weiter zu entwickeln und sich zu verändern. Riemann schreibt dazu: " Wir gehen also hier von vier allgemein gültigen Grundeinstellungen und Verhaltensmöglichkeiten aus gegenüber den Bedingungen und Abhängigkeiten unseres Daseins, wobei uns das kosmische Vorbild der lebendigen Ordnung und Ausgewogenheit scheinbar unvereinbarer Gegensätze vorschwebt." (S 20f) Riemann bringt ein recht anschauliches Bild für die vier Grundformen der Angst. Er vergleicht sie mit den vier mächtigen kosmischen Impulsen: Die Erde dreht sich um die Sonne, eine Bewegung, die man auch Umwälzung , Revolution nennen könnte. Zweitens dreht sich die Erde um sich selbst, führt also eine Eigendrehung aus. Als dritter mächtiger Impuls wirkt die Schwerkraft, die alles bindet, festhält, konzentriert; und als Gegenspielerin die Fliehkraft, die in die Weite drängt und loslassen will. Diese vier Kräfte halten sich gegenseitig in ausgewogener Ordnung. Wenn eine davon ein Zuviel oder Zuwenig aufweist, kommt es zu Störungen: die Eigendrehung entspricht der Individuation, die Umwälzung entspricht der Einordnung, Sozialisation, die Schwerkraft entspricht dem Bestreben, Beständiges zu schaffen oder zu erreichen, und die Fliehkraft entspricht dem Wunsch nach Veränderung, der Neugier. Ein Zuviel oder Zuwenig führt zur Angst, Angst vor der Selbstwerdung, Angst vor der Nähe, Angst vor der Bindung, Angst vor Veränderungen. Riemann verknüpft diese Exzesse bzw. Defizite mit vier Persönlichkeitsstrukturen, d.h. vier Arten des In -der-Welt-Seins. Durch extreme Ausprägungen, die psychogenetisch zu verstehen sind, kommt es zu den vier neurotischen Pendants: Schizoidie, Depression. Zwang, Hysterie.

Riemann beschreibt diese vier Typen anschaulich, ihre frühkindlichen Erfahrungen, ihren Lebensbezug, ihre Art der Liebe und der Aggression und ihre vorherrschenden Emotionen und Erlebnisweisen, ihr typisches Verhalten, ihre Grundangst, all dies demonstriert an Beispielen mit kurzen Falldarstellungen und immer in einer sehr plastischen Darstellungsweise mit bildlichen Vergleichen.

Wenn man dieses Buch liest, wird man unweigerlich an einer bestimmten Stelle des Buches stutzig werden und konsterniert feststellen: Das bin ja ich! Woher kennt mich der Riemann so gut? Das ist aber nicht anders zu erwarten: Riemann beschreibt ja Lebensgrundhaltungen, die basal auf jeden Menschen zutreffen. Dazu kommen aber verschiedene Farbschattierungen und diesen Farbabstufungen entsprechen gesunde Grundhaltungen, leichte Irritationen und schließlich spezifische neurotische Ängste. Dass der Reinhardt-Verlag dieses Buch wieder auflegt, ohne Wenn und Aber, also ohne erklärende Kommentare, Grußbotschaften, Geleitworte, Aktualisierungshinweise, ist vielleicht die stärkste Ovation an ein Buch, das schon fast eine Million Leser angesprochen hat und noch immer nichts von seiner Wirkung eingebüßt hat!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
10.10.2011
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/grundformen-der-angst-1.html
Kostenpflichtig
nein