Gruppenpsychotherapie und Gruppenanalyse. Ein Lehr- und Lernbuch für Klinik und Praxis.

Das Buch bietet Klarstellungen, wichtige Grundlagen für „Anfänger“ und wertvolle Differenzierungen für Erfahrene, bis hin zu Provokationen, die zur eigenen Stellungnahme auffordern, wie z.B. die Männersprache und Frauensprache:


AutorInnen: Staats H, Dally A u Bolm T (Hg)
Verlag: Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
Erschienen: 2014

Zum Inhalt

 

Das vorliegende Werk ist sympathisch. Der nicht unkomplizierte Gegenstand des Werkes wird in einer verständlichen Sprache, ohne überbordende Verwendung von Fachtermini und ohne Überlastung des Lesers aufbereitet (die einzelnen Unterkapitel  umfassen meist überschaubare  5-10 Seiten).

Im ersten Kapitel geht es um Klarstellungen von Begriffen, Definitionen, Abgrenzungen: Gruppenpsychotherapie, Gruppenanalyse, Beziehungen, Rollen, Rahmen in Gruppen, Vergleich mit Einzelpsychotherapie und schließlich um das integrative Göttinger Modell der Gruppenpsychotherapie.

Das zweite Kapitel thematisiert die Frage, wie es ist, unter anderen zu sein; es befasst sich mit der Wahrnehmung von Gruppen, mit Wirkfaktoren in Gruppen, Indikation, Risiken und Nebenwirkungen.

Das dritte Kapitel beschreibt Grundlagen und Konzepte der Gruppenleitung: Das Unbewusste, Konflikte, Strukturen, Übertragung und Gegenübertragung, Neutralität, Regression, Abwehr und Widerstand, Transparenz und strukturelle Störungen.

Das vierte Kapitel gibt Hinweise darauf, wie man sich auf verschiedene Gruppen einstellt: Günstige Lernbedingungen, Arbeitsbeziehungen und Arbeitsbündnis, Situationsdefinition, Mentalisieren, therapeutischer Stil und die zwei Modi Deuten und Antworten.

Das fünfte Kapitel widmet sich der Frage, wie man Gruppen in ihrem Verlauf begleitet und gestaltet:  Z.B. Vorbereiten und Beendigen einer Gruppenpsychotherapie, Wahrnehmen von Affekten, Konflikten, Ambiguität, das Schreiben von Anträgen und einer Dokumentation und noch mehr.

Das sechste Kapitel analysiert spezifische Patientengruppen und besondere Arbeitsbedingungen: Gruppenpsychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen, Traumatisierungen, Sucht, bei kurzer Dauer, stationärem Aufenthalt, unterschiedlichen Settings, Interkulturellen Konflikten, sowie bei Genderfragen.

Das abschließende Kapitel  gibt Einblick in die erforderlichen Ausbildungsschritte für den Umgang mit Gruppen.

Einige Anmerkungen, Anregungen und Beispiele für den reichen Inhalt:

Gruppenanalyse wird in weitem Sinn verstanden: in unterschiedlichen Arbeitsfeldern und unter Berücksichtigung unterschiedlichster Konzepte wie Unbewusstes, Matrix, Spiegelneuronen, Affektregulation u. v. a. m. (Seite 17).

Auf Seite 55 wird auf die Verbundenheit von Antwort und Verantwortung hingewiesen, „response“ und responsibility“ (hier könnte man auf die Responsivität im Sinne von Waldenfels aufmerksam machen: der Mensch ist schon immer in ein Antworten eingebunden, auch wenn er den anderen Menschen immer als einen ganz anderen konzipieren muss).

Faszinierend sind die auf Seite 87 erfolgten Überlegungen zum Oszillieren des Gruppenleiters zwischen primärprozesshafter Binnenwahrnehmung und sekundärprozesshafter Außenwahrnehmung, sowie zum Vorherrschen de Auditiven in der klassischen Liegeposition und zur Dominanz des Visuellen in der Gegenübersitzhaltung. Letztere erfordert eine Kontrolle des mimischen und gestischen Ausdrucks des Therapeuten –auch in der Gruppensituation. Die Sichtbarkeit des Therapeuten erhöht die Realitätswahrnehmung, der Therapeut wird als reale Person erlebt. (Seite 67).

Auf Seite 116f wird der Begriff der „Neutralität“ zurecht gerückt: Die Neutralität bezieht sich auf die Wahrnehmung aller Faktoren, ohne Bevorzugung,  ist aber keine Urteilsenthaltung.  Eine Metapher erklärt dies sehr schön: Ein Schiedsrichter ist neutral gegenüber den beiden Mannschaften, er bevorzugt keine, aber er ist nicht neutral gegenüber der Einhaltung von Spielregeln. Neutralität bedeutet daher auch keine gefühlsarme, gefühlskalte, nicht responsive Haltung. Der Therapeut freut sich mit dem Patienten über Erfolge, er ist mit ihm traurig  in einer wohlwollenden Neutralität. Und er lässt es zu, dass er durch sein Vorbild erzieherischen Einfluss ausübt.

Auf Seite 172f wird der Begriff der Situation definiert. Einführend wird darauf verwiesen, dass z.B. eine flüchtige Bekanntschaft eine Situation schafft, bei der nicht über den Gruß hinaus gegangen wird. Auf einen kurzen Gruß mit detaillierten Antworten oder Fragen zu reagieren, würde die Situation sprengen und Verwunderung beim  Gesprächspartner auslösen. Hier wäre auf die klassische Vorlage, nämlich das Buch von Eric Berne (Begründer der Transaktionsanalyse), aufmerksam zu machen: „Was sagen Sie, nachdem Sie guten Tag gesagt haben?“

Die interaktionelle Therapie fokussiert die Interaktion und weniger die auf das Selbst gerichtete Reflexion. Der Therapeut ist ein anderes Subjekt und kein mehr oder weniger unerkennbares Objekt. (Seite 193f).

Auf Seite 195f wird der Begriff der selektiven Authentizität eingeführt und dabei auf Heigl-Evers und Heigl 1983 verwiesen. Ruth Cohn, Begründerin der TZI hat dieses wichtige Prinzip Jahrzehnte früher  beschrieben.   U. a. bei der Erwähnung der emotionalen Akzeptanz könnte auf Rogers hingewiesen werden. Auf Seite 208 wird der Begriff des Zwischen erwähnt – hier könnte man Buber anführen, der sich explizit damit auseinander gesetzt hat.

Die Affektwahrnehmung ist ein sehr interessantes Kapitel, Affekte steuern Denken, Fühlen und Handeln, regulieren Interaktionen und ermöglichen die Selbstwahrnehmung und –einschätzung.Affekte können informationsverarbeitend sein (Neugier, Interesse..) oder beziehungsregulierend (Freude, Trauer..) (Seite 241).

Auf Seite 248f wird Ambiguität mit Ambivalenz verglichen: Während bei dieser das Ich zwischen zwei Tendenzen in einem Kraftfeld steht, das aber Kompromisse zulässt, ist bei jener eine Widersprüchlichkeit  im Ich anzunehmen.  Daher wird die Ambiguität auch in Verbindung mit Affekttoleranz und Impulskontrolle gebracht. Ähnlich wie der Zwang nicht nur eine Triebseite hat, sondern auch eine kognitive, könnte man auch bei der Ambiguität eine kognitive Verunsicherung durch die Mehrdeutigkeit annehmen.  Die Ambiguitätsintoleranz  könnte dann als das schwere Aushalten einer undeutlichen Situation aufgefasst werden,  das Mehrdeutige ist ein Hindernis auf dem Weg zur Realitätskontrolle.

Das Buch enthält noch viele Kostbarkeiten, einige seien noch angeführt – als pars pro toto: Die vielen Themen, die in einer Abschiedsphase auftreten ( Seite266),; die notwendigen Grenzziehungen und Akzentuierungen  bei einer Kurztherapie (Seite 329ff); der interessante Versuch, die Gruppentherapie als eigenständige Grundform psychotherapeutischer Behandlung neben Verhaltenstherapie und psychodynamischen Ansätzen zu formulieren und nicht als Settingvariable anzusehen, wurde durch empirische Untersuchungen korrigiert: Die Erfahrungen, die jemand in einer verhaltenstherapeutisch bzw. in einer psychodynamisch geleiteten Gruppe macht, sind unterschiedlich und theoriekonform. ( Seite 361); auf Seite 384 wird vorgeschlagen, anstelle des  Konzeptes,  maskulin und feminin als zwei Pole einer Dimension anzunehmen, ein dualistisches Modell zu postulieren: Maskulinität und Femininität als zwei voneinander unabhängige Dimensionen. Dies erlaubt sehr viele Kombinationen.

Das Buch bietet Klarstellungen, wichtige Grundlagen für „Anfänger“ und  wertvolle Differenzierungen für Erfahrene, bis hin zu Provokationen, die zur eigenen Stellungnahme auffordern, wie z.B. die Behauptung einer Männersprache und Frauensprache (Seite 385f).

Ein ausgezeichnetes Lehr- und Lernbuch für Klinik und Praxis, in dem man alles findet, was man braucht, um Gruppenpsychotherapie und Gruppenanalyse  in ihren Grundlagen,  ihrem Anliegen und ihren Möglichkeiten zu kennen und zu verstehen!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
24.08.2014
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/gruppenpsychotherapie-und-gruppenanalyse-ein-lehr-und-lernbuch-fuer-klinik-und-praxis.html
Kostenpflichtig
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