Handbuch Themenzentrierte Interaktion (TZI)

Das Buch zeigt schon mit dem gelungenen Aufbau, dass hier eine gewinnbringende Auseinandersetzung mit einer faszinierenden Methode der Gestaltung von individuellen und sozialen Lern- und Entwicklungssituationen stattfindet.


Autor: Schneider-Landolf M, SpielmannJ u Zitterbarth W

Verlag: Göttingen Vandenhoeck & Ruprecht
Erschienen: 2014

Zum Inhalt

 

Ruth Cohn, geboren 1912, studierte unter anderem Psychologie und Pädagogik und war als Psychoanalytikerin tätig. Sie entwickelte die Themenzentrierte Interaktion in den 1950er, 1960er Jahren. Berühmt sind Begriffe wie: Partizipierendes Leiten, lebendiges Lernen, dynamisches Balancieren (zwischen den 4 Faktoren Ich, Wir, Es und Globe) und das Bild des Dreiecks im Kreis.
Ihre Methode lässt sich in den unterschiedlichsten Anwendungen sinnvoll einsetzen und das Buch gibt Jahrzehnte nach der Modellenwicklung und nach dem Tod der Gründerin 1910 ein kräftiges Lebenszeichen.                           

Einführenden Gedanken folgt ein Kapitel über die historischen, politischen, humanistischen, pädagogischen, jüdisch-christlichen Grundlagen der TZI. Bei der Thematisierung der philosophischen Grundlagen wird einerseits auf die Brücken der TZI zum Pragmatismus hingewiesen und auf die glaubende Wahrheitssuche als Haltung der Erkenntnisoffenheit, wie sie der Pragmatismus-Mitbegründer William James vorgezeigt hat. Andererseits wird auf die immer wieder auflebende Frage  eingegangen, inwieweit Moral biologisch instinkthaft verankert oder durch Umwelteinflüsse erlernt sei.

Das zweite Kapitel befasst sich mit dem System der TZI und hier zunächst mit der Theorie. Dargelegt werden das existentiell-anthropologische Axiom (der Mensch als autonome und interdependente Einheit und als Teil des Universums), das ethische Axiom (Ehrfurcht vor allem Lebendigen und seinem Wachstum) und das pragmatisch-politische Axiom (humane Verantwortung für wachstumsförderliche Lebensbedingungen). Auf Seite 69ff und 76 werden verschiedene Möglichkeiten beschrieben, mit denen man das System der TZI darstellen kann: Ein Kreismodell, ein TZI-Haus, ein Baum-Modell, ein TZI-Modell mit Hinzunahme von Situation und Vision. Für den Rezensenten ist das Hausmodell nach wie vor die klarste Darstellung. Es gibt vier Ebenen: die axiomatische (die drei Axiome), die  prinzipiell-interaktive (existentielle Postulate wie z.B. das Störungspostulat, d.h. das Recht, sich einzubringen, wenn eine Störung die Kommunikation, Kooperation behindert, ebenso das Chairman-Postulat: Anwalt in eigener Sache sein und die Erledigung nicht anderen zu überlassen), die methodische Ebene (hier kommt das berühmte Dreieck im Kreis zum Tragen. Das Dreieck wird gebildet vom Einzelnen = Ich, von der Gemeinschaft = Wir und von der Sachauseinandersetzung = Es und vom umgebenden Kreis, Globe, dieser schließt die Auseinandersetzung mit dem Umfeld mit ein). Schließlich gibt es noch die interventionsstützende Ebene (Hilfsregeln für den Gruppenverlauf). Das Kapitel II widmet sich neben den Beschreibungen der Axiome den Postulaten (s.o.) und den vier Faktoren des TZI-Modells.

Das 3.Kapitel beschäftigt sich mit der Praxis der TZI. z.B. mit der Themenfindung und -formulierung, mit den Arbeitsformen, mit den spezifischen Effekten von Strukturvorgaben, mit Leitungsregeln etc. Wichtig ist, dass das Es in der TZI nicht mit dem Thema gleichzusetzen ist, sondern anthropologisch die Intentionalität des Menschen umfasst, die Ausrichtung auf "etwas". Das Thema ist hingegen ein auf dieser Basis gründender methodischer Schritt zur Fokussierung des Gruppengeschehens, es gibt Ich-Themen, Wir-Themen, Globe-Themen und ebenso Es-Themen. Kapitel IV differenziert die TZI-Anwendung in spezifischen Bereichen, z.B. in der Pädagogik, als Lebenskunst, in einem Leitungskonzept. Kapitel V bringt verschiedene Facetten ein, z.B. Schatten, Spiritualität, Gefühle, Rivalität und Konkurrenz, Interkulturalität, Diversity. Kapitel VI schildert Wechselwirkungen zwischen der TZI und der Psychotherapie, Beratung, Supervision, Organisationsentwicklung u. v. a. m. 

Das vorliegende Buch macht -wie schon gesagt - das Konzept der TZI lebendig. Dazu noch drei Anmerkungen:

a) Das Konzept des TZI-Faktors "Es"  könnte noch eingehender erfasst werden,  Ansätze dazu bieten z.B. Begriffe wie Intentionalität (Husserl, Frankl ..), Kultivation (Csikszentmihalyi). Die Aussage, dass Ruth Cohn, die Begründerin der TZI, dialogisch eingestellt sei, "Nur stellt sie das bei Buber in transzendenten Höhen schwebende dialogische Prinzip auf seine Füße." (Seite 130) ist nach Meinung des Rezensenten ein Ebenen-Fehler, es ist, als wollte man Axiome der Praxisferne bezichtigen, der Metaebene die Operationalisierungs-Ebene zum Vorwurf machen.

b) Es ist eine bekannte Crux: Entweder vereinfachen unter Verlust der Vielfalt oder anreichern mit dem Verlust der Übersichtlichkeit. Wenn man eine einfache - und gerade darin elegante und geniale - Formel findet, um komplexe Verhältnisse zugängig zu machen, dann fasziniert das, ob es sich nun um die "Formel" handelt "Schnelles Denken. Langsames Denken" (Kahnemann), "Lockeres Denken, strenges Denken" (Holl) , "The Big Five" u. a. m.  Bezogen auf das vorliegende Buch ist das Ursprungsmodell der TZI eine derartig geniale Superformel. Die verschiedenen Versuche im Buch, die Ausdifferenzierung bzw. Anreicherung der Methode darzustellen, zeigen die vielfältige Einsetzbarkeit der TZI, aber die Übersicht ist erschwert, das reichhaltige Programm verästelt sich, bringt Unterfaktoren etc. ins Spiel. Die Detailfülle überlagert die Wesenstiefe des Ganzen.

c) Der Begriff des dynamischen Balancierens als kontinuierlicher Wechsel der Ich-, Wir-, Es-,  Globe - Perspektiven (Seite 142) synchron (gleichzeitig) und diachron (nacheinander im Verlauf) wirft eine interessante Frage auf: Wie verhält sich das dynamische Balancieren zum dialektischen Prozess? Dieser enthält neben dem Oszillieren zwischen zwei Polen auch eine synthetische "Aufwärts-Entwicklung. Wie ist das beim dynamischen Balancieren zwischen den Faktoren der TZI?

Das Handbuch ist ein gelungenes Plädoyer für eine vielseitige Methode. Mit Schulz von Thun und seinem Geleitwort lässt sich sagen: "Die TZI lebt! Dieses Buch ist ein Beweisdokument."

 

 

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
29.04.2015
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/handbuch-themenzentrierte-interaktion-tzi.html
Kostenpflichtig
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