Irrsal! Wirrsal! Wahnsinn! Persönlichkeit, Psychose und psychische Konflikte in Tragödien und Mythen

Der Autor weist auf, wie viel moderne Themen der Psychotherapie, Psychoanalyse, klinischen Psychologie sowie gesellschaftliche Fragen sich in der griechischen klassischen Tragödienliteratur finden lassen.

Buchtitel: Irrsal! Wirrsal! Wahnsinn! Persönlichkeit, Psychose und psychische Konflikte in Tragödien und Mythen.
AutorInnen: Marneros A
Verlag: Schattauer
Erschienen: 2013

Zum Inhalt

Der Schattauer-Verlag greift hier ein originelles Projekt auf, nämlich die Publikation des  mehrfachen Preisträgers, Universitätsprofessors für Psychiatrie und Psychotherapie, Dr.  Dr.hc. mult. Andreas Marneros. Sein Anliegen: Der Aufweis, wie viel moderne Themen der Psychotherapie, Psychoanalyse, klinischen Psychologie sowie gesellschaftliche Fragen sich in der griechischen klassischen Tragödienliteratur finden lassen.  Der Autor widmet sein Buch dem "dionysisch-apollinischen" Maler  Michael Franke und weist selbst dionysisch-apollinische Züge auf. So gibt es einerseits  - in fiktive Dialoge eingebaute  messerscharfe, glasklare Schilderungen von Pathologien anhand griechischer Tragödien, aber auch die  Darstellung neuer Sichtweisen wie z.B. : " Im Gegensatz zu der Auffassung von Freud ist nicht der Traum der Hüter des Schlafes, sondern umgekehrt der ungestörte Schlaf der Hüter des Traums: Nur, wer gut schläft, kann ungestört träumen und die affektstabilisierende Wirkung des Träumens nutzen" (S 255). Andererseits findet sich neben dem Apollinischen beim Autor auch das Dionysische (oder wie immer man die Begeisterungstürme am Schluss des ersten Kapitels bezeichnen möchte).  Marneros bezeichnet sein Buch in seiner Intention als transepochal und transkulturell: "Mehr noch: Panepochal! Pankulturell! Pananthropisch!" (S 10). Apollinische Akribie und reiche dionysische Assoziationsbereitschaft zeigen sich bereits auf Seite 10f,. wo er einerseits seine Zweisprachigkeit (Deutsch sowie klassisches und modernes Griechisch) als vorteilhaft beurteilt und sich daraufhin andererseits gleich in etliche  Beispiele und Überlegungen zur richtigen Übersetzungsarbeit  klassischer Texte ergeht. Die  - wie der Cover-Text ausführt - lehrreiche und unterhaltsame Lektüre zeigt auf, dass die Menschen vor zweieinhalbtausend Jahren mit heute durchaus vergleichbaren Persönlichkeitsprofilen, Konfliktreaktionen und Bewältigungsstrategien zu tun hatten. Freilich ist die exegetische Aufgabe, die Ursprungsbedeutung zu finden und nicht eine "moderne Deutung" aufzudrängen , keine leichte. Der Autor weiß dies selbst "ich hatte nach dem damaligen Gesetz zu handeln. Ich muss also nach den damals geltenden Maßstäben beurteilt werden und nicht nach den heutigen." (S 62).

Der klassische Text wird aber nicht nur als Demonstrationsmittel heran gezogen, er dient auch als Anregung, über Konzepte nachzudenken. Z.B. sprechen alle anderen Personen rund um Ödipus von den Räubern und den Mördern, Ödipus aber verwendet von Anfang an die Einzahl und spricht von dem Räuber und dem Mörder. Diesen "Versprecher", den Sophokles hier schildert, kann man nicht in Freudscher Tradition als libidinöse  besetzte, unbewusste und uneingestandene Wünsche auffassen, denn Ödipus weiß nichts von seinen wirklichen Lebensumständen, er kann sich daher nur libidofrei versprechen (S 150f). Köstlich der Dialog zwischen Ödipus und Freud, bzw. zwischen Freud und Sophokles (S137-148), wonach Freud den Vorwurf erhält, seinen eigenen Komplex dadurch erträglicher gemacht zu haben, dass er ihn für alle Menschen postulierte.

Falls man bei fiktiven Dialogen von einem Stilmittel sprechen darf, so nützt der Autor dieses umfangreich, um durch die Verständigung zwischen Figuren der klassischen Mythologie bzw. den Schöpfern der klassischen Tragödie Äschylos, Sophokles und Euripides einerseits, und Journalisten, Psychiatern, Psychoanalytikern andererseits zu demonstrieren, wie leicht trotz aller Diskussions-Streitpunkte die Kommunikation Jahrhunderte, Jahrtausende überbrücken kann. Reizvoll wäre es, in einem Anhang des Buches die Reaktionen jener zum Unterschied von Aristoteles und Konsorten lebendigen Personen, wie Gisela Friedrichsen, Edward S. Stern, Peter Fiedler, Walter Jens usw., zu ihren Reaktionen auf die Verwendung in diesen fiktiven Dialogen zu Wort kommen zu lassen.
Aber Marneros nützt das Dialogische auch für die Erörterung wichtiger Fragen wie etwa Schuldfähigkeit und Schuld, freier Wille; für die Frage nach dem Verhältnis zwischen misanthropischen, Menschen verachtenden Göttern, bei denen die Theodizee (Gottesverteidigung) an eine Grenze stößt, zu den leidtragenden, unschuldig verstrickten Menschen (S274ff). Als Gegenpol zum verachteten Menschen kann man die Erkenntnis ansehen, dass Selbstliebe durchaus gesund ist und nicht per se pathologisch. Der Autor lässt dafür den Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie Peter Fiedler in einem Dialog mit Narkissos die Sichtweise von Kohut darstellen (S117-125).

Zunehmend versteht man die Begeisterung von Marneros für die klassisches Tragödien, denn es gibt kaum ein Thema,  sei dies das Verhältnis von Tat zu Täter, sei es die "Babyklappe" (Einrichtung zur kontrollierten Kindesweglegung), sei es das Problem der Findelkinder, nämlich die fehlende Identität, sei es die Frage des Suizids in der Tragödie, sei es das Problem der Fremdenfeindlichkeit u. v. a. m., das nicht bei Äschylos, Sophokles oder Euripides auffindbar wäre. Als Beispiel dafür, dass dieses Auffinden von Themen nicht nur ein passives Rezipieren bedeutet, sondern eine anregende Konfrontation, sei der fiktive Dialog von Aristoteles mit Euripides angeführt, in dem es um die Frage der Persönlichkeit und des Charakters geht. So führt Euripides aus:" In meiner Psychologie gibt es keinen "Typus", keinen "Charakter". Charakter bedeutet ja wortwörtlich: auf eine Münze geprägt oder in Stein gemeißelt. Also Persönlichkeit und Charakter im Sinne eines Prototyps oder vielmehr eines Stereotyps, der wie vorprogrammiert auf bestimmte Erlebnisse, Ereignisse oder Konflikte reagiert, gibt es bei mir nicht." (S 294) Im Folgenden geht es dann auch um Fragen der Emanzipation.
Zunehmend versteht man auch, warum die Begeisterung des Autors gerade diese Worte gewählt hat - am Anfang des Buches bezüglich seiner Intentionen, am Ende des Buches als Ergebnis der faszinierenden Schatzsuche in den alten Mythen und attischen Tragödien: das Pananthropische, das Panepochale und das Pankulturelle! (S331). Einen ähnlich umfassenden Jubelruf kannte man bisher nur von der Formel "urbi et orbi"..

 

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
14.08.2013
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/irrsal-wirrsal-wahnsinn-persoenlichkeit-psychose-und-psychische-konflikte-in-tragoedien-und-myth.html
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