Klärungsorientierte Psychotherapie der histrionischen Persönlichkeitsstörung

Das Buch folgt dem aktuellen Trend, nicht von einem bestimmten Menschenbild und einem Modell therapeutischer Wirkfaktoren und einem entsprechenden therapeutischen Verhalten auszugehen, sondern von einer bestimmten Störung.

Buchtitel: Klärungsorientierte Psychotherapie der histrionischen Persönlichkeitsstörung
AutorInnen: Sachse R, Fasbender J, Breil J und Sachse
Verlag: Hogrefe
Erschienen: 2012

Hier ist es die histrionische Störung, die dargestellt wird. Dabei werden wichtige Unterscheidungen getroffen: So strebt der histrionische Mensch nicht nach Anerkennung für verschiedene Leistungen, Vorzüge etc. wie der narzisstische Mensch, sondern nach Wichtigkeit seiner Person, für die volle Aufmerksamkeit, Solidarität und Verlässlichkeit beansprucht wird. Außerdem warnen die Autoren davor, die erfolglosen, jammernden Histrioniker als depressiv fehlzudiagnostizieren. Die erfolglosen setzen nur andere Mittel ein als die erfolgreichen Histrioniker.

An die Beschreibung der histrionischen Persönlichkeisstörung schließt sich ein psychologisches Modell an, das von drei Ebenen ausgeht: Motivebene (was wird angestrebt), Schemaebene (was wird der eigenen Person und den Beziehungen attribuiert) und die Spielebene ( zu welchen Handlungen führen die frustrierten Bedürfnisse und die negativen Überzeugungen). Auf dieser Spielebene wird kompensiert, manipuliert und dies verursacht "Kosten" für das Selbstbild und die Beziehungen.

Aus dem Buch geht in einer Kurzdarstellung hervor, warum von einem Modell der doppelten Handlungsregulierung die Rede ist. Zwar gibt es drei Ebenen, aber: die Motivebene (grundlegende Bedürfnisse) und die Schemaebene (grundlegende Überzeugungen) werden als handlungsregulierend angesehen, die Spielebene wird offenbar aber nicht als handlungsregulierend betrachtet, sondern als abhängige Variable - frustrierte Bedürfnisse und die Überzeugung, nicht durch authentisches Verhalten zur Erfüllung zu kommen, führen zum Einsatz von Strategien, die nach dem Versuchs- Irrtums- Prinzip aufgebaut wurden. Man könnte aber die expressive, aktionale Komponente mit ihren spezifischen, ja sogar idiosynkratischen kompensatorischen und manipulativen Strategien auch als auf das System rückwirkende Einflussgröße sehen und das Verhalten nicht nur als Folge von Bedürfnissen, Überzeugungen, sondern auch als Funktion von strategischen Stilmitteln erklären, denn wie wir handeln, wirkt ja auf uns zurück (was ja auch einer lernenden Organisation entspricht, wobei das Versuchs-Irrtums-Verfahren von Mal zu Mal auf den Ergebnissen aufbaut). Man könnte also auch die Handlungsregulierung durch die Spielebene formulieren (im Sinne einer systemischen Selbstreferenz , aber auch in Interaktion mit den beiden anderen Ebenen). So wird ja auch im Buch die Unterscheidung von erfolglosen und erfolgreichen Histrionikern im Vorhandensein eines kleineren oder größeren Handlungsrepertoires gesehen (S 36). Und es wird ja auch intensiv an der Veränderung der Spiele gearbeitet.

Das Buch liefert ausführliche Handlungsanweisungen für den Beziehungsaufbau, den Aufbau von Veränderungsmotivation durch Transparentmachung der Spielstruktur, die Klärung relevanter Schemata, deren Bearbeitung und schließlich für den Aufbau von authentischem Verhalten und dessen Transfer in den Alltag. Es gibt sehr viele Anweisungen für komplementäres Verhalten, Konfrontierung, Explizierung u. v. a. m.

Es gibt auch konkrete Warnungen im Umgang mit Histrionikern: Ihre hohe Manipulationskunst, ihre Unersättlichkeit -daher principiis obsta! (im Buch steht prinzipies), besonders interessant sind die Impulse für den Umgang mit der Selbstentfremdung (alienation) histrionischer Menschen (z.B. durch Stärkung der Selbstrepräsentanzen durch den körperlichen felt sense), die Internalisierungsschwäche histrionischer Menschen bei gleichzeitig starker Ich-Syntonheit ihres Verhaltens, ihre Therapeutentestungen u. v. a. m. Sehr aufschlussreich sind auch die Transkripte beispielhafter Sitzungen und deren genaue Analyse.

Der Appell auf Seite 59 für den Umgang mit erfolglosen Histrionikern: "Daher sollten Therapeuten auf alle Fälle alle verhaltenstherapeutischen Explorationen, Programme, Manuale, Lösungen u.a. absolut vergessen" und zwar deswegen, weil der Patient sich nicht den Anforderungen anpasse, unterstellt der Verhaltenstherapie unnötig ein unsensibles Vorgehen und enthält - als Anweisung- eine gewisse Eigenparadoxie. Aber die Botschaft selbst, dialektisch zu sein: Radikal komplementär und dennoch auch Neues einzubringen, ist ungemein wertvoll (siehe Seite 60f).

Das Buch vermittelt nicht nur Wissen, sondern dient auch als Leitlinie des therapeutischen Handelns! Das therapeutische Konzept ist durch die detaillierte Darstellung gut nachvollziehbar, sodass man mit Recht sagen kann, dass die Lektüre dieses Buchs Mut und Lust auf die therapeutische Arbeit mit Histrionikern macht! Wer mit dieser schwierigen Patientengruppe arbeiten möchte, sollte dieses Buch kennen!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
17.03.2012
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/klaerungsorientierte-psychotherapie-der-histrionischen-persoenlichkeitsstoerung.html
Kostenpflichtig
nein