Lexikon der Psychotherapie und Psychopharmakotherapie

"Ein Lexikon muss mehr sein als eine alphabetisch angeordnete Wissenssammlung", meinen die Herausgeber .


Autor/Autorin: Petermann F, Gründer G. Wirtz M A u Strohmer J (Hrsg)

Verlag: Bern: Hogrefe

Erschienen: 2016

Zum Inhalt

 

Wenn auf einer Lieder-CD ein Song besonders hitverdächtig ist, wird er meist ausgekoppelt und als Single auf den Markt gebracht. Das Dorsch-Lexikon der Psychologie (benannt nach dessen maßgeblichen frühen Gestalter Friedrich Dorsch) ist ein monumentales Werk. Da 4 von 5 Studenten der Psychologie oder von Nachbarwissenschaften sich für die klinische Psychologie interessieren und da andererseits die dynamisch produktive Autorengruppe in kurzer Folge von der 2014 erschienenen 16.Auflage zur wieder weiter entwickelten 17. Auflage fortgeschritten ist, war die Auskoppelung des "klinischen Dorsch" ein weiterer  konsequenter Schritt.

"Ein Lexikon muss mehr sein als eine alphabetisch angeordnete Wissenssammlung", meinen die Herausgeber und weisen auf die Selektion und Gewichtung, d.h. auf eine  Akzentuierung des Wissensbestandes hin:    20 Übersichten zu ausgewählten Störungsbildern bieten eine  Orientierungshilfe. Um den Handbuchcharakter zu unterstreichen, werden 31 zentrale Begriffe in Essay-Form dargeboten.
Ein Lexikon bietet viele Definitionen, Übersetzungen, Synonyme bzw. Namensgebungen, intensionale, extensionale Erläuterungen an. Bei komplexeren Begriffen laden die Definitionen zur Diskussion ein.
Die folgenden Beispiele sollten Mut machen, sich mit den Formulierungen intensiv auseinander zu setzen, vor den Definitionen nicht in eine ehrfürchtige Bewegungslosigkeit zu verfallen, sie nicht als "in Stein gemeißelt" zu betrachten, die man passiv entgegen zu nehmen hat, sondern  Fragen an den Text zu stellen und nach Antworten zu suchen. Friedrich Dorsch hat selbst unermüdlich nach Verbesserung des Wörterbuchs gestrebt.
Der Rezensent möchte zwei Beispiele für ein aktives Reflektieren der Definitionen aus dem vorliegenden Buch einbringen: Z.B. die auf Seite 13 erfolgte Definition der Klinischen Psychologie, deren Bereiche sich von der Entstehung bis zur Behandlung psychischer Störungen erstrecken, und die Definition der Psychotherapie als interaktiver Prozess, konsensuell, zielgerichtet, fundiert"..zur Beeinflussung von außergewöhnlichen Erlebens- und Verhaltensweisen, die mit verschiedenen psychischen oder somatischen Störungen einhergehen."  Die Formulierung "einhergehen" ist geschickt positioniert. Sie betont nur die Korrelation und lässt offen, ob es sich um psychosomatische oder somatopsychische Störungen handelt. Diese Störungen oder psychosozialen Einschränkungen sollen beseitigt oder reduziert werden. "Des Weiteren sind psychosoziale Beeinträchtigungen somatischer Störungen..Gegenstand der Klinischen Psychologie." Diese Formulierung ist eindeutig somatopsychisch ausgerichtet. Die besonderen Erlebnis- und Verhaltensweisen sollen beseitigt werden - diese Formulierung lässt offen, ob es um eine Symptomreduktion geht oder ob die Erlebnisweisen und das Verhalten früh erworbene Muster darstellen, die die gegenwärtige Informationsverarbeitung beeinträchtigen.
Gleich auf der Folgeseite ein zweites Beispiel. Es handelt sich um den Begriff der psychischen Störung, wie er gemäß dem Diagnostischen Manual (DSM-V) beschrieben wird:  Es "kann eine psychische Störung als ein Syndrom definiert werden, welches durch klinische bedeutsame Störungen in den Kognitionen, der Emotionsregulation oder des Verhaltens einer Person charakterisiert ist." Diese Störungen gehen auf Dysfunktionen zurück,  "Prozessen, die psychischen und seelischen Funktionen zugrundliegen." Die Zirkularität in der Begriffsbestimmung (Störungen sind durch Störungen definiert; Störungen sind dysfunktionale Prozesse) ist deutlich, aber noch mehr fällt eine Formulierung auf, nämlich, dass diese Prozesse "psychischen und seelischen Funktionen zugrunde liegen". Wieso wird hier der Begriff "seelisch" verwendet? Handelt es sich um ein rhetorisches Mittel der Steigerung? Oder bedeutet "seelisch" etwas Eigenes gegenüber "psychisch"?

Psychotherapie und Psychopharmakotherapie: Beide heilenden Wege werden in "Gebietsdarstellungen" skizziert: Die psychotherapeutischen Methoden werden in  vier Perspektiven versammelt: die neurobiologische, psychodynamische, kognitiv behaviorale und die integrative Sichtweise,. Es werden aber auch die Bezugsdisziplinen beschrieben: Schulpsychologie, Gemeindepsychologie, Verhaltensmedizin, Gesundheitspsychologie etc. Die Pharmakotherapie-Gebietsdarstellung bringt eine interessante Übersichtsgrafik, beschreibt neuere Ansätze, die z.B. generell von Erkrankungen des Gehirns ausgehen, diese lassen sich neurowissenschaftlich aufspüren und dementsprechend behandeln. Der Gebietsüberblick zeigt aber nicht nur "separatistische" Ansätze, sondern führt auch Kooperationsmodelle für einen Gesamtbehandlungsplan an. Einem raschen Überblick dient auch der Index am Schluss des Buches, der die Stichwortbeiträge in vier Gruppierungen bringt: Klinische Psychologie und Psychotherapie, Psychopharmakotherapie sowie neuropsychologische und psychophysiologische Aspekte, Klinische Diagnostik und Klinische Forschung, Verzeichnis diagnostischer Verfahren, Bezugsstichwörter.

Das vorliegende Lexikon ist sicher eine wertvolle Hilfe für Psychotherapeuten und in der Psychopharmakotherapie.  Beim Nachschlagen im Lexikon kommt es unweigerlich zum Blick über den eigenen Zaun in den Garten der Nachbardisziplin. Man darf mit Fug und Recht behaupten, dass die Anlage des Werkes ein "bilinguales" Lernen der wichtigsten Begriffe aus  Psychotherapie und Psychopharmakotherapie erleichtert und damit auch den interdisziplinären Dialog fördert.
Die Auskoppelung des "Klinischen Dorsch" ist ein interessanter und  in mehrfacher Hinsicht gewinnbringender Einfall der Autoren und des Verlags
!

 

 

 

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
28.11.2015
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/lexikon-der-psychotherapie-und-psychopharmakotherapie.html
Kostenpflichtig
nein