Meine andere Welt. Mit Autismus leben.

Das Buch vermittelt sehr viel Wissen zwischen den Zeilen, aber noch mehr einen Erlebniszugang zur Welt von Autisten!

Buchtitel: Meine andere Welt. Mit Autismus leben.
AutorInnen:
 Mecky Zaragoza G
Verlag: Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Erschienen: 2012 
Seitenzahl: 156 Seiten

Zum Inhalt

Mit dieser literarischen Selbstbeschreibung liegt ein ungewöhnliches Werk vor: Die Autorin ist Likteraturwissenschaftlerin.  Und sie ist Autistin, genauer gesagt Autistin nach dem Aspergertyp, bei dem gewisse Eigenheiten durchaus mit Hochbegabungen koexistieren. Man liest das Buch wie ein Exemplar Belletristik und merkt erst im Nachhinein, wie viel Wissensgewinn man aus der Lektüre entnommen hat. Die „Geschichte“ vom verlorenen Schuh (die Autorin merkt beim Auspacken, dass ihr ein Schuh abhanden gekommen ist) macht die obsessive Struktur- und Ordnungssuche von autistischen Menschen plastisch. Im Kapitel „Diagnose als Diskurs“ beschreibt  die Autorin unter anderem, wie unterschiedlich Mitmenschen auf die Mitteilung reagieren, dass man Autist/in sei. Sie unterscheidet vier Reaktionstypen, etwa den unbeirrbaren Neinsager, der die Diagnose in Abrede stellt. Oder  den Wegläufer, der die Diagnose als willkommenen Anlass verwendet, sich aus dem Staub zu machen.  Ein weiteres Kapitel kennzeichnet den Mitmenschen als Störfaktor, die Autorin schildert die Schwierigkeiten mit dem Augenkontakt als „Blickzwänge“, die Probleme mit dem Erkennen des mimischen Ausdrucks, mit den „Gesichtsrätseln“, die Missverständnisse durch „Sprachfallen“ (der indirekte Sinn wird oft nicht ertastet, man bleibt am Wörtlichen hängen).Daneben kommen Gesprächsmanöver, Themenunverträglichkeiten, Verstrickungsgefahren „zur Sprache“. Im Kapitel „Leben als Hindernislauf“ gibt die Autorin plastische Beschreibungen der Schwierigkeiten der Lebensgestaltung: Igelkind, Buhmädchen, Tiefgängerin, Vulkanfrau, Eigenbrötlerin. So ist die nach aller Selbsteinsicht dennoch persistierende Selbstbezogenheit durchaus richtig als „Igelkind“ bezeichnet. Die folgenden zwei Kapitel stellen die Umzugsdramen, Ordnungslieben, den Sammeltaumel und die Wiederholungstaten autistischer Menschen dar.Und das ewige Forschen als Struktursuche. In Mexiko schließlich findet die Autorin ein Biotop, in dem sie ihre Eigenheiten ausleben kann,  ohne soziale Kollisionen herbei zu führen (was an ihrem Verhalten exotisch ist, wird eben der Tatsache zugeschrieben, dass sie keine Mexikanerin ist).

Das Buch vermittelt sehr viel Wissen zwischen den Zeilen, aber noch mehr einen Erlebniszugang zur Welt von Autisten!

Sehr empfehlenswerte Lektüre für alle, die aus professionellen Gründen oder einfach aus mitmenschlichem Interesse die „andere Welt“ kennenlernen möchten!

 

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
01.10.2012
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/meine-andere-welt-mit-autismus-leben.html
Kostenpflichtig
nein