Mentalisierungsbasierte Therapie. Wege d. Psychotherapie

Bolm gelingt es, eine umfassende Darstellung der MBT zu liefern, die von der Richtigkeit und Wichtigkeit des Konzepts überzeugt!


Autor: Bolm T
Verlag: München Basel E.Reinhardt
Erschienen: 2015

Zum Inhalt

Derzeit lässt sich ein interessanter Doppeltrend beobachten und dies auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen. Einzelelemente schließen sich zu großen Verbänden zusammen und vereinzeln sich wieder in Sonderinteressen. Ausgangspunkt für die Spezifizierung in der Psychotherapie ist ein spezifischer Leidenszustand, für dessen Bekämpfung ein ganz spezifisches  Methodeninventar zum Einsatz gelangt. Dann werden diese pragmatisch ausgewählten und durchaus effektiven Tools-Sets  zu eigenständigen Therapieansätzen erweitert, sei es das Mitgefühl zur compassion focused therapy, sei es die Akzeptanz zur Akzeptanz- und Comittment Therapie, sei es der heilsame Einsatz von dialektischer  Synthese-Suche zur dialektisch behavioralen Therapie , sei es die starke Betonung der Übertragung zur Transfer focussed therapy, sei es die starke Konzentration auf die strukturelle Ich-Stärkung zur Strukturellen Psychotherapie u. v. a. m. Andererseits gibt es viele integrative Ansätze für eine allgemeine Psychotherapie und eine pragmatische Eklektik, bei der die technische Handhabung in Form eines Manuals die Bedeutung gewinnt, die früher allein einem einheitlichen Menschenbild zukam. 

Das vorliegende Buch berichtet über eine Therapieform, die sich bei schweren Störungen im Grenzbereich (Borderline) zwischen Neurose und Psychose effektiv einsetzen lässt. Der Autor schreibt zur Mentalisierungsbasierten Therapie  (MBT): "Sie ist psychodynamisch und bindungstheoretisch fundiert und zeichnet sich besonders durch die Ausrichtung auf schwerstkranke Patienten aus, die anfänglich weder von Deutungen, Verträgen und Sanktionen noch von einem therapeutischen Expertentum profitieren. Die Förderung der Mentalisierungsfähigkeit bedeutet einen Aufbau innerlicher Repräsentanzen, die es Patienten ermöglichen, sich und andere in ihren psychischen und sozialen Aspekten besser zu verstehen" (Seite 33f).  Das zentrale Konzept bzw. Agens ist dabei die vorhandene oder defizitäre Fähigkeit, sich von sich selbst, von anderen und von der Interaktion ein Bild, eine Vorstellung machen zu können. Damit umfasst die Mentalisierung  intrapsychisches und interpsychisches Erleben  sowie Kognition, Emotion und Körperlichkeit, und individuelle und bindungsbezogene Prozesse (Seite 183) – die Mentalisierung dürfte somit  umfassender konzipiert sein als die Empathie. Die Konzentration auf diese Fähigkeit erklärt sich aus der Tatsache, dass bei schweren Störungen der Persönlichkeit das Mentalisierungsvermögen  mangelhaft ist. Hat der Mensch eine sichere psychische und soziale Basis, erlebt er eine sichere Bindung, dann kann er Explorieren, Mentalisieren aktivieren. Andernfalls ist das Angst-Bindungssystem aktiviert, es kommt zu einem Angst-Arousal, die Exploration und Mentalisierung ist eingeschränkt oder blockiert.

Die Mentalisierungsfähigkeit entwickelt sich gemeinsam mit den Wahrnehmungsmodi der Realität: Im Äquivalenzmodus wird die mentale Realität der äußeren gleichgesetzt, im Teleologischen Modus wird alles auf seinen Effekt hin beurteilt, im Als-ob-Modus wird die starre Verbindung von Gefühlen und Gedanken, Körper und äußerer Realität aufgelockert. Erst der Reflektierende Modus erlaubt das Spiel mit der Realität. (Der Rezensent möchte auch hin weisen auf die  Sprachentwicklungsstufen und hier auf das Stadium der phonologischen Bewusstheit, die die Betrachtung der Form des sprachlichen Ausdrucks und das Spielen mit ihr ermöglicht).

Sowohl der Einsatz gängiger Behandlungsbausteine - aber in der neuen Perspektive der Mentalisierung- als auch die Verwendung spezifischer Techniken wie z.B. Nachfragen und neugierig bleiben; kongruent und markiert antworten; Interventionen bei den verschiedenen Modi der Realitätswahrnehmung zeigen, dass die MBT zu Recht einen besonderen Platz in den modernen Therapieansätzen einnimmt. Man gewinnt den Eindruck, dass nicht ein spezifisches Manko eine neue Methode hervorgebracht hat, sondern eine grundlegende anthropologische Dimension angesprochen wird!

Bolm gelingt es, eine umfassende Darstellung der MBT zu liefern, die von der Richtigkeit und Wichtigkeit des Konzepts überzeugt. Das Buch ist eine gewinnbringende Lektüre für Psychotherapeuten aller Richtungen, aber auch für Psychologen, Pädagogen und Sozialpädagogen, sowie für Philosophen!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
04.08.2015
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/mentalisierungsbasierte-therapie-wege-d-psychotherapie.html
Kostenpflichtig
nein