Projektpraktikum. Kybernetische Ansätze im Unterricht.

Der Autor ist Berufsschullehrer. Seine Erfahrung als Konstrukteur, Projektleiter und Produktionsleiter und sein Interesse für Erwachsenenbildung kommen ihm bei seiner Idee zugute: die kybernetische Betrachtung des Unterrichtsprozesses am Beispiel des Projektunterrichts zu demonstrieren.

 

Autor: Mayringer J
Verlag: Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Erschienen: 2016

Zum Inhalt

 

Der Autor ist Berufsschullehrer. Seine Erfahrung als Konstrukteur, Projektleiter und Produktionsleiter  und sein Interesse für Erwachsenenbildung kommen ihm bei seiner Idee zugute: die kybernetische Betrachtung des Unterrichtsprozesses am Beispiel des Projektunterrichts zu demonstrieren. Den Leser erwartet dabei  keine systematische, formalisierte Darstellung und Darlegung des kybernetischen Denkens, kein Flussdiagramm kybernetischen Denkens, sondern eine breite Palette angewandter Methoden, Ansätze, Einfälle, die aber bei eingehender Betrachtung schon einen Duktus aufweisen. Der Autor greift viele Gedanken namhafter Wissenschaftler auf, nützt das Zitat dann scheinbar nicht, zeigt nicht seine direkte Nutzung, sondern eilt schon wieder zur nächsten Idee, die aber sich nach und nach doch als assoziative Fortführung der zitierten Gedanken erweist. Ein Beispiel mag das demonstrieren: Auf Seite 11 setzt sich der Autor mit "Führen" auseinander und bringt den Sinnappell Frankls ins Spiel, dass die Förderung und Ermöglichung von Sinnfindungen zu den vornehmsten Führungsaufgaben gehört. Er vertieft dann den wertvollen Sinn-Aspekt nicht direkt: Stattdessen assoziiert er dazu den Wunsch mancher Führender, auf jedes Problem mit der passenden Lösung aufwarten zu können, und bringt dann die Souveränität erster Ordnung ( professionelles, zielorientiertes, rationales Handeln) und zweiter Ordnung (die Einbeziehung der Irrtumsanfälligkeit und Verletzlichkeit des Menschen) ins Spiel. Mayringer setzt sich in der Folge mit der Emergenz (der übersummativ-neuen Wirkung der Verbindung von Elementen) auseinander sowie mit dem einengenden konvergenten Denken und mit Gruppendynamik im Hinblick auf Cliquenbildung und befreiender Metakommunikation. Mayringers Ausführungen sind assoziativ an den Themen und Subthemen des kybernetischen Projektunterrichts angereiht,  ob es sich nun um Motivation handelt oder um Kreativmethoden. Der Autor bringt interessante Impulse zum Thema Motivation, Volition, Entscheidung, Handlung. Die  vielen Anregungen sind fruchtbar, oft leider nur angerissen, wo Ausführungen spannend wären.

Es gibt aber auch  Beispiele für sachliche Anfragen an den Autor:

1) Dass der Projektunterricht die soziale Kompetenz besonders fördert (Seite VII) ist idealiter möglich, oft aber ist die Realität, dass das Projektteam in zwei Lager zerfällt: Die aktiv Beitragenden und die passiv Konsumierenden. Hier muss erst ein Kooperationsbewusstsein geschaffen werden. Wie sieht das Mayringer? Das Vertrauen in die Selbstorganisationsfähigkeit der Schüler ist eine wertvolle Grundlage des kybernetischen Ansatzes, aber die jeweils erreichte Organisationsform ist nicht unbedingt die optimale, d.h. in diesem Fall die soziale Kompetenz fördernde.            
2) Die Formeln für Hoffnung auf Erfolg (Seite 5) sind problematisch. Die lineare Gleichung, dass der Anreiz von Erfolg gleich ist 1- Erfolgswahrscheinlichkeit übersieht, dass eine zu geringe Erfolgswahrscheinlichkeit den Anreiz nicht mehr steigert, sondern entmutigt. Es ist daher eine U-Kurve anzunehmen. Wenn in einer  weiteren Gleichung Erfolgsstreben gleichgesetzt wird mit Leistungsmotiv mal Wahrscheinlichkeit auf Erfolg mal Anreiz von Erfolg und wenn man für Anreiz    einsetzt 1-Erfolgswahrscheinlichkeit, dann ergibt sich eine nicht evidente Formel: Erfolgsstreben ist Leistungsmotiv mal Erfolgswahrscheinlichkeit - Erfolgswahrscheinlichkeit². Wie versteht der Autor diese Gleichung? Sollte man sie nochmals überdenken?
3) Das Erreichen von Emergenz wird als übergeordnetes Prinzip des Projektunterrichts bezeichnet. Warum das so ist, wird nicht ausgeführt, wäre es doch denkbar, dass das Projekt sich mit Bestehendem befasst, z.B. eine kritische Wiederholung eines z.B. "klassischen" paedagpgischen Experimentes  durchführt.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Wenn Wenn der Autor aber meint, dass das in der Gruppe gewonnene neue, emergente Wissen Auswirkungen auf die einzelnen Teilnehmer bzw. Komponenten habe, so folgt daraus nicht unmittelbar, dass sich Emergenz auf analytischem Weg entwickeln kann (Seite 16). Es wäre sehr interessant, diese Möglichkeit durch Beispiele zu untermauern. So bringt der Autor Überlegungen zum Informationsfluss und zu Gruppenstrukturen ein, die sich ungünstig auf das Kommunizieren auswirken. Die Analyse der Teile (z.B. einzelne Mitglieder) mag Hinweise auf die gesamte Atmosphäre der Gruppe ergeben.

Einen großen Erfahrungsschatz gibt der Autor ab Seite 54 ein, wo er Blöcke zum Projektunterricht beschreibt: Im ersten Block wird der Projektablauf erklärt. Es gibt viele Hinweise, z.B. auf die Kompetenzorientierung. Im zweiten Block wird die Nützlichkeit von Projekt- bzw. Produktskizzen bewusst gemacht. Im dritten Block geht es um einen Managementplan, der auf die beteiligten Personen Bezug nimmt, im vierten Block wird das Dokumentarium nahe gebracht. In den abschließenden Blöcken geht es um Präsentation, Projektmanagement, Projektunterstützung, Projektplanung, Kostenrechnung, Konstruktion und vieles andere mehr. Diese Informationen sind detailliert, präzise, durch viele praktische Tipps unterstützt. Immer wieder wird auch auf die kybernetische Dimension aufmerksam gemacht: Wie kann man eine genaue Durchführung dennoch so gestalten, dass sie Raum lässt für Selbststeuerung, -regulierung, Selbstorganisation, Selbstreflexion? Ein hervorragendes Beispiel gibt der Corporate Governance Kodex, der das Zuammenarbeiten von Lehrern und Schülern (Seite 126ff) regelt.

Während dieser zweite in Blöcken unterteilter Abschnitt des Buches eine logische Abfolge der einzelnen Projektphasen und -schritte aufweist, ist der allgemeine Teil  anordnungsflexibler. Der Lernstoff könnte durch viele zusätzliche Fragen (im Sinne FAQ) noch weiter aufgeschlossen werden, die einzelnen Wissenssegmente sind bereits locker angeordnet und regen zu unterschiedlichen Kombinationen an.

Für die nächste Auflage wäre eine auf Formalia bezogene Korrekturlesung wertvoll.

Das Buch ist engagiert, das Anliegen nachvollziehbar, das vermittelte Wissen reichhaltig! Der Autor plädiert für das Wissen über Kybernetik, über die Systembeobachtung und den Beobachter selbst (Seite 135). Dann ist das Erkennen von Rückkoppelungsmechanismen möglich und damit auch die Gestaltung einer Organisationsregelung, die den Projektunterricht nicht als Fachdisziplin, sondern als ganzheitliches Prinzip fruchtbar werden lässt. Die beständige Weiterentwicklung in kybernetischen Denkbezügen führt, meint der Autor, zu originellen, u.a. auch genialen Ergebnissen (Seite 8). Dass der Autor auf seinem Weg weiter schreitet und seine Erkenntnisse ausbaut, vernetzt und vertieft, ist zu wünschen!                           

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
10.03.2016
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/projektpraktikum-kybernetische-ansaetze-im-unterricht.html
Kostenpflichtig
nein