Psychosen- Früherkennung und Frühintervention

Das Kompetenznetz Schizophrenie (KNS) ist ein Forschungsverbund, der unter anderem das Wissen über Schizophrenie in der Öffentlichkeit verbessen und der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen entgegenwirken möchte - Letzteres auch durch diese Schriftenreihe. Der Praxisleitfaden hat eine...

Buchtitel: Psychosen- Früherkennung und Frühintervention. Der Praxisleitfaden.
Autorinnen: Häfner H, Bechdolf A, Klosterkötter J  u Maurer K
Verlag: Schattauer
Erschienen: 2012

...optimistische Botschaft, die aufgrund sorgfältiger Studien als fundiert gelten kann: Schizophrene Erkrankungen müssen nicht als eine ungebremste Talfahrt in die Psychose gesehen werden. Erstens gibt es auch Verläufe, bei denen die Erkrankung in einem bestimmten Stadium stagniert, oder solche, bei denen es sogar zu einer Rückbildung kommt. Zweitens - und das ist das Anliegen des Buches - gibt es viele Symptome, die schon einem Frühstadium auftreten und damit auch die Möglichkeit bieten, gezielte Interventionen in einem Vorstadium der Erkrankung zu setzen und damit der vollen Entwicklung einer Psychose zeitlich oder definitiv vorzubeugen.

Teil I des Buches widmet sich der Früherkennung, Teil II der Frühintervention. Im ersten Teil werden die Grundlagen der Früherkennung geliefert: Z.B. Symptomatik, Verlauf, Vorstadien, Diagnosedefinition und -kriterien, Häufigkeit des Auftretens in der Bevölkerung, Prodomalsymptome (Ausdruck der im Gang befindlichen Erkrankung, aber noch nicht eindeutig und verlässlich diagnostizierbar), es werden nicht nur die charakteristischen Symptome geschildert, sondern auch das Verhalten in diesen Frühstadien ( z.B. Sorgen, Schmerzen, Unruhe, Angst, sozialer Rückzug, Appetit-und/oder Schlafstörungen, Energieverlust, Affektverflachung).

Im zweiten Abschnitt des ersten Teils wird sehr genau und detailliert auf verschiedene Prognoseindikatoren eingegangen, wobei psychoseferne Prodrome (d.h. Phasen mit nichtpsychotischen Prodromalzeichen) und psychosenahe Prodrome unterschieden werden. Es wird u.a. auf Risikofaktoren Bezug genommen, auf auslösende Faktoren, auf Komorbidität (Erkrankungen, die sich neben dem Hauptleiden mitentwickeln können) und schließlich auf neurobiologische und (hirn-)morphologische Veränderungen im Prodrom hingewiesen.

Die weiteren Abschnitte beschreiben das im Anhang vollständig zur Verfügung gestellte (und auch durch eine Internetadresse abrufbare) Früherkennungsinventar ERIraos (Early Reognition Inventory of the Onset and Course of Schizophrenia an Other Psychoses) sowie Therapieindikationen. Das Früherkennungsinventar ist umfassend: Es werden Symptome abgefragt, Risikofaktoren durch Fragen an die Risikoperson und an einen Angehörigen erhoben, familiäre Faktoren und frühkindliche Entwicklungsdefizite erkundet, auch massive Veränderung in der globalen Erfassung des Funktionsniveaus werden herangezogen (d.h. das Ausmaß der Beeinträchtigung der Funktionstüchtigkeit in wesentlichen Bereichen der Lebensbewältigung).

Teil II bringt die Grundlagen der Früherkennung (Ziele, Nutzen-Risikoabwägungen (wie z.B. negative Folgen einer irrtümlichen Prodromeinschätzung) und führt als Basis der Früherkennung sogenannte Awareness-Programme an, die mit einer Aufklärung der Öffentlichkeit über die Früherkennung der Krankheit zur Mitarbeit motivieren. Es werden allgemeine Prinzipien der Frühbehandlung ausgeführt, z.B. muss die Mitwirkungsbereitschaft (compliance) oft erst entwickelt werden, die therapeutische Begleitung sollte nicht als Stress empfunden werden.

Abschnitt 7 des Buches referiert über den aktuellen Forschungsstand betreffen die Intervention bei Personen mit erhöhtem Psychoserisiko, Abschnitt 8 berichtet über differenzielle Interventionen, je nach Vorliegen eines psychosefernen oder psychosenahen Prodroms, Abschnitt 9 schildert den psychotherapeutischen Ansatz : Multimodale kognitiv-verhaltenstherapeutische Intervention bei Personen mit erhöhtem Psychoserisiko im psychosefernen Prodrom. Die Behandlung umfasst Psychedukation, also Aufklärung über die Erkrankung bzw. Behandlung, das Symptommanagement (Umgang mit Funktionsbeeinträchtigungen), das Stressmanagement (Reduktion von Belastungen etc.) und das Krisenmanagement ( z.B. Erstellen eines individuellen Krisenplans). In der Gruppentherapie geht es um Aktivitätsaufbau und Genusstraining, soziales Kompetenztraining, Problemlöetraining. Dazu kommt noch ein kogntives Training (Verbesserung von Konzentration, Gedächtnis, Aufmerksamkeit) und Angehörigenberatung.

Der Leitfaden gibt Formulierungshilfen im Zusammenhang mit der Psychoedukation (d.h. der Aufklärung über die Krankheit). Während genau Angaben über die Effektivität von Medikation gegenüber Verhaltenshtherapie noch fehlen, gibt es erste Ergebnisse über die neuroprotektive Wirkung von bestimmten Medikamenten, abhängig von ihrer Dosierung. Fallberichte veranschaulichen die Ausführungen.

Ein sehr wichtiges Buch, eine klare Hilfe, eine ermutigende Information für Betroffene, Angehörige, Ärzte, Psychologen, Psychotherapeuten und für alle, die sich aufmerksam um das Wohl ihrer Mitmenschen kümmern wollen - auch dort, wo bisher Hoffnung rar war!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
07.01.2012
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/psychosen-frueherkennung-und-fruehintervention.html
Kostenpflichtig
nein