Rudolf Steiner. Seine Bedeutung für Wissenschaft und Leben heute.

Mit einem Geleitwort von Arthur Zajonc. Wie auch immer die Leserschaft zu Steiner stehen mag, die hier ausgebreiteten Assoziationen sind reichhaltig, bringen einen Erkenntniszuwachs und fordern zur eigenen Stellungnahme auf. Das Buch ist ein Lesegewinn mit Impulswirkung!

Buchtitel: Rudolf Steiner. Seine Bedeutung für Wissenschaft und Leben heute. Mit einem Geleitwort von Arthur Zajonc.
AutorInnen: Heusser P u Weinzirl (Hg)
Verlag: Schattauer
Erschienen: 2014

Zum Inhalt

Rudolf Steiner (1861-1925) polarisiert. Der Gründer der Anthroposophie, Künder und Lehrer der spirituellen Entwicklung hat begeisterte Anhänger und  leidenschaftliche Gegner, für die er ein Eklektiker und Phantast ist. Sein Einfluss ist und war jedenfalls sehr vielseitig und wies einerseits direkt praktisch umsetzbare Ideen auf wie z.B. die Waldorfschulen, die biodynamische Landwirtschaft, die Impulse für die Architektur, die Dreigliederung der Gesellschaft in Analogie zur Dreigliederung (Kopf, Rumpf, Gliedmaßen oder auch Nerven, Stoffwechselsystem, Herz-und Kreislaufsystem) beim menschlichen Organismus. Nach wie vor anregend ist der Brückenschlag zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft und das Bestreben Steiners, nur jenes Wissen anzuerkennen, das über die Erfahrung der Sinne oder über das Denken zustande kommt. 

Andererseits bezog sich Steiner aber auch auf mystische Erkenntnisquellen (Gegner meinten, er immunisiere unüberprüfbare Inhalte gegen Kritik) und kam zu komplexen, schwer nachvollziehbaren Deutungen z.B. von Gebeten, Märchen, religiösen Inhalten. Und es gibt eine verwirrende Lebenswende: Vom engagierten Verfechter des freien, eigenverantwortlichen Menschen, wie ihn die Philosophen Stirner und Nietzsche verkündet haben, wandelt sich Steiner in einen das mystische Christentum verteidigenden Leiter einer theosophischen Gemeinschaft. Selg, einer der Autoren im vorliegenden Buch hat bezüglich der Annäherung Steiners an die theosophische Gemeinschaft (Seite 18) die Kontinuität betont: Steiner habe die theosophische Gesellschaft nicht als Fluchtpunkt seiner gescheiterten beruflichen Biographie angesehen, sondern "als temporäres Organ seiner Wirksamkeit". Ravagli, ebenfalls  Autor im besprochenen Buch, meint dazu, Steiners grundlegenden Intentionen seien dabei gleich geblieben, er habe nur die Diskursgemeinschaft und Diskurssprache geändert, man müsse zwischen Diskursform und Inhalt unterscheiden (Seite 337, 341). Sophisticated!

Das Buch basiert auf einer 2011 stattgefundenen Vorlesungs- und Diskussionsreihe mit dem Titel "150 Jahre Rudolf Steiner - Seine Bedeutung für Wissenschaft und Lehre heute". Die Beiträge der Vortragenden und Diskutanten sind inhaltlich und von der argumentativen Gestaltung interessant.  Die 13 Kapitel spüren der Impulsgebung und Anregung durch Gedanken und Konzepte von Rudolf Steiner nach und entwickeln dazu reichhaltige Assoziationen. Einige Kapitel sollen aufgegriffen werden, um die Vielfalt der aus den Anregungen Steiners abgeleiteten Ideen zu demonstrieren. Wegen der Inhaltsdichte der einzelnen Beiträge der Autoren kann die Rezension, ohne den hier verfügbaren Rahmen zu sprengen, vieles nur stichwortartig andeuten: Ein Beitrag beleuchtet Rudolf Steiners Stationen des Lebens und Wirkens. Fragen-Stellen-Können wird in einem weiteren Beitrag als  Fähigkeit angesehen und eine individuelle Fragekultur als Quell der Erkenntnisentwicklung betrachtet. Rudolf Steiner hat - führt ein weiterer Autor aus - außerdem  zwölf Weltanschauungsnuancen beschrieben wie etwa Idealismus, Psychismus,  Pneumatismus, Spiritualismus usw., diese weltanschaulichen Facetten können im Kreis angeordnet werden und so den fließenden Übergang von Materialismus zum Spiritualismus, vom Realismus zum Idealismus zeigen und umgekehrt. Steiner hat immer wieder die Verschränkung von Natur- und Geisteswissenschaft verkündet, ein Beitrag im Buch beschreibt daher die geistigen Wirkfaktoren im menschlichen Organismus (es gibt die unbelebte Natur, die belebte Natur, es gibt psychische und es gibt - und das ist das Besondere - geistige Prozesse, die einander wechselweise beeinflussen). Damit wird das alte Problem Gehirn-Geist aufgegriffen. Alle diese Ideen berufen sich auf Anregungen durch Steiners Philosophie.

Steiner hat Gedanken zum Atom geäußert, die der modernen Quantenphysik entsprechen, wie ein Buchbeitrag zeigt. Die Impulse Steiners berühren auch die Evolutionsforschung (der Mensch ist zwar in die Evolution eingegliedert, verfügt aber über Kulturbildungsfähigkeit und über eine biologische Autonomie, die seine Freiheit ermöglicht wie z.B. das relativ große Gehirn, die befreiten Hände, die nicht mehr die Fortbewegung mit leisten müssen). Weitere von Steiner angeregte bzw. profitierende Themen sind: Die Beobachtung von Rhythmen in allen Lebensbereichen, die Nutzung der Chronobiologie (der tägliche Energiezyklus), die bekannte Waldorfpädagogik mit Epochenunterricht, entwicklungsorientierten Lehrplänen, künstlerisch-handwerklichem Unterricht.

Von Steiner stammt  die funktionelle Dreigliederung des sozialen Organismus, die er mit den drei Zielen der  Französischen Revolution in Verbindung bringt: das Geistesleben (entspricht für Steiner dem Ideal der Freiheit, d.h. Lehrstätten wie Universitäten sollten frei sein in Lehre und Forschung), das Rechtsleben (die Gleichheit vor dem Gesetz ist wichtig) und das Wirtschaftsleben ( Brüderlichkeit z.B. in Form von Gewinnbeteiligung) u. a. m. Steiner hat auch mit Gedanken über die Ästhetik die Architektur angeregt und schließlich gibt es noch eine Darstellung, wie sich Steiners Hochschulgedanken konkret an einer Universität nachvollziehen lassen, und last not least eine ausgefeilte Darstellung von Zustimmung bzw. Ablehnung in der Rezeption der Anthroposophie und ihren einschließenden (inklusiven) oder ausschließenden (ausgrenzenden) Diskursvarianten - eine meisterhafte, aber auch etwas immunisierende Argumentation.

Wie auch immer die Leserschaft zu Steiner (und seinen mystischen Lehren) stehen mag, die hier ausgebreiteten Assoziationen der Autoren zu Steiners vorwiegend kognitiv-kreativen Denkanstößen, Ideen, Konzepten sind reichhaltig, bringen einen Erkenntniszuwachs und fordern zur eigenen Stellungnahme auf.  Das Buch ist ein Lesegewinn mit Impulswirkung!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
02.10.2013
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/rudolf-steiner-seine-bedeutung-fuer-wissenschaft-und-leben-heute.html
Kostenpflichtig
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