Scheiden tut weh. Elterliche Trennung aus Sicht der Väter und Jungen

Ein sehr hilfreiches und auch aufrüttelndes Buch! In jedem sozialen und auch pädagogischen, psychotherapeutischen, psychologischen und gesundheitlichen Beruf mit Gewinn lesenswert!

Buchtitel: Scheiden tut weh. Elterliche Trennung aus Sicht der Väter und Jungen.
AutorInnen: Franz M u Karger A
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Erschienen: 2013

Zum Inhalt

Das Buch greift ein ganz wichtiges Thema auf, dessen Dringlichkeit man wo nicht schon vorher dann auf jeden Fall  beim Lesen erfasst. Die Herausgeber wollen Abschied und Trennung als  unvermeidliche biografische Wendepunkte in Reifungsschritte umwandeln (S.7) Zudem haben Sie die Meinung:"Verantwortliche Wissenschaft muss sich in den gesellschaftlichen Raum hinein vermitteln." (S.9)

Im Vorwort wird ein Gesamtüberblick über die Beiträge des Buches geboten. Die Rezension beschränkt sich daher auf eine kurze inhaltliche Strukturangabe. Dafür werden aber dann wichtige Ergebnisse des Buches  angeführt.

Die  12 Beiträge befassen sich mit Aspekten der Trennung  (kulturgeschichtliche Betrachtungen, psychoanalytische Gedanken, Trennungsleid im Spannungsfeld zwischen Partnerschaft und Elternschaft), mit den vielfältigen Folgen der Trennung ( psychisch, verhaltensmäßig, kognitiv, somatisch..). Weitere Beiträge geben z.T. beklemmende (Fall-) Schilderungen der Probleme vaterloser Jungen, der Auswirkungen früher Trennungen z.B. auf Bindungsfähigkeit und psychische Gesundheit ,Darstellung der Auswirkungen auf psychische Störungen wie pathologischer Narzissmus, Gewalt, dissoziale Tendenzen u. a. m.  Weitere Beiträge fokussieren Maßnahmen: das Leid der Männer anerkennen,  Konzepte für hochstrittige Elternkonflikte entwickeln, Unterstützungs-Modelle für allein erziehende Mütter entwickeln, juristische Möglichkeiten der Konfliktregulation finden, Prävention als Handlungsfeld der Politik bewusst machen.

Die folgenden Ergebnisnotizen sollen nicht den Anspruch erwecken, alles wiederzugeben, dafür ist das  Buch zu vielfältig. Aber einige dem Rezensenten besonders wichtige Ergebnis- Beispiele sollen die Breite der Erörterung zeigen:

  • 50% der Ehen werden in der Gegenwart geschieden. Jedes sechste bis siebente Kind ist ein Trennungskind (S. 19).
  • Bei mütterlicher Einzelerziehung fehlt das "Mannsbild" , andererseits fehlen in Ein-Kind-Famlien auch die problem-abpuffernden Geschwister (S.20).   
  • Der Ausdruck "Trennungswaise" ist falsch, der fehlende Elternteil ist ja nicht gestorben, man sollte daher von Trennungskindern sprechen (S. 29).
  • Die die Mutter-Kind-Symbiose aufbrechende  Triangulierung muss nicht durch den leiblichen Vater erfolgen. Jeder "signifikante Andere" ist hilfreich (S. 37).
  • Die vom Herausgeber (K.) referierte klassische Position, dass schon Kinder im 2. Lebensjahr Penisneid und Gebärneid haben (S.49), sollte  auch als "konzeptuelle Metapher" (S. 44) nicht undiskutiert bleiben.
  • Die miterlebte Trennung führt zu deutlicheren negativen Folgen als die schon vorhandene Trennung, in die man hineingeboren wird (S. 93f).
  • Wichtige Ressourcen sind persönliche, familiäre und soziale Faktoren. (S. 136).
  • Für die Betreuung unter drei Jahren alter Kinder bedarf es eines Paradigmenwechsels: Das Zusammensein mit den Eltern ist eminent wichtig, im Alter von zwei Jahren kann diese radikale Familienorientierung begrenzt aufgelockert werden. Familienferne erzeugt Distress.
  • Trennung als Paar, aber als Eltern nicht, kann für hochstrittige Eltern ein kontraproduktives Fortbestehen von Konflikten bedeuten. Hier ist für Abgrenzungshilfen zu sorgen und zur Erarbeitung einer parallelen Elternschaft anzuleiten (S. 182f).
  • Statt  der Suche nach dem bestgeeigneten Elternteil   sollte das Beziehungsnetz zwischen Eltern und Kindern umgestaltet werden (S. 208f).
  • Man sollte zwischen Vater und Expartner unterscheiden, die kränkende Paarebene hinter sich lassen, wenn es um das Kind geht.(S. 212)
  • Statt teurer familienersetzenden Maßnahmen familienergänzende Hilfen anstreben (S.284)

Zwei kleine Anmerkungen: Die im Titelbild gezeigte elterliche (väterliche) Kraftanwendung , um einen offensichtlich wegstrebenden Jungen zu halten oder an sich zu ziehen, könnte im Buch (mehr) aufgegriffen werden.

Es wäre auch - was der Untertitel ermöglicht - interessant, tatsächlich Jungen zu Wort kommen zu lassen. Übrigens ist die Themenbreite größer als der Untertitel "aus Sicht der Väter und Jungen" erwarten lässt, das ist auch gut so, denn sonst liegt der (Fehl-)Schluss nahe, dass für Töchter und Mütter alles schon zum Besten sei.

Ein sehr hilfreiches und auch aufrüttelndes Buch! In jedem sozialen und auch pädagogischen, psychotherapeutischen, psychologischen und gesundheitsbezogenen Beruf  mit Gewinn lesenswert!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
02.09.2013
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/scheiden-tut-weh-elterliche-trennung-aus-sicht-der-vaeter-und-jungen.html
Kostenpflichtig
nein