Sozialpädagogische Fallarbeit

Wittgenstein beginnt in seinem Tractatus: „Die Welt ist alles, was der Fall ist. Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge. Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, dass es a l l e Tatsachen sind. Denn, die Gesamtheit der Tatsachen bestimmt, was der Fall ist...

Buchtitel: Sozialpädagogische Fallarbeit
Autorinnen: Braun A, Graßhoff G u Schweppe C
Verlag: München: E. Reinhardt
Erschienen: 2011

...und auch, was alles nicht der Fall ist.“ Dieses Zitat hätte auch in der Einleitung dieses Buches stehen können, denn auch in der sozialpädagogischen Fallarbeit erhebt sich die Frage, was der Fall im Fall ist (Seite 9). Weil es sich hier um eine komplexe Frage handelt, wird eine Reflexion des eigenen Handelns nahegelegt und vorgeschlagen– das ist eine sowohl von der inhaltlichen Seite wie auch von der sprachlichen Gestaltung kostbare Textstelle- ein Lernarrangement für die Entwicklung eines Habitus „zur Befremdung der eigenen Praxis“ zu schaffen(Seite 9). Weiter ist die Rede von der Einübung eines kontrollierten Fremdverstehens und einer Irritation von Alltagsdeutungen (ebd.).

Das Buch hat sechs Teile. Teil 1 beschäftigt sich mit der Geschichte der Fallarbeit in drei Strängen: Sozialarbeiterisch, psychoanalytisch und sozialpädagogisch. Es werden aber auch Grundlagen für das sozialpädagogische Denken geliefert. Auf Seite 18 wird ein Beispiel dafür geliefert: Studenten bekommen eine Falldarstellung zur Bearbeitung und Deutung vorgelegt. Diese ersten methodischen Zugänge sind noch sehr konkret personbezogen. Eine kasuistische Wende stellt dann der Perspektivenwechsel dar, dass nicht der konkrete Einzelfall im Mittelpunkt steht, sondern die sozialpädagogische Situation, die normativen Orientierungen, die Situationsdeutungen der Interaktionsträger (Seite 18).

Weitere Erörterung findet die Professionalisierung der Sozialen Arbeit (als übergeordnete Kategorie über die an der Jugendarbeit orientierten Sozialpädagogik und die aus der Sozialfürsorge erwachsenen Sozialarbeit verstanden – Seite 15) zwischen praktischer Lebenswelt- und Alltagsorientierung und wissenschaftlicher theoretischer Fundiertheit. Interessant sind die Dimensionen „sozialpädagogischer Fälle“ (Seite 26-31), die Strukturdimension (die soziale Herstellung der Lebensrealität, Netzwerke, Kontext, Rahmenbedingungen), die subjektive Dimension (die Deutung der Fallsituation durch den einzelnen Interakteur),die Zeit-und Prozessdimension (lebens-geschichtliche Perspektive, Problementfaltung) und die interaktive Dimension (die jeweiligen Interaktionspartner des Problemträgers färben spezifisch die Fallarbeit). Diese vier Dimensionen werden auf Seite 27 als Strukturdimensionen bezeichnet, da aber die Strukturdimension dann extra angeführt ist, empfiehlt sich eine Bezeichnung wie in der Abschnittsüberschrift. Der erste Teil bringt abrundend eine interessante Betrachtung der methodischen Nähe zur qualitativen Sozialforschung.

Teil 2 schildert die methodischen Zugänge. Exemplarisch werden drei wichtige Ansätze dargestellt: die multiperspektivische Fallarbeit (sie unterscheidet einen Sachbezug – ein Fall „von“- und einen Zuständigkeitsbezug – ein Fall „für“ – sowie einen personalen Bezug – ein Fall „mit“ und untergliedert diese Perspektiven noch durch die Abfolge Anamnese, Diagnose, Intervention und Evaluation); die pädagogische Diagnose (eine speziell für die Förderung von Jugendlichen vornehmlich in der Bildung entwickelte Methode, aus Interviews relevante Lebensthemen und Tätigkeiten zu destillieren und daraus Handlungsansätze zu formulieren); sowie die ethnografische Fallarbeit (sie sieht den Fallbearbeiter als jemand, der sich in eine fremde Welt begibt und sich dort zurecht finden muss, wobei dem inneren Erleben besonderer Raum gewährt wird)

Teil 3 bietet Hinweise zum Falldarstellen in Bezug auf die sprachliche Dimension und Überlegungen zum Umgang mit dem Text in Hinblick auf methodische Bausteine einer rekonstruktiven Fallanalyse. Dazu gehören der Textaufbau, die Darstellungsmodi, Textsorten (Erzählen, Beschreiben, Argumentieren), mehr oder weniger subjektbezogene Textformate, Grundsätze wie das Wörtlichkeitsprinzip (der Text wird 1:1 übernommen), interessante minimale und maximale Vergleiche (was ist sehr ähnlich, wa steht in maximalem Kontrast). Es ist dies ein Abschnitt, der über die Soziale Arbeit hinaus gehend von Interesse ist.

Von den drei folgenden Teilen 4 ( Fallanalysen zu Strukturproblemen sozialpädagogischen Handelns), 5 (Fallarbeit aus der Sicht der Studierenden) und 6 (Übungen und Material, d.h. Falldarstellungen zur weiteren Bearbeitung) sei der Teil 4 noch genauer beschrieben. Die aus Angaben resultierenden Problemlagen von Studierenden befassen sich mit den Anfangsschwierigkeiten sozialpädagogischen Handelns (wie z.B. fehlende Unterstützung, fehlende Einarbeitung), pädagogische Ungewissheiten (Handlungsdruck trotz Unsicherheit, Angst, diffuses Handlungswissen, Umgang mit Unerwartetem), die Frage der Abgrenzung und der förderlichen Nähe, die diffizile Frage der Deutungszuschreibungen durch den Fallbearbeitenden, der Einfluss der eigenen Wertungen und Perspektiven, der Wunsch nach eindeutiger Klärung (Erklärung im Gegenüber zu Verstehen). Reflektiert wird auch der Nutzen von Regeln in der Sozialen Arbeit.

Das Buch erfüllt voll seinen selbst gesetzten Auftrag: Als Lehrbuch, das Wissen vermittelt, zugleich auch eine Handreichung für die Studierenden zu sein. Viele Zusammenfassungen und Fragen am Schluss einzelner Abschnitte, viele Texthervorhebungen, Randbemerkungen etc. gestalten ein lebendiges Lernmaterial, das zur Auseinandersetzung mit eigenen Perspektiven anregt!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
07.04.2011
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/sozialpaedagogische-fallarbeit.html
Kostenpflichtig
nein