Staunen, Humor, Mut und Skepsis.

Philosophische Kompetenzen für Therapie, Beratung und Organsationsentwicklung - aber auch ein Buch für all jene, die das Land der Philosophie entdecken möchten...

Buchtitel: Staunen, Humor, Mut und Skepsis. Philosophische Kompetenzen für Therapie, Beratung und Organsationsentwicklung.
AutorInnen: Stölzel T
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht 
Erschienen: 2012

Zum Inhalt

Der Autor, als philosophischer Praktiker und systemischer Berater ausgewiesen, strebt danach, die Philosophie und ihre Potentiale dem – allgemeinen und nicht notwendiger Weise fachkundigen – Leserkreis näher zu bringen. Er will den Menschen als Fähigkeitswesen – abseits pathologischer Reflexionen –kennzeichnen, dessen grundlegende Fähigkeiten Voraussetzungen für das Philosophieren darstellen. Und schließlich will der Autor vier Kernkompetenzen aufzeigen, die für den professionellen Umgang mit Fragestellungen, aber auch für persönliche Fragen wesentlich sind: Staunen, Humor, Mut und Skepsis heißen diese philosophischen Kernkompetenzen und ihnen entsprechen vier relevante Handlungsweisen: das Wahrnehmen, das Einnehmen einer Haltung, das Entscheiden und das Prüfen.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit dem „Reizwort Philosophie“, nimmt eine kritische Bestandsaufnahme vor. Wichtig dabei die Unterscheidung zwischen "Was ist..?-"-Fragen und  "Was kann ich über...überhaupt herausfinden?"-Fragen,  jene mit dem Anspruch auf Wissensbesitz, Wissenssicherheit und Wissensgewissheit; diese mit der erkenntnistheoretischen Vorsicht, die alles bloß als "Vermutungswissen" ausweist. Darüber hinaus regt der Autor zu Antworten auf viele weitere Fragen an: Die Erkundung des eigenen Begriffs-, Themen-, Werte-, Überzeugungsinventars (des sogenannten "inneren Lexikons"), und zu Reflexionsfragen über Philosophie und Philosophieren. Originell dabei auch der Vergleich zwischen der etymologischen Spurensuche bei Worterkundungen und der therapeutischen Erforschung der Vergangenheit des Patienten und seiner Erfahrungen. Ebenfalls originell und anregend der Kriterienkatalog zur Weisheit (S 43f): Weisheit sollte demnach umfassend, existentiell relevant sein, erwerbbar durch die konkrete Lebenspraxis (und nicht wie Bücherwissen erlernbar) und effektiv  für den Handlungsvollzug. Interessant ist die "philosophische Bewegung" (S 24ff): Der Autor sieht sie in einem Dreischritt. Zunächst ereignet sich ein Innehalten, weil etwas (was auch immer) zum Gegenstand des Philosophierens wird. An diese fokussierte Wahrnehmung schließt eine seelische und geistige, emotionale und kognitive Antwort der philosophierenden Person an, die diese existentiell "weiter und größer" werden lässt. Schließlich wird in einem dritten Schritt der philosophischen Bewegung eine Passung vorgenommen. Im konkreten Lebensbereich wird die geänderte Selbst - und Weltbeziehung angewendet. (In gewisser Weise kann man hier auch das "Werk" der vier Kernkompetenzen erkennen: Das Staunen zu Beginn, gefolgt von einem mutigen Zulassen von verändertem Welt- und Selbstbezug, bis hin zu einer skeptischen Überprüfung der Kompatibilität des neu gefundenen existentiellen Zugangs und bis zum Einnehmen einer neuen Haltung, z.B. des Humors).

Nach grundlegenden Ausführungen zum Reizwort Philosophie, zur Frage "Was kann ein Mensch?",zum Hinweis auf vier andere Mitspieler,  und einer Notiz zur "Existentiellen Kommunikation" werden die philosophischen Kompetenzen dargestellt: Das Staunen - eine Frage der Wahrnehmung, der Humor als eine Frage der Haltung, der Mut als eine Frage der Entscheidung und die Skepsis als eine Frage der Prüfung. Jede Erörterung beginnt mit einem Vordialog (der  zwischen Therapeutin, Berater, Organisationsentwicklerin und philosophischem Praktiker geführt wird und durch seine kognitive Ausrichtung auf einem hohen sprachlichen (Abstraktions-)Niveau eher etwas ungewöhnlich wirkt). Es folgen eine Begriffsgeschichte  sowie Elemente eines persönlichen Staunens-, Humor-, Mut- und Skepsis- Profils durch viele Reflexionsfragen, die zur eigenen Stellungnahme anregen. Abgerundet wird die jeweilige Darstellung durch Grenzziehungen (die die Ausgewogenheit der jeweiligen Kompetenz ermöglicht gegenüber grenzenlosem Staunen oder überbordender Skepsis etc.). Der Autor sieht in der Abfolge Staunen, Humor, Mut und Skepsis eine gewisse Berechtigung wobei allerdings keine lineare Kausalität beansprucht wird - denn tatsächlich könnte man von jeder einzelnen Kernkompetenz ausgehen , z.B. mit gewissen Voreinstellungen (Humor Mut, Skepsis) auf die dadurch gefilterten Wahrnehmungen zugehen.  Die Ausführungen zur "Mitte eines Quadrates, d.h. zu den philosophischen Kompetenzen im Alltag  gehen sichtlich nicht von einer Linearität der Abfolgen aus, sondern von einer Simultaneität.

Das Buch ist reichhaltig an Anregungen, Beispielen,  Reflexionsanleitungen, es zeigt die Angebotsmöglichkeiten philosophischer Praxis lebendig auf und ist zugleich (erfolgreich) bemüht, die Leserschaft für das Philosophieren aufzuschließen.

Ein kleiner Hinweis sei dem Rezensenten gestattet: Die Reflexionsfragen (mit hohen Erlebnisanteil) zu den einzelnen Kernkompetenzen wären eine Chance, das Zusammenspiel von Philosophie und Psychologie zu demonstrieren. Was trennt die beiden Disziplinen, was verbindet sie, wo gibt es einen Brückenschlag und wo einen trennenden Abgrund (wenn überhaupt)?

Das Buch ist nicht nur philosophischen Praktikern zu empfehlen, sondern allen, die das Land der Philosophie entdecken und seine Bodenschätze heben wollen - ob im eigenen Lebensvollzug oder in einem professionellen Setting!

Eine kleine Nachbemerkung:
Stölzel weist auf den berühmten Film "Rashomon" hin, der ihm hervorragend geeignet erscheint,  die Perspektiven der "Wahrheit" zu veranschaulichen: Rund um den Handlungskern einer Vergewaltigung und eines Mordes werden von den verschiedenen beteiligten und beobachtenden Personen ihre jeweiligen Interpretationen des Vorgefallenen dargestellt. Stölzel meint (S289f), dass der Film keine Auflösung bringt, sondern alle Perspektiven gelten lässt. Hier ist der Rezensent der Auffassung, dass der Film allerdings eine Lösung bringt: Ein idealistischer junger Mönch, ein vagabundierender Bürger und ein armer, schlichter Holzfäller tauschen ihre Erzählversionen aus und kommen auf "keinen gemeinsamen Nenner". Aber der Holzfäller nimmt sich um ein weggelegtes Baby an - trotz der Kinderschar, die er schon jetzt kaum ernähren kann. Die Wolken lichten sich, der Regen hört auf..
Gerade für die philosophische Praxis ist dieser "Sieg der ( guten) Tat" über die (endlosen) Reflexionen ein Meilenstein. Um mit den Kernkompetenzen zu schließen: Die mutige Handlung(sentscheidung) beendet die überbordende Skepsis, macht Platz für das Staunen (über den Mut des Holzfällers) und für eine neue Haltung!

 

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
23.10.2012
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/staunen-humor-mut-und-skepsis.html
Kostenpflichtig
nein