Stürme im Gehirn. Dem Rätsel Parkinson auf der Spur.

Dem Autor ist eine packende Dokumentation gelungen, die den Kampf um den Sieg über die Krankheit hin und her wogen lässt. Ein ehrliches Buch..


Autorin: Palfreman J
Verlag: Weinheim: Beltz

Erschienen: 2016

Zum Inhalt

 

Drei Seelen kämpfen  in der Brust des Autors um ihren Vortritt:  Der nüchtern-sachliche Berichterstatter mit einem erstaunlichen Detailwissen über alles, was mit der Parkinson-Erkrankung zu tun hat; der faszinierte Sensations-Reporter, der als unsichtbarer Beobachter an den Sternstunden der Parkinsonforschung teilnimmt; und der mitfühlende, behutsame Betroffene (der Autor ist selbst ein Parkinsonpatient).

Die Titelblatt-Illustration zeigt einen Kopf, der zugleich eine Baumkrone darstellt, der Sturm fährt hinein und reißt Blätter aus dem Laubwerk, tragische Metapher für den Zellverlust - und ein kleiner Spannungshinweis: Der Sturm der Krankheit zerstört, der Sturm des Nachdenkens ist konstruktiv. Das Buch heißt ja im Original: BrainStorms: The Race to unlock the Mysteries of Parkinson´s Desease. Das trifft das Anliegen des Autors präziser und dynamischer als der deutsche Buchtitel. Der Originaltitel beschreibt das "Brain-Storming" und den Wettlauf zwischen den einzelnen Behandlungsideen. Tatsächlich hat aber der “Sturm“ noch eine andere Bedeutung in diesem Buch, wie z.B. Seite 75f zeigt: Durch den Dopamin-Mangel werden von den Basalganglien verstümmelte Botschaften gesendet, die den Bewegungsvollzug irritieren. In diesem Sturm im Gehirn muss sich der Parkinsonkranke orientieren lernen.

Die einzelnen Kapitel “geben sich die Hand“: Der Wissenschaftler im Autor fragt nach den Ursachen der Erkrankung: ist es die Zerstörung der substantia nigra im Gehirn, ist es die versiegende Produktion des Botenstoffes Dopamin, sind es genetische Faktoren oder tragen Umweltgifte, ein Virus zum Erkranken an Parkinson bei? Was fühlt ein Parkinson-Patient? Hilft eine Operation, bei der bestimmte Teile des Gehirns entfernt werden?  Viele Fragen durchziehen das Buch und werden sachlich, emotionsdistanziert beantwortet. Daneben hat der Autor aber viele „tröstliche“ Aussagen parat: Z.B. dass die paradoxen Fähigkeiten des Gehirns (in der Ausführung von Bewegungen wie Radfahren, Schlittschuh laufen, zu rennen, obwohl der Patient nicht mehr gehen kann), auf neue therapeutische Möglichkeiten verweisen (Seite 14). Oder es wird der „Trick“geschildert, wie man die erkrankten Basalganglien „überlisten“ kann: Indem man die sonst automatisierten Bewegungen  bewusst vollzieht, sich Signale aufbaut, die Bewegungen in kleine Segmente teilt „um den Sturm in diesem Teil des Gehirns zu umschiffen.“ (Seite75f)

Wie der Autor auf Seite 87f ausführt, gab es zur Jahrhundertwende mehrere Strategien:  die Behandlung der Symptome durch Medikamente, Operationen, Körperübungen; die Versuche einer Veränderung der Krankheit selbst, z.B. Verlangsamung des Krankheitsablaufs; Neuroprotektion war das Stichwort für Strategien zum Schutz vor Umweltgiften; die Strategie der Rettung beschädigter Neuronen durch Gehirnnahrung bzw. durch Gentherapie. Oder der Versuch, Dopamin erzeugende Nervenzellen einzupflanzen.

Weitere Möglichkeiten sind so unterschiedlich wie die Tiefe Hirnstimulation und gezielte physiotherapeutische Übungen, letztere z.B. zur Verbesserung der  Haltungs- und Gleichgewichtsprobleme.

Seite 174f ist eine "geballte" sachliche Aufzählung der rund 30 Beschwerden, die die Parkinsonkrankheit mit sich bringt, von Tremor bis zur Müdigkeit und zu Schmerzen, von Blasenproblemen bis zur Apathie, von Verstopfung bis zu Angst und Depression  usw. Diese Liste macht mutlos. Der behutsame Betroffene  im Autor meldet sich zum Schluss dieser gnadenlosen Aufzählung mit dem Hinweis, dass nicht alles immer auf Parkinson zurück zu führen ist, sondern auch altersbedingt erfolgen kann, und dass manche Symptome nur passager auftreten.

Der Forscher im Autor interessiert sich insbesondere für verbesserte Medikationen, für die nachweisbaren Placeboeffekte, für die Einbeziehung der nichtmotorischen Symptome und für die personalisierten Behandlungswege. Aber er zählt auch unerbittlich auf (Seite 270f), dass es beim Parkinson zum Zerfall der Denkorganisation kommt, zu geringer verbaler Flüssigkeit usw. Diese Anmerkungen wirken besonders zermürbend, weil der Autor (ebd.) betont, "dass bis zu 80% der Parkinson-Patienten die Fähigkeit zu denken und zu urteilen schließlich verlieren." Auf der Folgeseite 272 bedauert  Palfreman, dass so wenig Patienten den Mut hätten, über die Möglichkeit kognitiver Störungen und Demenz zu reden. Gleichzeitig betont er vorher, dass Parkinson eine höchst variable Krankheit ist. Auf Seite 273 unten dominiert wieder der "betroffene Autor", der die Lebensweise und die Körperübungen als maßgeblich für das Bewahren sozialer, geistiger Aktivität erachtet.

Der hintere Klappentext klingt verheißungsvoll aus: ".. der heißen Spur zu einer vielversprechenden Methode, die nicht nur Parkinson, sondern auch Alzheimer heilen könnte." Diese - muss man enttäuscht feststellen -  Spur hat noch kein heraus ragendes Ergebnis gebracht. Aber, wenn man das Buch gelesen hat, ist man schon enttäuschungsresistenter, denn immer wieder handelt das Buch von anfänglicher Begeisterung und nachträglicher Ernüchterung. Was in Dur beginnt, endet oft in Moll.

Dem Autor ist eine packende Dokumentation gelungen, die den Kampf um den Sieg über die Krankheit hin und her wogen lässt. Ein ehrliches Buch, das nichts beschönigt, manchmal dadurch bedrückend wirkt, aber auch viele Hilfen anführt. Und so schließt der Autor mit einem Zitat, das auch die Unermüdlichkeit der Forschung bezeugt:" Wenn du bei Parkinson keine Hoffnung hast, hast du überhaupt nichts.!" (Seite 281)

 

 

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
09.04.2016
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/kommunikation-beziehung/detail/stuerme-im-gehirn-dem-raetsel-parkinson-auf-der-spur.html
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