Allgemeine Psychopathologie

Das Werk hat viele Auflagen und Überarbeitungen erfahren (1976 die erste Auflage, 1978 spanische Auflage, in der Folge englische, italienische, portugiesische, bulgarische Auflagen). Schon in der Einleitung zeigt sich der weite Horizont des Autors, der sich unter anderem mit transkultureller...

Buchtitel: Allgemeine Psychopathologie. Eine Einführung. 6. überarbeitete Auflage
Autorinnen: Scharfetter C
Verlag: Thieme
Erschienen: 2010

...Psychiatrie, transpersonaler Psychologie, Meditation, Bewusstseinsforschung, Religionsphänomenologie beschäftigte und akribisch die einzelnen Quellen seines Verständnisses von Psychopathologie anführt. Wegen der Detailfülle soll im Folgenden der Inhalt skizziert werden und dann auf die Ausführungen im Anfangskapitel näher eingegangen werden.

Das Buch hat 21 Kapitel, anfangs stehen Erläuterungen zur allgemeinen Psychopatholoige, dann folgen die Kapitel Bewusstsein (z.B. Störungen des Wachseins, der Bewusstseinsklarheit) , Ich-Bewusstsein (z.B. Störungen der Ich-Vitalität, der Ich-Identität), Erfahrungsbewusstsein und Realitätsbewusstsein (z.B. Demenz), Orientierung (z.B. wahnhafte Fehlorientierung), Zeiterleben (z.B. Verlangsamung), Gedächtnis undErinnerung (z.B. Erinnerungsstörungen, Scheinerinnerungen), Denken, Sprache, Sprechen (z.B. Unverständlichkeit der Sprache), Intelligenz (z.B. Intelligenzstörungen aus affektiven Gründen),Affektivität (z.B. posttraumatische Verstimmungen), Wahrnehmung (z.B. Halluzination), Auffassung (z.B. Störungen infolge von Hirnschäden), Wahn (hier recht interessant die verschiedenen Hypothesen zum Wahn, z.B. aus gestaltpsychologischer, aus individualpsychologischer Perspektive), Antrieb (z.B. erworbene Antriebsstörungen), Motorik (z.B. Tics , Grimassen), Aggression (z.B. Suizidalität), Zwänge und Phobien (z.B. Zwangsimpulse, Zählzwang), Impulshandlungen (z.B. Kleptomanie, Pyromanie), Bedürfnis -Trieb – Wille (z.B. Anorexie, Bulimie), Sexualität (z.B. Potenzstörungen, Ablehnung des eigenen Geschlechts). Der Aufbau jedes Kapitels ist geordnet nach Definition, Funktionen, Grundlagen, Prüfung und Pathologie. Das Buch enthält viele veranschaulichende Tabellen und Übersichten und zeichnet sich durch eine knappe, auf das Wesentliche konzentrierte Darstellung aus.

Im ersten Kapitel legt der Autor seine Auffassung von Psychopathologie dar: Psychiatrie soll idiografisch-kasuistisch ausgerichtet sein und den ganzen Mensch in seiner Werdensgeschichte erfassen(diese Ganzheitlichkeit erfasst daher auch die Spiritualität). Die Ganzheitlichkeit bekundet sich auch darin, dass Symptome erst in einem größeren Zusammenhang aussagekräftig sind. Psychopathologische Symptome sind außerdem Zeichen, deren Bedeutung verstanden werden will, wobei Deskription und Benennung nicht eine Fixierung des Krankhaften sein sollen. Es soll vielmehr der Weg zum Menschen hin gefunden werden. Wichtig auch, dass das Erleben des Kranken und sein Handeln nicht als unsinnig abgewertet werden, sondern erklärbar sind, funktional. Auch die Psychodynamik – als Ableitung und Interpretation des Handelns aus unbewusstem Geschehen – kann sinnvoll sein, wenn eine genaue Beobachtung und Beschreibung der Phänomene die Spekulation in Grenzen hält. Als positives Beispiel werden das didaktische Psychodynamik-Modell von Mentzos und der OPD-Arbeitskreis (auch psychodynamische Diagnostik kann operationalisiert werden) angeführt. Weiters ist dem Autor wichtig, den Kranken in seinem Sozial(isations)zusammenhang zu sehen, wobei die kulturübergreifende Betrachtung die Relativität von Normalität sichtbar macht. Wichtige Persönlichkeitseigenschaften von Menschen, die sich beruflich für Psychopathologie und Therapie interessieren, sind u. a. : Integrität, Echtheit, kontrolliertes Verhalten, keine Impulsivität, keine plumpe Extraversion, spürbare, aber nicht präsentierte emotionale Wärme, echter Wunsch nach Helfen statt schuldbehaftetem Pseudoaltruismus oder Feindseligkeit bzw. Dominanzstreben übertünchende Reaktionsbildung! Weiters Selbstvertrauen ohne Überheblichkeit, Neugier ohne Voyeurismus, hohe Verbalisierungsfähigkeit und objektive Standfestigkeit gegenüber Autoritäten und Abhängigen. Psychodynamisch sind möglicherweise bestimmend: Frühe Krankheitserfahrungen und Erleben einer imponierenden Machtfigur des Heilers oder Disgnostikers, Angst vor Krankheit und Tod und deren reaktive Überwindung, Kanalisierung von sublimierter Aggressivität, Überwindung der Hilflosigkeit gegenüber einem mächtigen Vater, die defizitäre Mutterzuwendung kompensierend, kontraphobisches Handeln gegen Angst vor narzisstischer Niederlage, narzisstisches Bewunderungsbedürfnis (Hlefersyndrom). Statistisch zeigen sich hohe Depressivität, Suizidalität, Suchtneigung, geringe soziale Fertigkeiten bei den Helfern.

In einem weiteren Abschnitt des ersten Kapitels befasst sich der Autor mit dem Normalitätsbegriff (recht anregend die Aussage, dass Abnormales gesund sein kann und das Streben nach dauernder Normalität krank sein kann).

Kostbar ist der Begriff „gesund“, wie ihn der Autor (Seite 12 ) darlegt: „ Gesund ist der Mensch, dem u. U. auch trotz des Leidensdruck einer Körperkrankheit und/oder gegen den Normendruck seiner Gesellschaft – sein Leben gelingt (Selbstverwirklichung), der den Forderungen seines Wesens (Echtheit) und der Welt entsprechen und ihre Aufgaben bestehen kann (Adaptation, Coping) – einer, der sich im Leben bewährt.“ Freilich ist dieser Gesundheitsbegriff „nicht als operationalisierte Formulierung zu brauchen, an der sich gesund und nicht gesund ‚messen’ ließe.“ (Seite 12f). Weitere Inhalte des einleitenden Kapitels befassen sich mit Krisen, mit den verschiedenen ätiologischen Modellen zur Krankheit, beschreiben psychische Störungen als Normdevianz und als soziale Etikettierung, darüber hinaus werden aber auch ethologische, forensische und andere Krankheitsbegriffe diskutiert. Weiters wird auf Symptome und Syndrome, und auf die Diagnose eingegangen. Den Abschluss bildet eine wissenschaftstheoretische Bemerkung: Eingangs verwehrt sich der Autor gegenüber szientistischer Monomanie, unverbindlichem Ad-hoc-Eklektizismus oder der kognitiven Megalomanie grandioser Ganzheitsschau (Seite 41). Scharfetter fordert eine Ethik und Ästhetik des Deutens: Die Interaktion beim Zustandekommen der Deutung muss bewusst reflektiert werden, ebenso die Frage, inwiefern die Deutung instrumentell dem therapeutischen Handeln dienlich ist. Empirisch-statistisches Erklären, phänomenologisches Schauen der Sachen selbst und tiefenhermeneutisches Verstehen sind nicht gegeneinander auszuspielen, sondern als einander ergänzend zu betrachten.

Das Buch ist dem umfassenden Anspruch seines Autors entsprechend als Gesamt(kunst)werk zu betrachten, weil es philosophische, existenzielle, wissenschaftstheoretische, lebenspraktische, spirituelle Gedanken enthält und entfaltet, ohne seinen empirisch fundierten Charakter zu beeinträchtigen!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
08.10.2010
Link
https://www.schule.at/portale/psychologie-und-philosophie/news/detail/allgemeine-psychopathologie.html
Kostenpflichtig
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