Kognitive Verhaltenstherapie bei Personen mit

Das Anliegen des Buchs ist so einleuchtend, dass man sich verwundert fragt, warum es erst jetzt stärker beachtet wird: Kann man durch gezielte Prävention im Vorfeld von Psychosen durch psychologische Behandlung (genauer: durch Mittel der kognitiven Verhaltenstherapie) das Risiko einer frühen...

Buchtitel: Kognitive Verhaltenstherapie bei Personen mit erhöhtem Psychorisiko - Ein Behandlsungsmanual
Autorinnen: Bechdolf A, Pützfeld V, Güttgemanns J u. Groß S
Verlag: Hogrefe
Erschienen: 2010 

...Erkrankung verringern oder ihren Ausbruch verzögern?

Kapitel 1 bringt knapp, aber gerade dadurch einprägsam die Bedeutung der Prävention psychischer Störungen zum Ausdruck: 450 Millionen leiden an einer psychischen Störung, nicht selten mit Behinderung und Tod als Folge, es muss das Vorurteil überwunden werden, dass Prävention psychischer Erkrankungen nicht möglich sei.

Kapitel 2 führt in die aktuelle Schizophreniekonzeption ein, wobei die Diagnosesysteme ICD-10 und DSM-IV eine Kombination der Verlaufscharakteristik (Kraepelin), eine Orientierung an Grundsymptomen (Bleuler) und eine Gewichtung der Symptome (Schneider) zeigen. Verschiedene Formen werden differenziert, ätiologische Überlegungen im Zusammenhang mit einem integrativ und heuristisch angelegten Vulnerabilitäts-Stress-Bewältigungs-Modell dargestellt. Das Erkrankungsrisiko bei Schizophrenie z.B. eines Elternteils betrifft rund 1 von 10 Menschen, bei zwei erkrankten Elternteil etwas mehr als 1 von 3 Personen.

Kapitel 3 widmet sich der Prävention schizophrener Störungen. Zunächst wird der Frühverlauf dargestellt: Eine prämorbide Phase, eine präpsychotische Prodomalphase, die Phase der unbehandelten Psychose, die behandelte Psychose, Remission, frühe Anzeichen eines Rezidivs und schließlich das Rezidiv – nicht ermutigend, dass die letzten beiden Phasen in 80% trotz Standardbehandlung auftreten. Kapitel 3 beschreibt außerdem eine interessante Differenzierung von präventiven Maßnahmen: Universale, selektive und ganz besonders wichtig die indizierten Präventivmaßnahmen, die bei Risikopatienten in einem präpsychotischen Prodomalzustand anzusetzen sind. Alleinige psychotherapeutische Interventionen weisen ungünstigere Ergebnisse auf als pharmakologische.

Kapitel 4 erläutert verschiedene Risikokriterien betreffend Psychoseerkrankung, wobei die UHR (ultra high risk)-Kriterien (unterteilt in 1) abgeschwächte, 2) vorübergehende psychotische Symptome und 3) Abfall des Funktionsniveaus und anlagebedingte Risikofaktoren beschrieben werden wie auch das Konzept der Basissymptome. Letztere sind sehr wichtig für den Beginn von Behandlungen bereits in einem psychosefernen Stadium.

Kapitel 5 führt in das Manual ein, wobei wesentlich für die Behandlung die dimensionale Auffassung von Wahn und Halluzinationen ist (Wahn ist nicht "verrückt", sondern betrifft Annahmen, die mit sehr starker Überzeugung vertreten werden). Dem entspricht auch die Meinung, dass dysfunktionale Grundannahmen und mangelhafte Informationsverarbeitung in einem negativen Zirkel durch Stress ausgelöst werden, aber selbst auch Stress bewirken, der sich biologisch, psychologisch, sozial auswirkt.

Das sehr detaillierte Kapitel 6 schildert die therapeutische Grundhaltung und Beziehungsgestaltung und enthält so bemerkenswerte Inhalte wie z.B. die Empowerment-Haltung, die Selbstöffnung des Therapeuten, die Transparenz, die Ressourcenorientierung.

In Kapitel 7 geht es darum, ein gemeinsames Verständnis der Symptome und der Behandlung zu erzielen, wobei das Normalisieren eine wichtige Behandlungsgrundlage darstellt: Die präpsychotischen Symptome werden im normalen Spektrum angesiedelt und auf Erklärungsmodelle der Erkrankung wie z.B. Kontextfaktoren bezogen. Es wird ein gemeinsamer Therapieplan erstellt. Zur Unterstützung dieser Vorbereitungsphase werden 10 Arbeitsblätter eingesetzt.

Kapitel 8 beschäftigt sich mit dem Symptommanagement, konkret mit der Bearbeitung von (vor allem akustischen) Halluzinationen und ungewöhnlichen Wahrnehmungserlebnissen. Hier gibt es eine Fülle teils ungewöhnlicher, origineller Behandlungsansätze wie z. B.: Ohrstöpsel tragen, leise mit sich selbst sprechen, singen oder summen, Entkräften der Stimmen; Training selektiver Wahrnehmung sowie sokratischer Dialog zur Bearbeitung wahnhafter Überzeugungen, Realitätstestungen. Es werden aber auch Behandlungstechniken für Basissymptome erläutert, z.B. Erklärungsmodelle bei Störungen der expressiven Sprache, Gedankenstopp-Technik bei störenden Gedanken; Bewältigung von belastenden Situationen; Aufbau positiver Aktivitäten, Identifikationen von Grundannahmen bei depressiven Symptomen; soziales Kompetenztraining bei sozialer Isolierung. Es wurden nur jeweils Beispiele angeführt für eine Fülle von Behandlungsideen. Hinzuweisen ist auch die vielen unterstützenden Arbeitsblätter.

Kapitel 9 widmet sich u. a. der Bearbeitung dysfunktionaler Kognitionen, einerseits mit einem kognitiven Zugang, mit dem Grundannahmen, fehlangepasste Schemata usw. identifiziert werden können, andererseits durch Aufbau alternativer, positiver Verhaltensmuster und Lebensperspektiven.

Kapitel 10 intendiert eine bleibende Verbesserung bzw. eine Rückfallprävention: DieTherapie wird nochmals zusammengefasst, der Patient legt sich darüber eine Mappe an; die Frühwarnsymptome werden besprochen und im Sinne eines Krisenmanagements erarbeitet, wie das soziale Umfeld einsetzbar ist, was der Patient selbst für sich tun kann; in einem Krisenplan wird überlegt, wer in der Not Ansprechpartner sein kann. Auf Seite 178 bis 243 folgen 51 Arbeitsblätter, die den therapeutischen Prozess ausgezeichnet unterstützen.

Das Buch ist eine echte Fundgrube und gleichermaßen eine anschauliche Einführung in das aktuelle Krankheitsverständnis der Schizophrenie und eine überzeugende Demonstration der Leistungsfähigkeit kognitiver Verhaltenstherapie!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
11.11.2010
Link
https://www.schule.at/portale/psychologie-und-philosophie/news/detail/kognitive-verhaltenstherapie-bei-personen-mit.html
Kostenpflichtig
nein