Muslime in der Psychotherapie

Der Psychologe und Verhaltenstherapeut Rezapour hat in seiner Dissertation (2008) an der Universit√§t Koblenz-Landau eine Studie √ľber Psychotherapie mit muslimischen Patienten in Deutschland vorgelegt. Gemeinsam mit dem Sozialwissenschafter Zapp hat er nun ein Buch verfasst, das eine wichtige...

Buchtitel: Muslime in der Psychotherapie. Ein kultursensibler Ratgeber.
Autorinnen: Rezapour  H und Zapp M
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Erschienen: 2011

...L√ľcke schlie√üt: Wie geht man kultursensibel mit Patienten in der Psychotherapie um und vermeidet st√∂rende oder gar verletzende Missverst√§ndnisse? Das Buch hat f√ľnf Kapitel. Im ersten Kapitel wird die Lage der Muslime in Deutschland beleuchtet, ihre Sozialstruktur, Lebenswelt, Religiosit√§t und Gesundheit. Auf Seite 22 wird ein vierphasiges Schema vorgestellt, das das Gelingen oder Misslingen von Akkulturation und Integration von der Pr√§migration mit ihren idealistischen Erwartungen an das Zielland bis zur letzten Migrationsphase beschreibt. Im zweiten Kapitel wird der individuellen und gesellschaftlichen Bedeutung des Islam Rechnung getragen: Z.B. die kollektivistische Pers√∂nlichkeit von Muslimen, die sich mehr an der Bezugsgruppe orientiert als an autonomen Zielsetzungen; das Geschlechterverh√§ltnis, das durch das pragmatische Heiratsarrangement nicht an dem westlichen Verliebtsein und der leidenschaftlichen Zuneigung orientiert ist, sondern an Wohlwollen und gegenseitigem Respekt; die spezifische Bewertung der Bildung, die der passiven √úbernahme und Memorierungskapazit√§t Bedeutung zumisst und Eigeninitiative und Kreativit√§t der Sch√ľler nicht goutiert; ein globales Gesundheitsverst√§ndnis, das au√üerdem stark spiritualisiert ist und westlichen Standards entsprechende diagnostische Schritte erschwert. Das dritte Kapitel beleuchtet besondere Psychopathologien und Konfliktfelder muslimischer Patienten: Etwa den √úbergang von rituellen Reinigungshandlungen zu zwanghaften Verhaltensmustern; oder die durch massive Abwehr unlauterer Gedanken entstehenden negativen kognitiven Zirkel; oder ‚Äď recht anschaulich- die Abh√§ngigkeit der Depressionserkennung und -behandlung von der Art und Weise, wie Trauer zugelassen und gezeigt werden darf. Im vierten Kapitel werden Bausteine der kultursensiblen psychotherapetischen Arbeit geliefert: Zentral dabei die Rolle der Kommunikation, wobei es einerseits gilt, mit hei√üen Themen (hottopics) und f√ľr Missverst√§ndnisse anf√§lligen hei√üen W√∂rtern (hotwords) sehr vorsichtig und umsichtig umzugehen. Andererseits sollte auch ber√ľcksichtigt werden, dass Muslime sich eher umschreibend, bildhaft-metaphorisch, indirekt einer Problemzone n√§hern und die konkrete pr√§zise Problembenennung eher kalt und versachlichend empfinden. Wegen der religi√∂sen Verankerung des Denkens der Muslime ist auch die kundige Verwendung von Koranzitaten wertvoll. Das abschlie√üende f√ľnfte Kapitel beantwortet die Frage, welche Psychotherapierichtungen und ‚Äďsettings Valenzen und Chancen als kultursensible Verfahren besitzen. Der Ethnopsychoanalyse wird besondere Bedeutung zugemessen. Sie n√§hert sich dem psychischen Leiden der Patienten z.T. auf ganz neuen Wegen, die von der klassischen, individuumszentrierten und von der Kulturtradition gepr√§gten Psychoanalyse abweichen. Auch der Individualpsychologie Alfred Adlers mit ihrer Betonung der interindividuellen Konflikte und der famili√§ren Sozialisation wird Achtung gezollt. Ebenso der Analytischen Psychologie von C.G.Jung mit ihrer Intention, das gemeinsame kulturelle Erbe, das kollektive Unbewusste nutzbar zu machen. Besondere Wichtigkeit kommt dem Joining zu, d.h. dem empathischen Bem√ľhen, in die Lebenswelt der Patienten einzutauchen und die jeweiligen Systemverankerungen cotherapeutisch zu nutzen.

Das Buch ist respektvoll und wertschätzend geschrieben, nennt aber offen Problembereiche, die im spezifischen Kulturkreis und mit dem Aufeinanderstoßen von verschiedenen Kulturen gegeben sind.

Da dem Autorenduo und ihrem Werk aufgrund der gelungenen Bearbeitung eines sensiblen Themas sicher weitere Auflagen beschert sind, noch einige Vorschläge dazu:

Es wäre interessant, der Frage nachzugehen, ob und wenn ja in welchem Ausmaß und welcher Art die von verschiedenen Seiten behauptete Integrationsunwilligkeit eine Rolle spielt. Wäre das Vierphasenschema auf Seite 22 zu ergänzen, das ja von der grundsätzlichen Integrationsbereitschaft ausgeht?

Dem Abschnitt √ľber das Einsetzen der Korantexte m√ľsste mehr Platz geboten werden, sonst besteht die Gefahr, dass das Zitieren durch einen Koranunkundigen als dilettantisch erlebt wird und der Psychotherapeut ins exegetische Schleudern ger√§t. Die Frage ist au√üerdem, inwieweit eine Internalisierung der Aussagen des Korans notwendig ist oder nicht.

Es w√§re dem Autorenteam auch zuzutrauen, ein weiteres Werk zu verfassen, das ebenso vom Gedanken der Verst√§ndigung getragen ist: Dieses Buch w√ľrde komplement√§r zum vorliegenden eine Verst√§ndigungsbotschaft an die Muslime schicken. Welche Normen, Erwartungen, Gebr√§uche, Verhaltensweisen, Ausdrucksformen k√∂nnen muslimische Menschen im Gastland ‚Äě√ľberraschen‚Äú? Damit k√∂nnte eine Bipolarit√§t im Integrationsbem√ľhen erreicht werden. Wird die Integration nur von einem Pol aus getragen, dann wird der andere Pol passiviert oder entm√ľndigt. Es k√∂nnte mit einem derartigen Werk auch erreicht werden, dass Missverst√§ndnisse als solche gewertet werden und nicht als Ausdruck von √úbelwollen. Etwaigen Bildungsschranken w√§re didaktisch-methodisch zu begegnen. Wahrscheinlich gibt es derartige Informationsschriften schon, aber die bekundete konstruktive Art des Autorenduos im Umgang mit Kultursensibilit√§t w√ľrde dennoch f√ľr eine weitere Produktion sprechen!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
02.05.2011
Link
https://www.schule.at/portale/psychologie-und-philosophie/news/detail/muslime-in-der-psychotherapie.html
Kostenpflichtig
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