Reparaturwerkstatt der Gesellschaft

Wird Religion zusehends zum reinen Privatvergnügen? In einer offenen Diskussion zur Fragestellung „Haben Schule und Bildung eine christliche Note?“ sprechen Experten über den Wert des Christentums in der Schule und die Prognose, ob Religion auch in 50 Jahren noch im Bildungsbereich präsent sein wird.

Hat Religion in der Bildung noch etwas verloren oder wird sie zusehends zum reinen Privatvergnügen? In einer offenen Diskussion zur Fragestellung „Haben Schule und Bildung eine christliche Note?“ sprechen Experten über den Wert des Christentums in der Schule und wagen die Prognose, ob Religion auch in 50 Jahren noch im Bildungsbereich präsent sein wird.

Es geht nicht allein um den Religionsunterricht! Darin sind sich die Diskutierenden auf dem Podium einig. Im Vereinslokal der christlichen Lehrerschaft Wiens verweist Andreas Fischer zu Beginn auf die Rolle der Kirche als Förderer der Bildung und stellt fest, dass Schule ohne Kirche heute nicht denselben Stellenwert hätte. Ob dies auch in Zukunft so sein wird, darüber ist sich der Direktor einer privaten neuen Mittelschule und Obmann-Stellvertreter der CLW nicht ganz sicher.

Dass sich die Kirche von der Bildung nicht entfernt habe, bekräftigt Elisabeth Maurer, Obfrau der christlichen Lehrerschaft Österreichs. Als Trägerin der Katholischen Pädagogischen Hochschule (KPH), der größten ihrer Art in Österreich sowie in Form des Schulbischofs zeige sie sich weiterhin engagiert und als wichtiger Impulsgeber in der Ausbildung neuer Lehrkräfte.

Schwierige Begriffsbestimmung

Für Professor Hermann-Josef Röhrig, selbst Institutsleiter an der KPH Wien/Krems, wird der Bildungsbegriff zu eng verstanden. Es sei darunter kein Synonym für Schule bzw. Hochschule, sondern wesentlich mehr zu verstehen. Bildung finde auch außerhalb dieser Institutionen statt und sei ein Spiegel der Gesellschaft. Die zunehmende Säkularisierung in Westeuropa führe dazu, dass das Christentum bzw. die Religiosität allgemein viel Gegenwind erfahren, nicht zuletzt auch im Bereich der Bildung. Für den katholischen Geistlichen der Diözese Erfurt/Thüringen sind dabei Parallelen zur Lage der Kirchen in der DDR zu erkennen.

Doch worin besteht die christliche Note, die der Schule im Laufe der Jahre abhanden gekommen sein soll? Für Walter Gusterer, Pflichtschulinspektor in Wien, könne man im schulischen Alltag mehrere „Noten“ beobachten, seien es islamische, buddhistische oder sonstige. Eine katholische Note gebe es jedenfalls weitgehend nicht. Schuld an dieser Entwicklung sei auch der Umstand, dass das Katholische im Religionsunterricht zu kurz komme. Den Schülern würden dabei keine Grundkenntnisse ihres Religionsbekenntnisses vermittelt, es laufe eher auf eine Form des Ethikunterrichts hinaus.

Die Schule muss es richten

Gusterer führt weiter aus, dass die Schule mittlerweile eine Reparaturwerkstatt der Gesellschaft darstelle. Was diese nicht zustande bringt, sollen nach überwiegender Ansicht die Lehrer bewerkstelligen. Dieses Phänomen könne man auch bei der Vermittlung der Religion beobachten. Das Näherbringen des Glaubens müsse aber ebenso in den Familien geschehen.

Auf die Wichtigkeit des spirituellen Elements im Religionsunterricht weist auch Aleksandar Jovanovic hin, der als orthodoxer Theologe selbst Religion unterrichtet. Früher sei die Bindung zwischen Kirche und Schule wesentlich stärker gewesen. Vor allem in der Orthodoxie spiele das Gebet im Religionsunterricht nach wie vor eine zentrale Rolle. Dadurch würden die Kinder und Jugendlichen eine stärkere Bindung zum Glauben erhalten.

Zukunftsprognose

Im Zuge der Diskussion stellt Andreas Fischer die Frage in den Raum, wie der katholische Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in 50 Jahren ausgestaltet sein wird und welche Personen im schulischen Bereich die nötigen christlichen Impulse setzen werden.

Die Vermittlung christlicher Werte in der Schule kann nicht nur Aufgabe der Religionslehrerinnen und Religionslehrer sein. Darin sind sich die Referenten einig, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass der Religionsunterreicht an öffentlichen Schulen oft nur ein bis zwei Stunden in der Woche ausmacht. Die Lehrkräfte sollen dabei als Vorbild wirken. Dabei sei es nicht ausreichend, wie Walter Gusterer ausführt, dass Lehrer religiös sozialisiert sind, sie müssten in Zeiten der Säkularisierung auch den Mut finden, sich zum Glauben zu bekennen.

Das Überleben des Christentums an öffentlichen Schulen werde in Zukunft auch von einer erfolgreichen Zusammenarbeit der verschiedenen christlichen Konfessionen abhängig sein. Dabei wird der dialogisch-konfessionelle Religionsunterricht als Modell vorgestellt. Professor Röhrig verweist dabei auf den Umstand, dass mittlerweile relativ viele anerkannte Religionsgemeinschaften ihren Unterricht an öffentlichen Schulen halten können. Diese Entwicklung stelle die Verantwortlichen vor zusätzliche Herausforderungen. Den Konfessionen müsse es gelingen, in zentralen Glaubensfragen gemeinsam geschlossen nach außen aufzutreten, widrigenfalls man zukünftig jede Glaubwürdigkeit verlieren werde.

Mag. Stefan Domnanovits, Jahrgang 1989, studierte Rechtswissenschaften an der Universität Wien und ist als Jurist im öffentlichen Dienst tätig.

 

 

 

 

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