Hoelderlinstr. 11

Dies ist Regina Faerbers drittes Jugendbuch, und wiederum nimmt sie sich eines Konfliktthemas an. War es in ihrem Erstling, "Der weite Horizont", die Liebesbeziehung zwischen einem Mädchen und einer Frau, in ihrem zweiten Roman, "Das geteilte Herz", das Schicksal eines Scheidungskindes, so ist e ...

Dies ist Regina Faerbers drittes Jugendbuch, und wiederum nimmt sie sich eines Konfliktthemas an. War es in ihrem Erstling, "Der weite Horizont", die Liebesbeziehung zwischen einem Mädchen und einer Frau, in ihrem zweiten Roman, "Das geteilte Herz", das Schicksal eines Scheidungskindes, so ist es diesmal die Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen ungleichen Alters.

Amara ist Halbspanierin, 16, und lebt mit ihrer Familie (one zwölfjährige Schwester, ein achtjähriger Bruder) in Berlin. Durch Zufall lernt sie den 43jährigen Dirigenten Fritz Libysch kennen, und die beiden verlieben sich ineinander. Fritz ist dabei, sich von seiner Frau, mit der er vier Kinder hat, zu trennen, und zieht eben in die Hölderlin-Straße um. Immer häufiger besucht ihn Amara, und es kann nicht lange dauern, bis Mitschülerinnen von Amaras Verliebtheit merken, bis Amara auch gezwungen ist, ihren Eltern die Wahrheit zu erzählen. Faerber schildert einerseits Amaras erwachende Gefühlswelt, ihre Liebe zu Fritz, ihre Schwierigkeiten, die sie mit der Liebe hat. Andererseits erfahren wir, wie die Umwelt (v.a. die Eltern) auf ein Liebespaar reagieren, das durch so viele Jahre getrennt ist.

Letzteres ist zum Großteil für die Spannung im Roman verantwortlich und könnte auch in Klassen für Diskussionen sorgen, wie wohl Jugendliche auch die Liebesgeschichte an sich schätzen mögen. Die ist natürlich nicht ganz frei von Plattheiten ("ich fühle den festen und doch behutsamen Druck durch meinen Pullover"), aber ich fand es auch schon in "Der weite Horizont" irritierend, wenn Faerber ihre sprachlichen Ausflüge dorthin unternimmt, wo Menschen ernst blicken, aber tief in ihren Augen ein unheimlich liebes Lächeln aufflackert, das dann auf die unheimlich lieben Augenfältchen übergeht.

Faerbers Verdienst liegt woanders: darin, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die sonst in der Jugendliteratur kaum vorkommen, dies durchaus souverän, ohne Belehrung, ohne erhobenen Zeigefinger, gefühlszentriert, nicht kopflastig. Daß Leserinnen damit ihre Schwierigkeiten haben können, ist klar. (So hatte eine 17jährige Schülerin absolut keine Lust, "Der weite Horizont" fertig zu lesen.) Inwieweit Sie Faerbers Bücher in der Schule einsetzen, ist Ihre wohlüberlegte (!) Entscheidung. Sie selbst sollten sie auf jeden Fall lesen, schon alleine deswegen, um Hire Vorstellung von dem, was ein Jugendbuch ist, zu erweitern.
(GF6/11-1994)

(P.S. Das Voraus-Leseexemplar wurde freundlicherweise von der Buchhandlung Schiebl zur Verfügung gestellt.)

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
01.07.2001
Link
https://www.schule.at/portale/rezensionen/julit-deutsch/detail/hoelderlinstr-11.html
Kostenpflichtig
nein