Sofies Welt

Gaarders Buch war in den skandinavischen Ländern ein Bestseller, und auch hierzulande hofft man auf einen Verkaufserfolg. Man kann gespannt sein, ob es einer wird, denn immerhin verkündet schon der deutsche Untertitel, dass es sich um ein anspruchsvolles Unternehmen handelt: "Roman über die Gesc ...

Gaarders Buch war in den skandinavischen Ländern ein Bestseller, und auch hierzulande hofft man auf einen Verkaufserfolg. Man kann gespannt sein, ob es einer wird, denn immerhin verkündet schon der deutsche Untertitel, dass es sich um ein anspruchsvolles Unternehmen handelt: "Roman über die Geschichte der Philosophie."

Für die fast fünfzehnjährige Sofie beginnt alles mit zwei geheimnisvollen Fragen.

Wer bist Du? und

Woher kommt die Welt?

Und während sie noch zu grübeln beginnt, treffen die ersten philosophischen Briefe bei ihr ein, in denen der vorerst geheimnisvolle-unbekannte Philosophielehrer auch gleich sein Projekt vorstellt: "Ich werde Dir in groben Zügen erzahlen, wie die Menschen von der Antike bis heute über philosophische Fragen gedacht haben. Alles schön der Reihe nach."

In der Tat - genau das passiert. Zuerst in Briefen, ab dem Mittelalter aber in langen Gesprächen, setzt der wundersame Philosoph Alberto Knox Sofie die Gedankenwelt der wichtigsten Philosophen vor. Gleichzeitig aber entwickelt Gaarder die Romanhandlung: Sofie erhält immer wieder Postkarten eines Major Knag, der im Libanon stationiert ist und der seiner Tochter Hilde ein aufregendes Geschenk zu ihrem fünfzehnten Geburtstag verspricht. Wie die Sofie-Handlung mit der Hilde-Handlung kunstvoll verknüpft wird, sei hier nicht verraten, aber soviel sei gesagt: bis zu Sofies philosophischem Gartenfest finden wir uns in einem erzähltechnisch geschickt aufbereiteten Labyrinth wieder, das der Bezeichnung Roman durchaus gerecht wird.

Was aber ist mit dem didaktischen Teil des Buches? Gaarder, selbst Philosophielehrer, versteht sein Handwerk: Er bereitet die verschiedenen Gedankenwelten verständlich und jugendgerecht auf, wenngleich dabei das Erzählerische nicht immer mit gleichem Bravour gemeistert wird. Solange Sofie Briefe erhält, ist dies einfacher, bei den Dialogen hingegen ist die Künstlichkeit nicht zu vermeiden. Sofies Wortmeldungen verkommen zu Füllseln, ihre Antworten sind stereotyp wie die des vorgestellten Computerprogramms. Fast macht sich Langeweile breit, weil in den Leser/die Leserin auch zu viel hineingestopft werden muss.

Dennoch: Wer einmal von der Gedanken-Geschichte fasziniert ist, wird dies gerne in Kauf nehmen, und Jugendliche, die zum ersten Mal mit einem groáen Wurf Geistesgeschichte konfrontiert werden, lesen sich gewiss gerne hindurch, auch wenn sie die Fülle erdrücken wird (immerhin ist nur Schopenhauer ausgespart).

Gaarder meint, sein Buch sei "für Erwachsene ab vierzehn Jahren", und so besehen erfüllt Sofies Welt" eine zweifache Funktion:

Es bietet Jugendlichen einen altersgemäßen Zugang zu einer aufregenden Geistesgeschichte-Welt (bis zum Existentialismus), es ist aber gleichzeitig ein ideales Auffrischungsbuch für Erwachsene (auch für jene, die bloß so tun wollen, als wüssten sie Bescheid). Wem also ein Störig schon zu umfangreich oder zu kompliziert ist, wer den Weischedel nicht kennt, dem kann dieses Buch gute Dienste leisten; wer noch dazu ein bisschen Action braucht, um mit Philosophischem zurechtzukommen, der wird das Buch mit Gewinn lesen.

Jugendliche aber teilen hoffentlich eine Erfahrung mit Sofie: dass man lernen kann, "philosophisch zu denken."
(GF4/1-1994)

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
01.07.2001
Link
https://www.schule.at/portale/rezensionen/julit-deutsch/detail/sofies-welt.html
Kostenpflichtig
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