Tipps zum Umgang mit Ängsten und Isolation

(c) fizkes/iStock/Getty Images Plus

Die derzeitige Situation aufgrund des Corona-Virus ist herausfordernd und besonders auch für Kinder sehr belastend. Schulen und Kindergärten sind bis auf den Notbetrieb geschlossen, Veranstaltungen abgesagt, Regale leergekauft - das Alltagsleben spielt sich momentan in den eigenen vier Wänden ab.

Kinder bekommen über Internet, Fernsehen, Zeitungen und durch die Gespräche der Erwachsenen die momentane Krisensituation hautnah mit. Das ruft auch viele Ängste hervor. Viele Kinder fürchten sich, dass die Eltern oder Großeltern in Gefahr sein könnten. Sie fürchten sich vor einer bedrohlichen Krankheit, die nicht greifbar und „unsichtbar“ ist. Aber auch Schulängste können sich entwickeln – gerade jetzt, wo viele Schüler mit Lernplänen und Aufgaben zuhause selbstständig arbeiten sollen. Viele fragen sich, wie sie das geforderte Lernpensum schaffen können oder ob Nachteile entstehen könnten aufgrund des versäumten Lernstoffes (z.B. wenn ein Schulwechsel bevorsteht).

DDr. Franz Sedlak gibt Antworten und Tipps zum Umgang mit Kinder- und Schulängsten!

Der ehemalige Leiter der Schulpsychologie und Bildungsberatung im Bildungsministerium, DDr. Franz Sedlak, beantwortet häufig gestellte Fragen und gibt wertvolle Tipps zum Umgang mit Ängsten und Isolation:

  • Wie erklärt man seinen Kindern das Corona-Virus, ohne Ängste zu schüren oder Panik zu verbreiten?
    Wenn uns ein Apfel auf den Kopf fällt, wissen wir, was uns getroffen hat und woher er kam. Bei den winzigen organischen Strukturen (so kann man die Viren umschreiben) ist das nicht möglich, nur durch Apparate sehen wir diese kleinen Monster, die sich uns als Wirtskörper (etwas Lebendiges, das Eindringlinge mit lebenswichtigen Nährstoffen versorgt) ausgesucht haben. Man kann sie dennoch besiegen, das können wir am Beispiel der Grippe sehen. Diese ähnelt sehr den Folgen beim Befall von Corona-Viren: Husten, Fieber über 38 Grad, Atemnot etc. Aber wir haben eine Gegenwehr, ForscherInnen haben Impfstoffe entwickelt, die den Corona-Viren Abwehrstoffe entgegen setzen – leider nein, so weit wie bei der Grippe sind wir noch nicht - aber bald, sagen die ForscherInnen.
  • Was darf man den Kindern zumuten?
    Die Frage ist berechtigt, werfen doch den ganzen Tag die Fernsehschirme und Monitore ihr kaltes blaues Licht auf den Betrachter. Hier könnte man eine Regel erfinden, die lautet: Je jünger das Kind und je belastender der gezeigte Inhalt, desto kürzer die Verweildauer vor dem Schirm, der Leinwand.  Ausgangspunkt kann dabei für Volksschüler eine Zeit von 10 bis 30 Minuten sein.  Die Belastungsregel kann für alle denkbaren Gelegenheiten Anwendung finden. Bedenken muss man auf jeden Fall, dass wir Erwachsenen leichter relativieren können und somit eine gewisse Entschärfung erreichen können.
  • Wie kann man als Elternteil auf die Angst der Kinder reagieren?
    Nicht übermäßig hoch spielen, nicht unecht klein machen! Sachlich bleiben, nicht als „Aufdeckungsjournalist“ bis ins kleinste Detail gehen, mit einer realistischen positiven Botschaft abschließen!
  • Oft haben die Erwachsenen selbst auch große Ängste, wie schafft man es, diese nicht auf die Kinder zu übertragen?
    In dem man sich ausspricht mit anderen Erwachsenen, wenn die Kinder nicht da sind. Im vertrauten Kreis kann man über seine Ängste sprechen. Wenn dann im Gespräch mit den Kindern eigene Ängste hochkommen, dann kann man zu sich selbst sagen,“ jetzt nicht, später“ und meint damit die Aussprache mit anderen Erwachsenen.
  • Auf welche Warnsignale sollte man bei Kindern jetzt achten, um zu erkennen, dass es ihnen nicht gut geht?
    Der beste Schlüssel zu möglichen Problemen ist das Beobachten von Verhaltensänderungen in jeder Richtung, z.B. von lärmig zu still, oder umgekehrt. Ob man seine Wahrnehmung überprüft und ein Gespräch ansetzt, hängt von der mehr oder minder guten Beziehung ab.
  • Ab wann braucht man professionelle Hilfe?
    Sofort, wenn es Symptome einer Problemsituation gibt; wenn der Leidensdruck sehr groß ist; wenn Gefahr im Verzug besteht.
  • Gibt es Strategien für SchülerInnen, die sich Sorgen um ihre schulischen Leistungen machen bzw. für die es schwierig ist, alleine zu lernen?
    Hier empfiehlt sich im Normalfall ein Gespräch mit SchulpsychologInnen oder BeratungslehrerInnen. In Krisenphasen könnte eine Idee realisiert werden: Neben den vielen freiwilligen HelferInnen im Sanitätsbereich, neben dem Betreuungsengagement vieler LehrerInnen könnte man auch BeratungslehrerInnen, SchülerInnenberater, Sozialarbeiter, SchulpsychologInnen etc einladen, einen zu errichtenden Kontakt (telefonisch mit Krisentelefon, digital) für eine bestimmte Zeit (z.B. eine Stunde) anzubieten. Das ist dann sinnvoll, wenn die Leistungsschwierigkeiten auf dem Hintergrund von seelischen Problemen gesehen werden.
  • Viele SchülerInnen, bei denen ein Schulwechsel bevorsteht, haben Sorgen, dass ihnen durch die Zeit zuhause nun der Lernstoff abgeht für die weiterführende Schule.
    Beispiele  zeigen, dass die SchülerInnen bzw. ihre Leistungen nicht „verrosten“, weil online viele Aufgaben gestellt werden. Den Berichten von SchülerInnen zufolge ist das eingeforderte Pensum ziemlich umfangreich. Die Orientierung am Lehrplan bleibt, sodass Wissensmängel vermieden werden und ein Schulwechsel keine Passungsprobleme mit sich bringt.
  • Sehr lange keine Freunde mehr treffen, auf engstem Raum mit der eigenen Familie in den eigenen vier Wänden verbringen – das kann auch belastend für Kinder und Jugendliche sein. Was raten Sie hier?
    Die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation nützen! Überlegen, was geniale Menschen in solchen Situationen getan haben. Sich zeitweilig zurück ziehen (ev. Kopfhörer verwenden). Den Tag so strukturieren, dass "Single"- Phasen ihren Platz haben, auch überlegen, wie Raumprobleme in anderen Kulturen gelöst werden (z.B. im asiatischen Bereich).
  • Was wäre jetzt die wichtigste Botschaft an die Kinder?
    Nicht nur auf die Katastrophe achten, sondern viel mehr auf die wunderbaren Beispiele von Solidarität, Gemeinschaft, Teamwork, wie sie jetzt in einer allgemeinen Notlage zum Vorschein kommen. Und auch registrieren, wie die gemeinsame Power stolz darauf macht, ein Mensch zu sein.

Psychologische Tipps für die Zeit der reduzierten Sozialkontakte

Ungewöhnliche Situationen können ungewöhnliche Maßnahmen erfordern: Die massive Reduzierung der Sozialkontakte ist notwendig, um Epidemien und Pandemien zu stoppen. Besonders belastend für soziale Beziehungen können Quarantänen sein. Es ist daher ganz wichtig, dass wir unser kulturelles Erbe, das Miteinander und Füreinander, als weiterhin wertvoll schätzen. Auch wenn jetzt die Sorge um die Gesundheit im Vordergrund steht, dürfen wir den Mitmenschen grundsätzlich nicht ausschließlich als Gefahrenquelle für Ansteckung mit dem Corona-Virus sehen, sondern weiterhin als die Chance zur Persönlichkeitsentwicklung und Gemeinschaftsförderung!

  • Die ungewohnte Situation gemeinsam ertragen lernen: Verständnis dafür haben, dass das Ungewohnte stresst.
  • Gemeinsam Stress abbauen: z.B. einander mitteilen, wie man die Isolation erlebt,  was man unangenehm empfindet und wie man an einer Verbesserung arbeiten könnte.
  • Nur mit MitbewohnerInnen bzw. Menschen, die im selben Haushalt wohnen, direkten Kontakt ausüben dürfen; daher die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation mit FreundInnen, Verwandten nutzen.
  • Den ganzen Tag zusammen sein, daher Ruhepausen einlegen, in denen man still ist und sich innerlich zurückzieht.
  • Sich in der Isolation immer wieder auch die Beziehung zueinander als wichtig und unersetzlich bewusst machen.
  • Sich in der Isolation so verhalten, dass man nach der Krise leicht wieder zueinander findet.
  • Sich nicht als TherapeutIn der anderen "aufspielen", sondern als gleichwertige/r PartnerIn anderen helfen, wenn sie es wünschen.
  • Verletzende Äußerungen unterlassen; darauf achten, dass negative Gefühle, Störungen möglichst bald bereinigt werden.
  • Ein Tages- bzw. Wochenprogramm zusammenstellen. Die Strukturierung der Zeit ist besonders wichtig!
  • Selbstbegegnung üben: Nachdenken über sich, über andere, über die Situation; die Gedanken in einem Notizheft festhalten. Zum Nachdenken eignen sich die 300 Impulse von Kaleidoskop.schule.at
  • Manche Menschen aber neigen zur Klaustrophobie. Sie haben extreme Angst, eingeschlossen zu werden oder sich Verhaltensregeln unterwerfen zu müssen. Bedingungen wie Sperrzonen erleben sie sehr belastend. Extreme Angst erfordert fachliche, z.B. therapeutische Hilfe. Alleine wohnende Personen können ihre Lebenssituation als besonders belastend empfinden, wenn sie darauf angesprochen werden. Das gilt umso mehr für die momentane Krisenphase und das wegen der Ansteckungsgefahr angeordnete Alleinbleiben. Damit es zu keiner Vereinsamung kommt, sind zwei Schritte wichtig: 1.) Erkennen, wo eine Vereinsamungsgefahr besteht und 2.) regelmäßige Kontaktnahmen zu Freunden, Verwandten und Bekannten, zu anderen häufig gesehenen Mitmenschen, z.B. bei Fahrt zur Arbeitsstätte. (Das Zugehen auf andere Menschen soll nicht mit der Formulierung einer Angst- oder Vereinsamungs-Vermutung beginnen, sondern schlicht und einfach mit Freundlichkeit) Extreme Vereinsamung erfordert fachliche, z.B. therapeutische Hilfe. 

Damit die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Virus-Ansteckung nachhaltig wirksam werden können, sind innere Bereitschaft, Motivation und Ermutigung zur Ausdauer sowie soziale Beitragsleistung (z.B. freiwillige Einsätze) nötig. Diese Tipps können mithelfen!


Zum Autor:
DDr. Franz Sedlak war zwei Jahrzehnte Leiter der Schulpsychologie-Bildungsberatung in Österreich, zehn Jahre lang Universitätslektor für Pädagogische Psychologie an der Uni Wien.  Er ist Psychotherapeut, Gesundheitspsychologe, Klinischer Psychologe und Autor von vielen Fachbüchern, Broschüren und Beiträgen.

Bleiben Sie gesund!