Vorlesezeit ist Beziehungszeit – Interview mit Lene Mayer-Skumanz

Lene Mayer-Skumanz gehört zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen unseres Landes und ist aus der österreichischen Kinder- und Jugendbuchszene nicht mehr wegzudenken. Mit ihren Geschichten hat sich Lene Mayer-Skumanz in die Herzen ihrer Leserinnen und Leser geschrieben.

In ihrer beruflichen Laufbahn hat sie sich den unterschiedlichsten Themen gewidmet. Über berühmte Musiker hat sie geschrieben, vergessenen Dichterinnen neues Leben eingehaucht und von Gott erzählt. Glaube spielt in ihren Werken, neben dem Mut ganz bei sich zu sein und zu seinen Gefühlen zu stehen, wohl die wichtigste Rolle. Nicht umsonst gilt sie als Schöpferin einer neuen religiösen Kinderliteratur. Viele ihrer Bücher wurden zu wahren Klassikern und ein solcher wurde nun neu aufgelegt: Ein Löffel Honig. Diese Geschichte zur Erstkommunion wurde von der damaligen Kinder-Kritiker-Jury des ORF ausgezeichnet, ist seit Jahren aus vielen Kinderzimmern nicht mehr wegzudenken und ein beliebtes Geschenk zur Erstkommunion.

Ein besonderer Anlass: Interview und Gewinnspiel

Zum Anlass dieser Neuauflage verlosen wir nicht nur fünf Exemplare von "Ein Löffel Honig", sondern wir hatten auch das große Vergnügen, mit Lene Mayer-Skumanz ein Interview führen zu dürfen. Darin erzählt sie unter anderem, warum das Vorlesen so wichtig ist und welche Erfahrungen und Begegnungen sie mit ihrer jungen Leserschaft gemacht hat. Spannend ist auch, wie die Geschichten von Lene Mayer-Skumanz ihren Weg aufs Papier finden und was sie tut, wenn ihr mal nichts einfällt.

Wir wünschen viel Freude beim Lesen des Interviews und viel Glück für's Gewinnspiel!

Hier geht's zum Gewinnspiel!


Fragen an Lene Mayer-Skumanz

Sie haben unzählige Bücher geschrieben. Ist ein Buch erst einmal erschienen, macht es sich auf den Weg in die unterschiedlichsten Kinderzimmer dieser Welt. Welche Leser bzw. welches Zuhause wünschen Sie sich für Ihre Bücher?

Mir ist natürlich am liebsten, wenn ein Buch von mir neben dem Bett liegt. In Reichweite auf dem Nachtkastl oder unten neben dem Bett.

Neben den Leseratten gibt es auch die Lesemuffel. Was würden Sie einem Kind sagen, das nicht gerne liest?

Den mir bekannten Lesemuffeln habe ich sehr viel vorgelesen und habe Geduld gehabt. Ich habe nicht geschimpft, sondern immer wieder etwas Interessantes vorgelesen.

Goethe meinte einst: „Vorlesen ist die Mutter des Lesens“.  Was macht das Vorlesen Ihrer Meinung nach so wichtig?

Ein Kind dem Vorgelesen wird, das erfährt nicht nur die Geschichte, die hoffentlich spannend und interessant ist, sondern es bekommt viel mehr. Es bekommt die Zeit und die Zuwendung der Person die vorliest.


Die Person teilt etwas mit dem Kind, sie haben etwas zusammen erlebt und das verbindet.

Man widmet sich dem Kind und das Kind spürt, dass es wichtig genommen wird, sonst würde man ihm ja nicht vorlesen. Es merkt und spürt auch, aber unterbewusst,  ob die Geschichte der vorlesenden Person wichtig ist. Ich hoffe, dass nur solche Geschichten vorgelesen werden, die dem Vorleser und der Vorleserin auch gefallen. Denn dann kann die Person das gut vermitteln und das Kind spürt das.

Also ist Vorlesezeit Beziehungszeit?

Eine absolute Beziehungszeit! Kleinere Kinder denen vorgelesen wird, die rücken ja ganz nahe zu einem. Wenn ich Schulen vorgelesen oder erzählt habe, dann sind auf einmal die Kinder auf meinem Schoß gesessen, die die konnten, für die ich halt Platz gehabt habe. Und die anderen haben sich links und rechts an mich gedrückt, obwohl ich für die Kinder fremd war. Da war ein Haufen über mir und unter mir.

Sie haben eben schon gesagt, dass Sie viele Lesungen an Schulen gemacht haben und stets im Kontakt mit ihrem Publikum waren. Was war denn eine der schönsten Begegnungen mit ihren Leserinnen und Lesern?

Da hat es so viele gegeben, das könnt ich gar nicht sagen. Einmal zum Beispiel hab ich einen Buben erlebt, der mich gefragt hat: „Jetzt hört die Geschichte auf einmal auf! Kommen die beiden zusammen?“  Ich habe ihm geantwortet, dass ich schon glaube, dass sie wieder Freunde sein werden, da sie gut zusammen passen. Ich habe ihn gefragt, ob ihm das nicht so vorkommt? Da sagt er ganz verärgert: „Oh ja, schon! Aber Sie hätten das ruhig noch hinschreiben können, das war doch nicht mehr viel Arbeit!“  Ich möchte ja auch, dass sich die Leser was ausdenken und sich überlegen, was da jetzt wahrscheinlich passieren wird.

Was möchten Sie mit ihren Büchern/Geschichten gerne erreichen? Was wollen Sie in Ihren LeserInnen bewegen?

Mir ist es zum Beispiel wichtig, in allen Altersstufen, das es auch um Gefühle geht. Darum, die Gefühle erkennen zu können und dann auch dazu zu stehen.


Weil meine Hauptpersonen immer zu ihren Gefühlen stehen, da hoffe ich halt so stillschweigend, dass das ermunternd sein könnte für die Kinder, die die Geschichte hören oder lesen.

Wenn man Gefühle erkennt, zeigt und dazu steht, erleichtert das ungemein die Kommunikation!  Wenn man sagt: „Jetzt hast du mich aber gekränkt! Au weh, das hat gesessen!“, dann gibt es kaum einen Menschen, der das verursacht hat und dem das nicht ein bisschen peinlich ist. So hat man die Chance darauf zu reagieren und darüber ins Gespräch zu kommen. Oder auch, dass man stark genug ist zu zeigen, dass man jemanden sehr mag. Manche genieren sich und verbergen das. Meine Hauptpersonen die sind da ziemlich gerade heraus und wehren sich dann auch, wenn jemand spottet oder lacht.
Mir war auch immer wichtig, Glaubensfragen so zu vermitteln, dass das Kind versteht, dass dieser eine Mensch, von dem da die Rede ist, dass der das wirklich so meint und daran glaubt und auch danach handelt, der Hl. Franziskus zum Beispiel. Also Kinder spüren genau wie ein Erwachsener, ob der jetzt predigt und scheinbar anders ist oder ob man ihm das abnehmen kann.


Kinder haben da ein ganz feines Gespür dafür. Da braucht man sich gar nicht einbilden, dass man ihnen was vormachen kann.

Sie haben das Thema Glaube angesprochen. Warum haben Sie sich – unter anderem – diesem Thema verschrieben? Warum ist ihnen dieses Thema wichtig?

Weil es in meinem Leben wichtig ist. Ich könnte nicht ohne christlichen Glauben und ohne Gespräche mit dem lieben Gott sein. Ich glaube, dass die Gottheit, wie immer man sie auch nennt, dass sie ein Du ist, mit dem man reden kann. An das glaube ich und das hilft mir, da fühle ich mich gut. Ich hab im letzten Jahr so schlimme Zeiten erlebt und in all diesen Situationen, die also wirklich nicht lustig waren, konnte ich auch beten, reden und mich äußern auf meine Art.

Glaube spielt im Leben vieler Erwachsenen keine besonders große Rolle mehr. Warum ist es wichtig, mit Kindern über Gott zu sprechen?

Es würde ihnen etwas entgehen, wenn man ihnen diese Möglichkeit nicht aufzeigt. Wenn sie selber dann keine Lust haben mit Gott zu reden, dann ist es ihre Sache.

„Werdet wie die Kinder“, heißt es in Matthäus 18,3. Finden Sie, dass es Kindern leichter fällt zu glauben als Erwachsenen?

Ja, weil sie sehr offen sind für alles was man erleben kann und für alles Neue. Erwachsene haben vielleicht schon Erfahrungen mit Gottes Bodenpersonal gemacht, das ist vielleicht nicht immer erfreulich oder es sind ihnen andere Dinge einfach wichtiger geworden.

Ein Satz aus Ihrem Buch „Ein Löffel Honig“ lautet: „Und wenn mich jemand fragen würd‘, wonach sie geschmeckt hat, diese Zeit, wär‘ es ein Löffel Honig.“ Wonach schmeckt denn Glaube?

Ich würde sagen wie ein Löffel Honig, in dem Sinn, dass man vertrauen kann auf den Geschmack, den man da kriegt. Es ist etwas Vertrautes, den krieg ich einfach täglich und den will ich auch haben und den brauch ich, der ist gesund für mich. Ich bin vertraut mit dem Vorgang des Honigschleckens. Ich weiß schon wie das schmecken wird und es schmeckt tatsächlich so. Also es ist auch keine Enttäuschung dabei. Manchmal schmeckt er vielleicht ein bisschen anders, da kann man dann neugierig sein was es für ein Honig ist.

Sie haben bereits im Volksschulalter mit dem Geschichten schreiben begonnen. Was macht Ihnen am Schreiben am meisten Spaß?

Ich wollte anderen Leuten etwas erzählen. Und wenn man das aufschreibt, dann kann man es mehr Leuten erzählen als nur einer Person.

Und woher nehmen Sie die Ideen?

Die kommen eigentlich von überall her. Auch aus dem Alltag. Manche Ideen kommen von Verlagen, wie zum Beispiel der Dr. Hladej. Er wollte, dass ich über die Frau Ava schreibe (Buch: Frau Ava, 2002). Sie war die erste Frau in Österreich, die in deutscher Sprache bzw. auf Mittelhochdeutsch gedichtet hat. Acht Jahre hat er das ununterbrochen an mich herangetragen, bis ich es dann wirklich gemacht habe. Also es kommen auch Anregungen von Verlagen. Und manchmal dauert es lange.

Erleben Sie manchmal Situationen, in denen Sie vor der leeren Seite sitzen und nicht wissen, wie es mit der Geschichte weitergeht?

Ja, da geh ich kochen. Dann ist das was Kreatives auf einer anderen Ebene, von der auch einige Leute was haben.

Wenn Sie schreiben, wo schreiben Sie dann am liebsten?

In Zeiten wie diesen am Computer, nicht irgendwo auf einem wunderschönen, stillen Platz im Grünen mit einem Zettel Papier. Das hab ich manchmal bei Gedichten getan. Aber ich setz mich auch dann erst an den Computer, wenn ich weiß, wie die Geschichte geht. Vorher setz ich mich nicht hin, das wär für mich verlorene Zeit.


Ich will vorher wissen, was ich schreiben will und hab die Geschichte im Kopf. Wie ein Theaterstück schau ich mir die Geschichte im Kopf an, immer wieder.

Aber ich hab Kolleginnen, oder hab sie gehabt, die haben sich auch vor den Computer gesetzt und haben einen Reiter auf ein Pferd gesetzt und dann geschaut was die machen. Eine Kollegin, die Friedl Hofbauer, hat mich angerufen und gesagt: „Stell dir vor, heute hab ich einen Reiter auf ein Pferd gesetzt und dann geschaut was die machen. Und sie sind in eine Höhle geritten!“ Da hab ich gesagt: „Toll! Und was war in der Höhle drin?“ „Ja das weiß ich noch nicht. Das muss ich jetzt weiterschauen.“ Aber so könnte ich nicht arbeiten. Es hat jeder seine Methoden.

Sie haben einmal gesagt, Humor sei für Sie ein Lebens-Mittel. Was macht Humor für Sie so wichtig?

Das man in andere Sichtweisen oder Standpunkte schlüpfen kann und sich etwas das vorgefallen ist, auch auf eine andere Weise anschauen kann. Das kann dann manchmal sehr komisch sein und das hilft. Und wenn man lachen kann, auch über sich selber, kann das schon sehr befreiend sein.


Es ist sozusagen eine Befreiungstat, wenn man das Humorvolle und Komische an einer Seite entdeckt.

Mein Vater war Schauspieler und von dem hab ich gelernt, dass Traurigkeit und Humor ganz eng beieinander liegen. Das hab ich an ihm beobachtet und das hat mir auch im Leben geholfen, dass die Komik so nah beim Traurigen liegt. Die sind so eng beieinander.

Die unmögliche Frage nach dem Lieblingsbuch – haben Sie denn eines?

Ich habe früher immer gesagt, bei Kinderbüchern ist das ein Buch von meiner Freundin Käthe Recheis, die es leider nicht mehr gibt, die geht mir sehr ab, „Zwei im Baumhaus“. Wo ein Kaninchen und eine Katze befreundet waren. So eine kleine Liebesgeschichte. Das war lange Zeit ein Lieblingsbuch von mir.