Tintenherz

Für eine signierte Erstausgabe von der englischen Übertragung des Romans "Herr der Diebe" (siehe Archiv) zahlt man zur Zeit bis zu € 250. Und schon wird auch "Inkheart" signiert angeboten – der Roman erschien nämlich zeitgleich in drei Sprachen. Funke hat es also am internationalen Parkett gesch ...

Für eine signierte Erstausgabe von der englischen Übertragung des Romans "Herr der Diebe" (siehe Archiv) zahlt man zur Zeit bis zu € 250. Und schon wird auch "Inkheart" signiert angeboten – der Roman erschien nämlich zeitgleich in drei Sprachen. Funke hat es also am internationalen Parkett geschafft, nachdem uns bereits Scharen von Kindern in der Schule mit "Wilde Hühner"-Buchbespechungen verwöhnt haben.
"Tintenherz" reiht sich ein in den quantitativen Trend in der KJL. Ende, die Hohlbeins, vor allem aber Rowling und Pullman haben die dicken Jugendbücher wieder salonfähig gemacht, und Funke legt hier ihren Beitrag dazu vor. Qualitativ ist das Buch, in dem es viel um Bücher geht, zahlreichen Vorläufern verpflichtet– und das ist gut so. Die Trennlinie zwischen Wirklichkeit und Literatur ist dünn, wie wir von Ende (oder Calvino) wissen. Literarische haben oft mehr Leben als wirkliche, wie wir seit Carroll wissen. Und Lesen ist mehr als nur Abenteuer im Kopf, wie wir trotz anders lautender Werbung wissen. So ausgerüstet, und mit einer Literaturliste von Richard Adams bis T. H. White im Anhang, macht sich Funke also daran, die Geschichte des Buches "Tintenherz" zu erzählen, in das der Autor Fenoglio (der mich irgendwie an Geppetto erinnert) allerlei schurkische Charaktere hineingeschrieben hat: den herzlosen Anführer einer Bande, Capricorn, den brutalen Basta, die bösartig-gemeine Mortola. Da ist Staubfinger, ein und Freund der Elfen, direkt ein sympathischer Charakter geworden. Staubfinger ist es auch, der beim Buchbinder Mo und seiner dreizehnjährigen Tochter Meggie auftaucht. Er warnt ihn davor, dass sich Capricorn mit allen Mitteln Mos Exemplar von "Tintenherz" aneignen. Das hat, wie wir bald erfahren, seinen guten Grund. Mo, auch Zauberzunge genannt, hat beim Vorlesen aus "Tintenherz" die Charaktere in die Wirklichkeit geholt und dafür – weil alles seinen Ausgleich braucht – seine Frau an das Buch verloren.
Es beginnt eine rasche Flucht, zuerst zu Elinor, der Tante seiner Frau. Elinor lebt nur für ihre Bücher und ist gewiss der gelungenste und schrulligste Charakter des Buches. Aber Capricorn stöbert sie auf und letztendlich landen alle im tyrannisch regierten Dorf des Capricorn. Eine Kette von gelungenen und misslungenen Fluchtversuchen reiht sich aneinander, bis Meggie auch das Talent ihres Vaters in sich entdeckt. Mit dem Autor, der mittlerweile zu ihnen gestoßen ist, hecken sie einen verzweifelten Plan aus. Im großen Finale, das hier nicht verraten wird, zeigt sich, wie stark die Macht des Wortes ist.
"Tintenherz" ist ein etwas umständlich geschriebener Abenteuerroman, der aber in sich geschlossen ist und auf dieser Ebene gut 'funktioniert'. Gleichzeitig ist er aber auch ein Roman über die Welt der Bücher, die Macht und den Zauber des Lesens, eine Liebeserklärung an eine literarische Tradition (es ist alles da im Anhang, was man einmal mit Eifer verschlungen hat), eine Liebeserklärung an das Sammeln, an das Buch schlechthin. Damit wird es Leser/-innen Altersstufen gerecht, und alle, die Bücher mögen, sollten sich Zeit für "Tintenherz" nehmen. Wegen des Mehrwerts werden sie der Autorin verzeihen, dass das ewige Hin und Her ein bisschen langatmig geraten ist, aber angesichts des oben erwähnten quantitativen Trends musste das wohl so sein. Insgesamt also ein erfreulicher Beitrag zu deutschsprachigen KJL – mit internationaler Breitenwirkung.

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
01.07.2001
Link
https://www.schule.at/portale/rezensionen/julit-deutsch/detail/tintenherz.html
Kostenpflichtig
nein