Unter der blauen Sonne

Pohl, durch seine fulminanten "Regenbogen"-Romane weithin bekannt, hat diesmal ein Buch vorgelegt, das man nicht von ihm erwartet hätte. Im Grunde ist es eine klassische Dystopie: Die Welt ist verseucht, weil im Langzuvor niemand seine individuelle Verantwortung wahrgenommen hat, die Privilegier ...

Pohl, durch seine fulminanten "Regenbogen"-Romane weithin bekannt, hat diesmal ein Buch vorgelegt, das man nicht von ihm erwartet hätte. Im Grunde ist es eine klassische Dystopie: Die Welt ist verseucht, weil im Langzuvor niemand seine individuelle Verantwortung wahrgenommen hat, die Privilegierten leben in einem so genannten Heim, in dem sie nicht nur beschützt sind, sondern in dem ihnen auch jede Handlungsweise von der Kontrolle vorgeschrieben wird. Privilegiert ist man deswegen, weil man zu einer Familie gehört, die Mädchen-Kinder versorgt. Mädchen sind nämlich zu dieser Zeit eine rare Spezies, die kränkelnden Jungen überwiegen. Ich-Erzähler Tim, der Wortsprache mächtig (im Gegensatz zu den Mädchen, die Gefühl verkörpern und eine Zeichensprache verwenden), berichtet vom Verfall dieser geschützten Welt. Eines Tages verschwinden die Erwachsenen, dann sterben die Kinder um ihn herum; auch seine Schwester Pya wird schwächer und schwächer ...

Tim berichtet aber nicht nur vom Dahinsiechen, sondern zwischendurch erfahren wir etwas über das Konzept der Welt, die Ideen von Gut und Böse, wir lesen in Projektberichten (zB einer schönen Glossierung unseres Schulsystems, S. 74/75), wie sich die jetzige Welt selbstzerstörerisch verhalten hat, wir verfolgen durchaus intellektuelle Gespräche der Jungen, wir erahnen die Rituale dieser fremden Welt. Aber der Verfall ist nicht aufzuhalten, und Pohl zeigt ihn durch die allmähliche Zerstörung der Kommunikationsfähigkeit. Tim kann die einfachsten Zeichen nicht mehr aufnehmen, seine Sätze werden zusehends elliptisch, sind nur noch schwer zu entschlüsseln, manchmal taucht aber auch [die verbotene Äußerung] auf. Der Kunstgriff der Rahmenerzählung weist auf eine Parallelwelt hin, wir können also unbesorgt (?) davon absehen, dass hier eine Extrapolation (eine klassische SF-Variante) vorliegt.

Mit der Dokumentation des sprachlichen Verfalls (fast ein Viertel des Buches) ist Pohls Roman nicht unbedingt leicht zu lesen, aber durchaus packend, obwohl er ein bisschen am Manierierten entlang schrammt. Als interessanter Beitrag zu Jugendliteratur (in Kombination mit Lowrys "The Giver" etwa) für den Unterricht durchaus empfehlenswert.

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
01.07.2001
Link
https://www.schule.at/portale/rezensionen/julit-deutsch/detail/unter-der-blauen-sonne.html
Kostenpflichtig
nein