Jeder elfte Junglehrer kündigt

Rund neun Prozent gehen innerhalb eines Jahres
Die Zahl ist bemerkenswert: Von den voll qualifizierten österreichischen Lehrkräften, die noch keine fünf Jahre im Beruf sind, kündigten zuletzt rund neun Prozent innerhalb eines Jahres. Vereinfacht gesagt: Etwa jeder elfte Lehrer in dieser frühen Berufsphase geht wieder. Die OECD zählt dabei Lehrkräfte an öffentlichen Primar- und Sekundarschulen.
Dass gerade die ersten Berufsjahre eine kritische Phase sind, zeigt eine zweite Zahl. Von allen voll qualifizierten Lehrkräften, die in Österreich kündigten, hatten 69 Prozent weniger als fünf Jahre Berufserfahrung. Im OECD-Schnitt sind es lediglich 38 Prozent. Und Österreich ist damit an vorletzter Stelle: Nur Israel weist unter den von der OECD angeführten Ländern mit 77 Prozent einen noch höheren Anteil auf.
Dabei dürfen die beiden Zahlen nicht verwechselt werden: 69 Prozent aller Junglehrer kündigen keineswegs. Vielmehr machen Berufseinsteiger 69 Prozent jener österreichischen Lehrkräfte aus, die tatsächlich gekündigt haben. Die rund neun Prozent zeigen dagegen, wie groß der Anteil der Kündigungen innerhalb der gesamten Gruppe der Lehrkräfte mit weniger als fünf Jahren Berufserfahrung ist.
Auch insgesamt hat die Zahl der Kündigungen zugenommen. 2017/18 kündigten in Österreich 2,3 Prozent aller voll qualifizierten Lehrkräfte, 2024/25 waren es 3,2 Prozent. Insgesamt – also einschließlich Pensionierungen – verließen zuletzt 5,8 Prozent der voll qualifizierten Lehrkräfte den Beruf.

Was Lehrkräfte im Alltag belastet
Warum gerade Berufseinsteiger gehen, lässt sich aus den OECD-Zahlen nicht eindeutig ableiten. Der Bericht selbst verweist jedoch auf mögliche Zusammenhänge mit Arbeitsbedingungen, Arbeitsbelastung, Unterstützung beim Berufseinstieg und der generellen Attraktivität des Lehrerberufs.
Hinweise auf mögliche Gründe liefert die jüngste internationale Lehrkräftebefragung TALIS. Für die 2025 veröffentlichten Ergebnisse wurden Lehrkräfte im Jahr 2024 befragt. 57 Prozent der österreichischen Lehrkräfte der Sekundarstufe I nennen zu viel Verwaltungsarbeit als Belastungsfaktor. 50 Prozent belastet das Aufrechterhalten der Disziplin im Klassenzimmer, 47 Prozent zusätzliche Arbeit aufgrund fehlender Kolleginnen und Kollegen.
Auch die Unterrichtssituation selbst stellt Anforderungen: Rund ein Viertel der Lehrkräfte berichtet, viel Unterrichtszeit durch Störungen zu verlieren. Jüngere Lehrkräfte unter 30 Jahren geben zudem häufiger als ältere Kolleginnen und Kollegen an, unter starkem Stress zu stehen.
Geld allein erklärt den Ausstieg nicht
Gleichzeitig ergibt sich ein durchaus widersprüchliches Bild. Österreichische Lehrerinnen und Lehrer sind im internationalen Vergleich mit ihren Arbeitsbedingungen ausgesprochen zufrieden. Laut OECD sind 82 Prozent mit ihren Beschäftigungsbedingungen abseits des Gehalts zufrieden, 72 Prozent auch mit ihrer Bezahlung. Auch die allgemeine Berufszufriedenheit ist hoch. Die frühen Abgänge lassen sich daher jedenfalls nicht einfach mit einer generellen Unzufriedenheit mit dem Lehrerberuf erklären.
Hinzu kommt ein weiterer scheinbarer Widerspruch: Nur neun Prozent der österreichischen Lehrkräfte unter 30 Jahren geben in TALIS an, den Beruf innerhalb der kommenden fünf Jahre verlassen zu wollen. Die tatsächlichen Abgänge konzentrieren sich dennoch auffällig auf die ersten Berufsjahre.
Beide Gruppen sind allerdings nicht identisch. „Unter 30 Jahre“ beschreibt das Alter, „weniger als fünf Jahre Berufserfahrung“ die bisherige Berufsdauer. Außerdem stehen bei TALIS geäußerte Absichten tatsächlichen Kündigungen in den Verwaltungsdaten gegenüber.
Entscheidend sind die ersten Jahre
Für die Personalplanung bekommt damit neben der Gewinnung neuer Lehrkräfte eine zweite Frage Gewicht: Wie können jene gehalten werden, die bereits für den Beruf ausgebildet wurden und im Klassenzimmer angekommen sind? Denn selbst erfolgreiche Rekrutierung hilft langfristig wenig, wenn anschließend innerhalb nur eines Jahres rund jeder elfte voll qualifizierte Lehrer in den ersten fünf Berufsjahren wieder kündigt.
Die OECD weist allerdings auch auf eine Einschränkung ihrer Daten hin: Als aus dem Beruf ausgeschieden gelten Lehrkräfte, die im folgenden Jahr nicht mehr an einer öffentlichen Schule erfasst wurden. Einzelne können daher beispielsweise an eine private Schule gewechselt sein und weiterhin unterrichten.