Lehrplangruppe für Latein tritt geschlossen zurück

Die vom Bildungsministerium eingesetzte sechsköpfige Lehrplangruppe für Latein ist geschlossen von ihrem Auftrag zurückgetreten. Begründet wird der Schritt mit grundlegenden Auffassungsunterschieden hinsichtlich der Ausarbeitung des neuen Lehrplans. Die Gruppe hätte bis Ende April 2026 ein Curriculum für die geplante Reduktion der Wochenstunden in der AHS-Oberstufe vorlegen sollen. Das Ministerium zeigt sich über den Rückzug verwundert und hält am Zeitplan fest.

Stundenkürzung als Auslöser

Nach den Vorstellungen von Bildungsminister Christoph Wiederkehr soll der Informatikunterricht in der Oberstufe ausgeweitet und um Künstliche Intelligenz ergänzt werden. Zudem ist die Einführung des neuen Gegenstands Medien und Demokratie vorgesehen. Im Gegenzug sollen je nach Schultyp Lateinstunden beziehungsweise Stunden der zweiten lebenden Fremdsprache reduziert werden. Die Anpassung des Lehrplans wäre Aufgabe der nun zurückgetretenen Expertengruppe gewesen.

Warnung vor Qualitätsverlust

Die Lehrplangruppe sieht durch die faktische Reduktion des Faches die europäische Vergleichbarkeit der gymnasialen Oberstufe gefährdet. Auch die Reputation Österreichs als Bildungsstandort stehe auf dem Spiel. Latein drohe seine Stellung als zentrales Bildungsfach zu verlieren.

Stundenreduktion wirft viele qualitative Probleme auf

Nach Darstellung der Experten erfordere die Stundenreduktion eine vollständig neue Lehrplanstruktur bei gleichbleibend hohem fachwissenschaftlichem und fachdidaktischem Anspruch. Genannt werden unter anderem die Neuausformulierung fachlicher Bildungsziele, die Integration überfachlicher Kompetenzen, sprachliche und literarische Bildung sowie der reflektierte Umgang mit analogen, digitalen und KI-gestützten Medien. Auch Demokratiebildung müsse substanziell verankert bleiben. Diese Kernbereiche dürften keinesfalls geschwächt werden.

Kritik am engen Zeitrahmen

Als weiteren zentralen Punkt nennt die Gruppe den vorgegebenen Zeitrahmen. Eine fundierte Lehrplanentwicklung mit Qualitätssicherungsprozessen und Evaluationsschleifen sei unter den gegebenen Bedingungen nicht ausreichend möglich. Die eingeforderten Standards seien vom Ministerium selbst beim ursprünglichen Erstellungsprozess betont worden. Da auf einer verbindlichen Vorlage bis Ende April 2026 bestanden worden sei, sehe man sich außerstande, den Auftrag verantwortungsvoll umzusetzen.

Ministerium widerspricht

Im Bildungsministerium spricht man hingegen von konstruktiven Gesprächen in den vergangenen Wochen. Generalsekretär Alexander Huber bezeichnete den Ausstieg als nicht nachvollziehbar und als Arbeitsverweigerung. Die Erarbeitung neuer Lehrpläne werde dadurch nicht aufgehalten. Am geplanten Inkrafttreten mit dem Schuljahr 2027/28 halte man fest.

Schulautonome Erhöhung möglich

Mit mindestens acht Wochenstunden bleibe Latein weiterhin eines der umfangreichsten Fächer in der Oberstufe. Zudem bestehe die Möglichkeit, die Stundenanzahl schulautonom zu erhöhen. Auch das Argument der europäischen Vergleichbarkeit weist das Ministerium zurück und verweist darauf, dass in der Mehrheit der europäischen Staaten Latein nicht mehr verpflichtend unterrichtet werde. Sprachliche und literarische Bildung werde zudem im neuen Deutschlehrplan gestärkt. Wenn neue Fächer eingeführt würden, müsse an anderer Stelle reduziert werden, so Huber. Dies sei eine Verantwortung gegenüber den Schülerinnen und Schülern.

Quelle: APA Science