Schüler:innen übernehmen Verantwortung, erleben Selbstwirksamkeit und begegnen einander auf Augenhöhe

Bitte mehr Interaktion im Unterricht, weniger Frontaleinheiten und die Stärkung der Eigenverantwortung sowie des Selbstbewusstseins von Schüler:innen! Diese Wünsche finden sich bei vielen Lehrpersonen und Schüler:innen gleichermaßen. Aber wie ist das möglich? Peer-Lernen bietet Ansätze, um sich als Schule oder Lehrkraft auf jenen Gebieten weiterzuentwickeln.

Hände, die sich umfassen und so gegenseitiges Helfen symbolisieren

Was ist Peer-Lernen eigentlich genau?

Peer-Lernen ist mehr als nur eine Gruppenarbeit. Beim Peer-Lernen geht es darum, dass Schüler:innen sich mit klar zugeteilten Rollen und im Rahmen einer festgelegten Strategie gegenseitig unterstützen. Die Vorteile und Möglichkeiten, die eine Umsetzung von Peer-Lernen bietet, sind vielfältig. In erster Linie bietet es die Möglichkeit, insbesonders Schüler:innen mit sozial schwächeren Hintergründen, zu unterstützen und ihnen, zum Beispiel mit einem Study-Buddy-System, gezielt Unterstützung durch ihre Mitschüler:innen zu ermöglichen. So können Lerndefizite direkt an der Schule ausgeglichen werden und werden den Schüler:innen nicht mit nach Hause gegeben.

Der zweite wichtige Aspekt ist die Weiterentwicklungsmöglichkeit der Lernpartner:innen, also jener Schüler:innen, die zum Beispiel Buddys sind und in einem wöchentlichen Lernraum jüngere Schüler:innen unterstützen. Diese Schüler:innen werden ins Erklären gebracht und das tiefere Verständnis eines Themas wird ermöglicht. Außerdem wird durch die gegebene Aufgabe und die Möglichkeit andere zu unterstützen, die Eigenverantwortlichkeit und das Selbstbewusstsein gefördert. Besonders Schüler:innen, die ansonsten wenig Anlässe haben, Eigenverantwortung und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu sehen, können so gezielt gestärkt werden.

Peer-Lernen in kleinen und großen Schritten

Die Möglichkeiten, Peer-Lern-Strategien im Schulalltag zu integrieren sind vielfältig und dadurch für jede Schule bzw. Lehrperson individuell anpassbar. Ein toller Aspekt am Peer-Lernen ist, dass es einerseits niederschwellig und einfach direkt im Unterricht eingebaut werden kann, um mehr Interaktion und besseres Verständnis zu schaffen. Andererseits ist es auch für größere Weiterentwicklungen im Schulalltag geeignet. Buddy-System, Lernräume oder wöchentliche Sitzungen der Klassengemeinschaft (Klassenrat) sind hier Beispiele. So kann man als Schule oder Lehrkraft klein anfangen und sich dann in Richtung immer größerer Strategien entwickeln. 

Welche Strategien bzw. Möglichkeiten gibt es?

Es gibt eine Vielzahl an Methoden, um Peer-Lernen an den einzelnen Schulen umzusetzen. Kurz und prägnant möchte ich Ihnen einen Einblick in vier davon geben. Die erste und gleichzeitig wahrscheinlich auch allgemein bekannteste Strategie sind Buddy-Systeme. Egal, ob als Study Buddys zur Unterstützung beim Lernen oder als Welcome Buddys, um neue Schüler:innen in der Schule willkommen zu heißen – sie bieten eine tolle und einfache Möglichkeit, um Unterstützung im Schulalltag zu ermöglichen. Gleichzeitig sind sie eine spannende Aufgabe, die bei älteren Schüler:innen Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung stärkt. Je nach Schule können die Systeme individuell verändert werden, um perfekt in den Stundenplan bzw. die Struktur der jeweiligen Schule zu passen.
 
Mit einem wöchentlichen Lernraum können besonders Schüler:innen, die zuhause weniger Unterstützung erfahren, gestärkt werden. In Verbindung mit einem Buddy-System oder auch auf offener Basis können Schüler:innen gemeinsam an Aufgaben, Projekten und Hausaufgaben arbeiten. Dabei bringen sie ihre jeweiligen Stärken ein und finden Unterstützung auf Gebieten, die für sie noch eine Herausforderung darstellen. 

Während die beiden zuerst genannten Beispiele eine umfassendere Umsetzung bzw. Restrukturierung des Unterrichtsalltag erfordern, kann die Methode Think-Pair-Share ganz einfach individuell in den Unterricht integriert werden. Schüler:innen denken dabei in einem ersten Schritt eigenständig über ein Thema nach (Think). Danach werden sie in Paaren oder Kleingruppen (Pair) eingeteilt. Sie teilen dort unterschiedliche Ansichten und ein erster Austausch findet statt. Im dritten abschließenden Schritt teilen die Schüler:innen die Erkentnisse dann untereinander in der ganzen Klasse und tauschen sich über die unterschiedlichen Sichtweisen aus (Share). Durch diese Strategie werden Schüler:innen zum Nachdenken und gemeinsamen Reflektieren eines Themas angeregt und es entsteht ein breites Bild vom jeweiligen Thema. Auf dieser Basis können dann auch weitere Inhalte oder eine tiefergehende Behandlung des Themas folgen.

An vielen Schulen sind digitale Lehr- und Lernmethoden bereits im Unterrichtsalltag integriert. Auch beim Peer-Lernen gibt es Möglichkeiten diese Methoden zu nutzen. Eine davon sind Peer-Video Tutorials. Schüler:innen befassen sich dabei allein oder in einer kleinen Gruppe mit einem bestimmten Teil eines Themas und gestalten dazu ein Video-Tutorial. Kreativität und selbstständiges Ausarbeiten stehen hierbei im Vordergrund. Dadurch können Schüler:innen ihre eigenen Ideen einbringen und es entstehen Erklärvideos in der für die jeweilige Altersgruppe verständlichen Sprache. Diese können dann zum Beispiel über MS-Teams allen Schüler:innen zur Verfügung gestellt werden. Ein großer Vorteil dieser Strategie liegt darin, dass die Videos auch noch zur Verfügung stehen, wenn sich Schüler:innen zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal mit einem Thema befassen wollen/sollen.

Was lässt sich aus den Erfahrungen mit Peer-Lernen mitnehmen? 

Aus der Praxiserfahrung in den Schulen zeigt sich: Peer-Lern-Strategien, die einfach und direkt im Unterricht einsetzbar sind, finden am häufigsten Anwendung bei Lehrpersonen. So kann einfach und schnell mehr Interaktion in den Unterrichtsalltag gebracht werden.
Andere Strategien wie Buddy-Systeme oder wöchentliche Lernräume sind naturgemäß mit einem größeren Umsetzungsaufwand verbunden. Damit einher geht aber auch ein höherer Mehrwert für die Schüler:innen und Lehrpersonen vor Ort - besonders langfristig gesehen.
Klar ist auch, dass Peer-Lernen keine einmalige Entscheidung der Schule ist. Es ist vielmehr ein stetiges Einbinden, Integrieren und Umsetzen von Methode und Strategien, in den Unterrichtsalltag. Doch es lohnt sich. Eine langfristige umfassende Umsetzung bringt viele Vorteile und neue Möglichkeiten für den Schulalltag. So ist eine echte Weiterentwicklung in Richtung der Schule der Zukunft möglich.

Projekt zur Etablierung von Peer-Lern-Strategien an österreichischen Schulen

#MUVL4future ist ein vom Sozialministerium unterstütztes Projekt mit dem Ziel, Peer-Lern-Strategien in österreichischen Schulen stärker zu etablieren. Das Projekt stellt Strategien bzw. Leitfäden für Lehrpersonen zur konkreten Umsetzung an der eigenen Schule zur Verfügung und unterstützt mit fertig ausgearbeiteten Materialien bei der Umsetzung. Die Umsetzung ist für die Schulen dabei komplett kostenlos. Schulen oder Lehrpersonen können über die Website Kontakt aufnehmen, um genauere Informationen zu erhalten und ein Erstgespräch zu vereinbaren:

https://www.muvl.org/muvl4future
 


 

Xaver Eicher ist für die Schulkommunikation bei #MUVL4future zuständig. 
Im kostenfreien Projekt werden Schulen bei der Umsetzung von Peer-Lern-Strategien unterstützt und begleitet.

Bildquelle: Elisabeth Feik