Wenn es Fiakerpferden besser geht als Lehrern

Für Teile Österreichs wurde zuletzt die höchste Hitzewarnstufe ausgerufen, Temperaturen von bis zu 39 Grad werden vor allem im Nordosten Österreichs, inklusive Wels/Linz, Graz, Klagenfurt und Villach erwartet. Während Fiakerpferde in Wien ab 35 Grad nicht mehr fahren dürfen und für Bauarbeiter bereits ab einer gefühlten (!!!) Temperatur von 30 Grad verpflichtende Hitzeschutzmaßnahmen gelten, läuft der Unterricht an Österreichs Schulen weiter. Betroffen sind davon nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch Lehrkräfte, die ihren Dienst unabhängig von den Temperaturen versehen müssen. Die aktuelle Hitzewelle rückt damit eine Frage in den Mittelpunkt, die viele Schulen schon seit Jahren beschäftigt: Wie gut ist das Bildungssystem auf die zunehmende Hitzebelastung vorbereitet?


Ein Problem für Kinder und Lehrkräfte

Hitze in Schulen ist längst kein Randthema mehr. Wie eine aktuelle Befragung des Austrian Institute of Technology (AIT) und der Technischen Universität Wien (TU Wien) im Rahmen des Projekts „Climate Ready Schools“ zeigt, empfinden 88 Prozent der mehr als 1.500 befragten Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte die Temperaturen in ihren Schulgebäuden als Belastung. Drei Viertel berichten von Konzentrationsschwierigkeiten, Müdigkeit und Erschöpfung. Mehr als die Hälfte klagt über Kopfschmerzen.

Im Rahmen der begleitenden Studie wurden bereits Ende Mai 2025 in einzelnen Klassenräumen Temperaturen von über 30 Grad gemessen. Für viele Lehrkräfte ist das keine Ausnahme, sondern ein Zustand, der sich an heißen Tagen regelmäßig wiederholt.

Hitze beeinflusst auch das Lernen

Dass hohe Temperaturen nicht nur unangenehm sind, sondern den Unterricht erschweren, bestätigen auch Fachleute. Umweltmedizinerin Daniela Haluza erklärte gegenüber science.ORF.at, Hitze in Schulen sei kein bloßes Komfortproblem, sondern ein Gesundheits- und Bildungsrisiko. Kinder würden schneller Flüssigkeit verlieren und könnten ihre Körpertemperatur schlechter regulieren als Erwachsene.

Die Folgen reichen von Konzentrationsschwierigkeiten und Erschöpfung bis hin zu Kreislaufproblemen. Betroffen sind dabei nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch Lehrkräfte, die oft mehrere Unterrichtsstunden hintereinander unter denselben Bedingungen absolvieren müssen.

Ein Gesetz aus einer anderen Zeit

Im Bildungsministerium verweist man darauf, dass das österreichische Schulzeitgesetz aus dem Jahr 1985 stammt. Dass Hitzewellen bereits vor den Sommerferien regelmäßig Temperaturen von weit über 30 Grad bringen und Schulgebäude tagelang aufheizen, war damals noch nicht die Realität vieler Schulen. Tatsächlich kennt das Gesetz das Thema „hitzefrei“ gar nicht. Stattdessen gilt die Betreuungspflicht. Schulfrei kann nur bei Unbenützbarkeit des Schulgebäudes oder in vergleichbaren Ausnahmefällen angeordnet werden.

Mit anderen Worten: Das Bildungssystem muss heute mit klimatischen Bedingungen umgehen, für die es ursprünglich nie geschaffen wurde.

Den Schulen wird empfohlen, Unterricht in kühlere Räume zu verlegen, körperlich anstrengende Aktivitäten zu reduzieren, Pausen anzupassen und ausreichend Trinkmöglichkeiten bereitzustellen. Dabei bleibt allerdings offen, woher diese kühleren Räume kommen sollen. Viele Schulen kämpfen seit Jahren mit Platzmangel und vollständig ausgelasteten Gebäuden. Im Bildungsministerium wird derzeit geprüft, welche Maßnahmen künftig gesetzt werden können, um die Hitzebelastung in Schulen besser in den Griff zu bekommen.

Zwischen Lüften und Durchhalten

Die Realität an vielen Schulen sieht deutlich weniger strategisch aus. Wo Klassenzimmer überhitzen, wird improvisiert: Unterricht wird in schattige Bereiche verlegt, Fenster werden geöffnet oder Trinkpausen verlängert.

Für den oberösterreichischen Pflichtschulgewerkschafter Paul Kimberger ist das auf Dauer zu wenig. Kinder, Jugendliche und Lehrkräfte hätten Anspruch auf zeitgemäße Lehr- und Lernbedingungen. Gefordert seien Investitionen in klimafitte Schulgebäude und mehr Handlungsspielraum für die Schulen vor Ort. Vor diesem Hintergrund sei auch die Diskussion über eine Verkürzung der Sommerferien eine Themenverfehlung, erklärte Kimberger.

Seit Jahren bekannt

Dass sich Schulgebäude an heißen Tagen massiv aufheizen, ist seit Jahren bekannt. Lehrkräfte berichten regelmäßig von Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke in Klassenräumen. Auch die Wissenschaft liefert inzwischen belastbare Daten zur Belastung durch Hitze. Die Frage, wie Schulen auf häufigere Hitzewellen reagieren sollen, stellt sich nicht erst seit den Hitzetagen des Frühsommers 2026. Sie stellt sich seit Jahren – und eine umfassende Antwort darauf steht bis heute aus.

Blick nach vorne

Klimaforscher gehen davon aus, dass Hitzetage während des Schuljahres künftig weiter zunehmen werden. Viele Schulgebäude wurden jedoch für eine andere klimatische Realität geplant. Die aktuelle Diskussion zeigt daher nicht nur die Herausforderungen der kommenden Tage auf, sondern auch eine grundsätzliche Frage: Wie können Schulen so gestaltet werden, dass Lernen und Arbeiten auch während zunehmender Hitzewellen möglich bleiben?

Studie „Climate Ready Schools