Code trifft auf Schrei

Freitag, 21:17. Ein neuer Post im Klassenchat. Ein Mädchen aus der Klasse. Nackt. Es ist nicht sie, aber es ist ihr Gesicht. Die Haut, der Blick, die kleine Narbe über der rechten Augenbraue — alles stimmt, weil alles berechnet ist. Ein öffentlich zugängliches Foto, eine Handvoll Rechenschritte, zwölf Sekunden.

Besorgte junge Frau mit Smartphone zu Hause

Das Bild ist kalt. Es hat keinen Autor mehr, den man greifen könnte. Nur Code. Was es auslöst, ist das Gegenteil: eine Welle, die nicht mehr kalt ist. Gelächter, Schock, Weiterleitungen, Nachrichten. Und irgendwo dazwischen — oft ungehört, selten stumm — der innere Schrei der Betroffenen, deren Gesicht gerade zum Eigentum einer Gruppendynamik geworden ist. Solche Szenen sind keine Ausnahme mehr. Sie sind der neue Regelfall, auf den Schule vorbereiten darf, statt zu hoffen, dass Verbote allein ihn aufhalten.

Vom Können zum Dürfen

Die gängige Reflexantwort auf solche Szenen lautet: verbieten. Handy-Verbot, KI-Verbot, App-Verbot. Das ist verständlich, aber kurzsichtig. Gesetzgebung arbeitet in Jahren; Modellzyklen in Wochen. Was heute Spezialwissen voraussetzt, ist morgen eine App mit drei Buttons. Und jede rote Linie, die ausschließlich über Technik gezogen wird, lässt sich technisch umgehen. KI-Kompetenz ist deshalb mehr als Medienkompetenz. Sie ist zuerst Urteilskompetenz. Wer versteht, wie ein Deepfake entsteht, erkennt leichter, warum er nicht entstehen sollte. Der Leitsatz, den ich in Workshops seit Jahren wiederhole, ist denkbar schlicht — und wird doch regelmäßig übersprungen: Nur weil ein Tool etwas kann, darf man es deshalb noch nicht tun.
Können und Dürfen fallen auseinander. Die Brücke zwischen beiden baut niemand automatisch — weder das Gerät noch der Algorithmus noch die Plattform. Sie muss im Kopf entstehen. Und Köpfe formen sich in Schulen.
Das gilt für Schüler:innen — und nicht weniger für Lehrkräfte. Wer KI-Kompetenz vermitteln will, ohne selbst regelmäßig mit den Werkzeugen gearbeitet zu haben, vermittelt eine Vorstellung, keine Realität. Hands-on-Erfahrung im Kollegium ist deshalb keine Kür, sondern Voraussetzung. Glaubwürdige rote Linien zeichnen nur jene, die wissen, wo das Werkzeug tatsächlich endet — und wo es überraschend weiterläuft.

Die Schuld landet bei den Falschen

Eine der unangenehmsten Beobachtungen rund um digital vermittelte Gewalt ist zugleich die einfachste: Scham und Schuld landen typischerweise bei denen, die sie am wenigsten tragen. Die Betroffene fragt sich, warum sie überhaupt ein Foto gepostet, warum sie jenen Follower akzeptiert, warum sie sichtbar geblieben sei. Täter:innen und Weiterleitende hingegen erleben Gruppenzustimmung. Diesen Mechanismus nennt die Sozialpsychologie Victim Blaming — die Schuldzuschreibung an die Betroffene durch ihr direktes Umfeld. Kommen dazu noch belastende Reaktionen von Schule, Polizei oder Mitschüler:innen, die ausfragen statt zuzuhören, spricht man von sekundärer Viktimisierung: einem zweiten Schaden oben auf den ersten.
Die wirksamste Intervention dagegen besteht aus drei Sätzen. Sie klingen banal, sind es aber nicht: „Ich glaube dir. Du bist nicht schuld. Ich gehe mit dir zu einer Vertrauensperson.“

„Geglaubt werden“ gilt in der Opferschutzforschung als einer der am besten belegten Schutzfaktoren — weil es die Chronifizierung von Scham unterbricht und Verarbeitung überhaupt erst möglich macht. Was John Hattie und die schulische Wirksamkeitsforschung (Anderman u. a.) für den Lernerfolg insgesamt zeigen — die Lehrkraft-Schüler:innen-Beziehung ist einer der stärksten Faktoren —, gilt im Krisenfall doppelt: Beziehung schlägt Programm.

Dasselbe Prinzip greift in die andere Richtung: Wer im Klassenchat schweigt, während das Bild kursiert, teilt mit — auch ohne weiterzuleiten. Die Sozialpsychologie kennt diesen Mechanismus seit den späten 1960er Jahren als bystander apathy (Latané & Darley): Je mehr Mitwissende, desto unwahrscheinlicher wird, dass eine:r einschreitet. Das ist kein moralischer Vorwurf, sondern gruppendynamische Realität. Und sie lässt sich einüben.

Zwei Werkzeuge der Selbstregulation

Wenn Verbote nicht reichen und Worte aus der Klasse nicht von allein kommen, brauchen Betroffene kleine, verlässliche Werkzeuge. Zwei haben sich in der Praxis bewährt — beide sind fachlich fundiert und trotzdem denkbar niedrigschwellig.
Das erste ist das Signalwort: eine neutrale Vokabel, auf die sich Schülerin und Vertrauenslehrkraft im Vorfeld einigen. „Bibliothek“ reicht. Taucht das Wort im Unterricht auf, darf die Schülerin den Raum ohne Erklärung verlassen. Das klingt schlicht, ist aber doppelt fundiert: als kleines Ankerwort, das Sicherheit an einen sprachlichen Marker koppelt — und als Mini-Adaption des sicheren Ortes aus Luise Reddemanns ressourcenorientierter Traumapädagogik. Die Bibliothek ist dabei nicht zufällig gewählt: Das Wort selbst wird zum sicheren Ort. Die Autonomie bleibt bei der Betroffenen, die Scham muss nicht öffentlich gemacht werden.
Das zweite ist eine Drei-Satz-Technik für akute Momente — im Gang, in der Pause, vor einem Gespräch:
„Ich bin gerade unsicher. Ich bin nicht schuld. Ich weiß den nächsten Schritt — oder ich hole mir jemanden.“
Fachlich ist das eine positive Selbstinstruktion im Sinne Donald Meichenbaums: drei sprachliche Schritte, die Orientierung, Entlastung und Handlung miteinander koppeln. Angelehnt an Albert Bandura: Selbstwirksamkeit entsteht dort, wo vorstrukturierte Handlungsoptionen griffbereit sind. Die Karte passt in die Hosentasche. Mehr braucht es nicht.

Der Handlungsrahmen für den Ernstfall

Wenn ein Deepfake einmal im Chat ist, zählt weniger der perfekte Reaktionsplan als die Geschwindigkeit. Je früher eine Schule handelt, desto kleiner der Schadensradius. Vier Schritte haben sich als Ernstfall-Raster bewährt — einfach genug, um in Sekunden abrufbar zu sein:

  1. Nicht teilen. Jede Weiterleitung vervielfacht den Schaden.
  2. Sichern, aber rechtssicher. Screenshot mit Zeitstempel und Accountname — niemals das Bild selbst auf das eigene Gerät kopieren. Bei sexualisierten Deepfakes Minderjähriger kann bereits das Speichern (Besitzen) strafbar sein (§ 207a StGB); die Beweissicherung obliegt der Polizei.
  3. Vertrauensperson einschalten. Lieber früh melden als spät perfekt.
  4. Betroffene entlasten. Zuerst die drei Sätze, dann die Fragen.

Parallel informiert die Schulleitung Erziehungsberechtigte, prüft mit Beratungsstellen oder Polizei die Anzeigepflicht und kommuniziert sachlich-knapp mit der Klasse, bevor Gerüchte den Vorfall überschreiben. Und das kann auch außerhalb der regulären Dienstzeit nötig sein. Hier braucht es folglich erreichbare Ansprechpersonen.
Diese Reihenfolge ist keine Beamtenliste. Sie ist eine Handlungsroutine, die genau dort greift, wo im echten Fall Hilflosigkeit lähmt. Eine Infografik zum Aushang am schwarzen Brett oder im Lehrer:innenzimmer ist sehr sinnvoll.

Was Literatur leisten kann

Fachtexte können Zahlen liefern. Aber die innere Mechanik eines Falles — Scham, Selbstzweifel, Gruppenzwang, Loyalität zwischen Freund:innen — erschließt sich oft erst über literarisches Erzählen. Ein Roman, der denselben Vorfall aus drei verschiedenen Perspektiven schildert, zwingt Leser:innen zum Perspektivwechsel.
In meinem im Februar 2026 erschienenen Jugendroman Kein Bild von mir habe ich genau diese Konstellation umgesetzt. Für den Unterricht zählt weniger dieser konkrete Stoff als das Prinzip: Multiperspektivisches Erzählen ist ein didaktisches Instrument, das sich auf zahlreiche Medien- und Gewaltthemen übertragen lässt.


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Mila wollte dieses Schuljahr nur eins: keine Dramen. Stattdessen steht sie zwischen zwei Jungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch beide ihr Herz schneller schlagen lassen. Karim ist laut, direkt, manchmal zu schnell für seine eigenen Gedanken. Jonas beobachtet genau, sagt wenig und fühlt mehr, als er zeigt. Seit Jahren sind sie beste Freunde. Bis in ihrem Klassenchat ein KI-manipuliertes Bild von Mila auftaucht und alles kippt. Was mit Tuscheln auf dem Gang beginnt, wird zu digitaler Gewalt, die niemand mehr ignorieren kann. Gerüchte, Schuldzuweisungen, Schweigen. Mila kämpft um ihre Stimme. Karim muss lernen, dass Beschützen nicht dasselbe ist wie Kontrolle. Jonas steht vor der Frage, wie lange Loyalität noch Loyalität ist, wenn man schweigt. Als klar wird, dass ein externer Schüler hinter der Verbreitung steckt, entscheiden die drei sich gegen Rache und für Verantwortung: Beweise sichern, Hilfe holen, Grenzen setzen, zusammenhalten. Ein packender KI-Jugendroman über Liebe, Freundschaft und die Frage, wer wir sind, wenn ein Klick reicht, um ein Leben zu zerlegen.

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Unterrichtsimpulse in drei Schlüsseln

Alles Gesagte wird erst im Klassenzimmer konkret. Drei Impulse, die ohne zusätzliches Material auskommen und in jeder Fachstunde der Sekundarstufe einsetzbar sind:

  1. Perspektivwechsel-Schreibübung. Eine fiktive Fallszene wird aus drei Sichten formuliert: Betroffene:r, enge:r Freund:in, stille:r Mitleser:in im Chat. Jugendliche schreiben zehn Minuten pro Rolle. Ergebnis: Empathie, die nicht gepredigt, sondern erlebt wurde.
  2. Ethik-Quadrant. Vier Handlungsoptionen an die Tafel: Schweigen / Weiterleiten / Löschen / Handeln. Schüler:innen positionieren sich körperlich im Raum, begründen ihre Wahl, hören einander zu. Die Übung macht sichtbar, dass Nicht-Handeln auch eine Entscheidung ist.
  3. Hands-on mit KI-Tools. Unter Anleitung und in geschütztem Rahmen erleben Jugendliche, wie niederschwellig Deepfake-Generatoren heute sind. Das Staunen ist didaktisch gewollt — es macht die eigentliche Frage greifbar: Und jetzt? Darf ich, nur weil ich kann?

Weiterführendes, sofort einsetzbares Unterrichtsmaterial (Arbeitsblätter, Lösungen, Hörbeiträge) steht kostenfrei bereit — die Bezugsquelle findet sich in der Autorenbox.

Mehr KI — mehr Mensch

Dieser Beitrag hat noch eine zweite Schicht. Der Roman, auf dessen Szenen ich mich hier stütze, wurde nicht von mir allein geschrieben. Ich habe zwei KI-Agenten — Claude Code und OpenAI Codex jeweils im Terminal — parallel laufen lassen und sie in einem Zug 24 Kapitel erzählen lassen. Ich war ihr Dirigent, nicht ihr Schriftsteller. Ein mit KI erzeugtes Buch, das zeigt, was KI zerstört, wenn sie missbraucht wird.
Das ist kein Widerspruch, sondern der Kern der Sache. Ein Werkzeug — zwei Seiten. Die Entscheidung, ob Code einen Schrei auslöst oder einen Schrei beantwortet, trifft nicht die Maschine. Sie trifft, wer die Maschine führt. Und je früher junge Menschen lernen, diese Führung bewusst auszuüben, desto weniger Schreie entstehen.

Mehr KI — mehr Mensch.

Schule darf das heute. Sie sollte es auch.

Literatur (Auswahl) 

  • Bandura, A. (1997): Self-Efficacy. The Exercise of Control. New York: Freeman.
  • Meichenbaum, D. (1985): Stress Inoculation Training. New York: Pergamon.
  • Reddemann, L. (2017): Imagination als heilsame Kraft. Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren. 19. Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta.

Über den Autor

Holger Dominik Steinbichler ist Geschäftsleiter der Salzburger Kinderkrebshilfe und begleitet selbstständig Unternehmen bei der Einführung von KI-Systemen. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt in der Erwachsenenbildung: Als Mentor vermittelt er für das AI Training Institute KI-Kompetenz an Berufstätige. Das österreichische Bildungssystem kennt er aus langjähriger Vorstandsarbeit im Elternverein des Akademischen Gymnasiums in Salzburg und als Vorstandsmitglied des Salzburger Landeselternverbandes. 

Sein 2026 erschienener Jugendroman Kein Bild von mir und das dazugehörige, frei verfügbare Unterrichtsmaterial sind online erreichbar: