Deutschförderklassen: Ein Viertel verliert ein Jahr

Mehr Flexibilität für Schulen
Mit dem Beginn des Schuljahres 2026/27 werden die Regeln für die Deutschförderklassen gelockert, um Laufbahnverluste zu verringern. "Dass fast ein Viertel aller Schülerinnen und Schüler im außerordentlichen Status zumindest ein Jahr in ihrer Schullaufbahn verlieren, ist eine Zahl, die viel zu hoch ist", sagte Bildungsminister Christoph Wiederkehr der APA. Ab Herbst sollen die Schulen insgesamt mehr Flexibilität bekommen, damit sie die Kinder und Jugendlichen individueller begleiten und unnötige Wiederholungen von Schulstufen vermeiden können.
MIKA-D als entscheidender Faktor
Ob ein Kind die Deutschförderklassen besuchen muss, entscheidet der Zuteilungstest MIKA-D: Seit 2018/19 müssen Schulanfängerinnen und Quereinsteiger aus dem Ausland, die bei MIKA-D nicht gut genug abschneiden, bis zu zwei Jahre lang maximal 20 Stunden pro Woche separate Deutschförderklassen und -gruppen besuchen. Gemeinsamen Unterricht mit der Stammklasse gibt es nur in Fächern wie Werken, Musik oder Turnen. Zuletzt gab es über 48.000 “außerordentliche” Schülerinnen und Schüler.
Laufbahnverlust nach Volks- und Mittelschule
Kinder, deren Ergebnis beim MIKA-D am Ende des Schuljahres weiterhin nicht "ausreichend" war, mussten die Schulstufe bisher grundsätzlich wiederholen, selbst wenn sie in allen Gegenständen positiv beurteilt wurden. Vor allem an den Übergängen nach der vierten Klasse Volks- bzw. Mittelschule hat das laut Ministerium "in einzelnen Fällen" zu zusätzlichen Laufbahnverlusten geführt, weil Schüler im außerordentlichen Status nicht die formalen Voraussetzungen erfüllen, um in eine andere Schulart zu wechseln. Nur unter gewissen Bedingungen konnte die Klassen- oder Schulkonferenz bisher trotz "mangelhaftem" MIKA-D-Ergebnis für einen Aufstieg stimmen.
Mehr Spielraum ab Herbst
Ab dem kommenden Schuljahr können Schülerinnen und Schüler mit positiver Beurteilung in allen Fächern bei einer positiven Leistungsprognose der Klassen- bzw. Schulkonferenz auch dann aufsteigen, wenn sie laut MIKA-D nur "mangelhaft" Deutsch beherrschen. Das gilt auch für den Übertritt von der Volks- in die Mittelschule. Schüler mit dem Ergebnis "ungenügend" müssen weiterhin das Jahr wiederholen.
Pflicht zur Extraklasse fällt
Gestrichen wird auch die Verpflichtung, ab acht außerordentlichen Schülerinnen und Schülern am Standort separate Deutschförderklassen bzw. -gruppen einzurichten. Die Hälfte der Schulen nutzt ab Herbst stattdessen schulautonome Modelle zum Deutschlernen im Klassenverband. In den Fächern, die sie belegen, sollen die Schülerinnen und Schüler auch Noten bekommen können.
MIKA-D-Test nur mehr am Ende des Sommersemesters
Um den Verwaltungsaufwand zu verringern, muss außerdem nur noch am Ende des Sommersemesters der MIKA-D-Test durchgeführt werden. Bei deutlichen Fortschritten kann auch in Zukunft ein zusätzlicher Test durchgeführt werden, damit ein Kind bei guten Ergebnissen in die Deutschfördergruppe bzw. in die Regelklasse umsteigen kann. Außerdem wurde beim MIKA-D inhaltlich nachgebessert: Zusätzliche Fragen für die 3. und 4 Klasse Volksschule und die Mittelschule sollen ihn treffsicherer machen.
“Am Schulleben voll teilhaben”
Gemeinsam mit dem Ausbau der Deutschförderung, der ab heuer verpflichtenden Sommerschule für Kinder mit Deutschförderbedarf und dem Chancenbonus für Brennpunktschulen sollen diese Maßnahmen dazu beitragen, dass “Kinder und Jugendliche früher ihren a.o. Status verlieren und mit guten Deutschkenntnissen am Schulleben voll teilhaben”, so Wiederkehr.
Viele "Überaltrige" in Österreich
In Österreich gibt es durch das in anderen Ländern unübliche System der Klassenwiederholung, separate Deutschförderung und Vorschulklassen vergleichsweise viele "überaltrige" Kinder und Jugendliche, die mindestens zwei Jahre älter sind als in dieser Klassenstufe vorgesehen. Zwischen 2015 und 2023 ist der Anteil laut der aktuellsten Ausgabe der OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" in den Volksschulen von 4,1 auf 5,8 Prozent und in den Mittelschulen und AHS-Unterstufen von 6,5 auf 9,1 Prozent gestiegen.
Quelle: APA Science