Psychische Gesundheit junger Menschen unter Druck

Globale Trends mit klarer Warnung
Paul Plener, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH Wien, ordnet die österreichischen Ergebnisse in einen internationalen Kontext ein. Weltweite Langzeitdaten zeigen seit etwa 2015 eine markante Verschiebung der psychischen Belastung hin zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Während frühere Generationen vor allem im mittleren Lebensalter über sinkende Lebenszufriedenheit berichteten, sind es heute junge Menschen, die international die höchsten Belastungswerte aufweisen. Besonders deutlich zeigen sich diese Entwicklungen bei psychischen Erkrankungen, die in der Altersgruppe der Fünf- bis 24-Jährigen mittlerweile die häufigste nicht tödliche Erkrankungsgruppe darstellen. Plener betont, dass sozioökonomische Faktoren dabei eine zentrale Rolle spielen. Jugendliche aus finanziell benachteiligten Lebenslagen sind deutlich stärker betroffen als Gleichaltrige mit stabileren Rahmenbedingungen.
Was Jugendliche heute belastet
Internationale Studien zeichnen ein bemerkenswert einheitliches Bild der Sorgen junger Menschen. Krieg, Klimakrise, wirtschaftliche Unsicherheit und soziale Ungleichheit werden länderübergreifend als größte Belastungen genannt. Hinzu kommen schulischer Leistungsdruck, Mobbing, negative Erfahrungen im sozialen Umfeld sowie Einflüsse digitaler Medien. Plener verweist darauf, dass diese Faktoren auch von der Weltgesundheitsorganisation als zentrale Risikofaktoren für psychische Erkrankungen im Jugendalter benannt werden. Gleichzeitig zeigen Forschungsarbeiten, dass Schutzfaktoren wie familiärer Zusammenhalt, soziale Unterstützung und persönliche Ressourcen wie Optimismus und Selbstwirksamkeit eine entscheidende Rolle spielen.
Mental health days als Datenbasis
Die mental health days-Studie wird seit mehreren Jahren begleitend zu Workshops an österreichischen Schulen durchgeführt. Tobias Dienlin von der Universität Zürich erläutert, dass der Fragebogen unter pädagogischer Aufsicht und auf freiwilliger Basis ausgefüllt wird. Erfasst werden unter anderem Lebenszufriedenheit, depressive Symptome, Mediennutzung sowie soziale und familiäre Rahmenbedingungen. Alle Daten beruhen auf Selbstauskünften der Jugendlichen und wurden ethisch geprüft. Insgesamt umfasst der Datensatz mittlerweile fast 30.000 Teilnehmende, allein im Jahr 2025 waren es rund 8.000 Schülerinnen und Schüler im Alter von zehn bis 18 Jahren.
Weniger Bildschirmzeit, mehr Zufriedenheit
Ein zentrales Ergebnis der aktuellen Studie ist der deutliche Rückgang der täglichen Smartphone- und Social-Media-Nutzung. Im Vergleich zum Vorjahr verbringen Jugendliche im Schnitt rund eine halbe Stunde weniger am Smartphone und etwa 15 Minuten weniger auf sozialen Netzwerkseiten. Dienlin sieht hier einen möglichen Zusammenhang mit den neuen Regelungen zur Smartphone-Nutzung an Schulen, betont aber zugleich, dass auch gesellschaftliche Sensibilisierung eine Rolle spielen könnte. Parallel dazu zeigt sich erstmals seit Beginn der Erhebungen eine statistisch signifikante Zunahme der allgemeinen Lebenszufriedenheit. Besonders hoch ist sie im Bereich von Freundschaften und Familie, etwas niedriger in Bezug auf Schule und eigenes Aussehen.
Depressive Symptome gehen zurück
Trotz insgesamt hoher Lebenszufriedenheit berichten viele Jugendliche weiterhin von einzelnen depressiven Symptomen wie Müdigkeit, Niedergeschlagenheit oder Antriebslosigkeit. Positiv ist jedoch, dass der Anteil jener, die im Screening eine depressive Symptomatik aufweisen, von 15 auf 12 Prozent gesunken ist. Dienlin bezeichnet diesen Rückgang als bemerkenswert, da sich solche Werte in der Regel nur langsam verändern. Gleichzeitig zeigen die Daten klare Unterschiede nach Geschlecht, Alter und sozialer Lage. Mädchen, ältere Jugendliche sowie junge Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft oder ohne stabiles familiäres Umfeld sind stärker belastet.
Soziale Medien differenziert betrachten
Die Studie bestätigt einen Zusammenhang zwischen intensiver Nutzung sozialer Netzwerkseiten und geringerer Lebenszufriedenheit sowie höherer Depressivität. Messenger-Dienste oder klassische Nachrichtenangebote zeigen hingegen keine negativen Effekte. Im Gegenteil deutet sich bei journalistischen Nachrichten sogar ein leicht positiver Zusammenhang an. Plener unterstreicht, wie wichtig es sei, zwischen unterschiedlichen Formen medialer Kommunikation zu unterscheiden. Während soziale Netzwerke oft Vergleichsdruck und emotional belastende Inhalte verstärken, können gut aufbereitete Informationen Orientierung geben und Sicherheit vermitteln.
Prävention zeigt Wirkung
Beide Studienautoren betonen, dass die Ergebnisse kein Anlass zur Entwarnung sind, aber Hoffnung machen. Präventive Angebote wie die mental health days können Resilienz fördern und psychische Belastungen abfedern, insbesondere wenn sie in Schule, Familie und Gesellschaft eingebettet sind. Plener spricht sich dafür aus, psychische Gesundheit als selbstverständlichen Teil schulischer Bildung zu verankern und soziale Ungleichheiten stärker in den Blick zu nehmen. Denn langfristige Verbesserungen, so der Tenor der Pressekonferenz, lassen sich nur erreichen, wenn Prävention, Medienkompetenz und soziale Gerechtigkeit gemeinsam gedacht werden.