Was Lehrkräfte in der Schule besonders stresst

Trotz zahlreicher Belastungsfaktoren sind Lehrkräfte mit ihrem Beruf und ihrem Leben sehr zufrieden, zeigt eine aktuelle Online-Umfrage der JKU und des öbv. Auf der Wunschliste ganz oben stehen professionelle Unterstützung, weniger Bürokratie und mehr Wertschätzung.

Stress in der Schule

Bürokratie und große Klassen als Belastung

Mehr als die Hälfte der heimischen Lehrkräfte fühlt sich durch die Arbeit psychisch stark belastet, emotionale Erschöpfung ist weit verbreitet, zeigt eine Online-Umfrage der Johannes Kepler Universität im Auftrag des Österreichischen Bundesverlags (öbv). Als größte Belastungsfaktoren bezeichnen zwei Drittel den administrativen Aufwand, zu große und heterogene Klassen, gefogt von individueller Förderung, Schulentwicklungsarbeit und fehlenden Pausen, sagt Christoph Helm, Leiter der Abteilung für Bildungsforschung an der School of Education (JKU). Auch mangelnde Wertschätzung, ungleiches Arbeitspensum oder unzureichende Infrastruktur werden von den 2.000 Befragten als belastend empfunden. 

Akku entleert sich

Wie stark die Beanspruchung im Schulalltag ist, wird beim genaueren Hinsehen deutlich: Während vor Unterrichtsbeginn nur 14 Prozent vollkommen oder erheblich erschöpft sind, sind es am Ende des Schultags 58 Prozent. “Der Akku entleert sich”, so Helm. Gleichzeitig zeigen die Lehrkräfte große Motivation und hohes Wohlbefinden: 65 Prozent der Lehrkräfte schätzen ihren allgemeinen Gesundheitszustand als positiv ein, und eine klare Mehrheit ist mit ihrem Leben insgesamt zufrieden. Zentrale Motoren dafür sind positive Emotionen, Sinn, Zielerreichung und gute Beziehungen im Kollegium und zu den Schülerinnen und Schülern. 

Zufriedenheit und hohe Beanspruchung sind im Lehrberuf kein Widerspruch. Viele Lehrkräfte erleben Sinn in ihrer Arbeit, stehen aber gleichzeitig unter erheblichem Druck.

Christoph Helm , Abteilung für Bildungsforschung an der School of Education (JKU)

Lehrkräfte tragen sich selbst durch Krisen

Was den Lehrkräften bei der Bewältigung der Belastungen am meisten hilft, ist laut der Umfrage ihre Selbstwirksamkeit: Das Vertrauen in die eigene Kompetenz, Sport und ein gesunder Lebensstil stehen ganz oben, erst später folgt Unterstützung durch die Schulleitung und das Kollegium. “Die Lehrkräfte tragen sich vor allem selbst durch Schwierigkeiten”, so Helm. 

Wunsch nach psychologischer Unterstützung

Wenig genutzt werden psychologische Begleitung und Supervision - allerdings nur, weil derartige Angebote an vielen Schulen fehlen. Denn auf der Wunschliste steht diese Form der Unterstützung ganz oben, ebenso wie weniger administrativer Aufwand, kleinere und homogenere Klassen und mehr gesellschaftliche Anerkennung. “Wir dürfen bei der Bildung nicht davor scheuen, uns Dinge zu wünschen, die wir in Zukunft brauchen, und müssen bereit sein, die entsprechenden Kosten zu tragen”, sagte öbv-Geschäftsführer Philipp Nussböck. 

Es ist beeindruckend, wie stark Lehrkräfte durch ihre persönliche Resilienz strukturelle Engpässe im Schulsystem ausgleichen. Das sollte aber nicht der Normalfall werden.

Philipp Nussböck , Geschäftsführer des öbv

“Bildung darf nicht von persönlicher Resilienz abhängen”

Im Bundesländervergleich zeichnen sich keine größeren Unterschiede ab, allerdings zwischen den unterschiedlichen Schultypen: Besonders hoch ist die Belastung an Sonderschulen, besser ist die Situation an Berufsschulen. “Lehrergesundheit ist kein regionales Thema, sondern betrifft Personen quer über alle Schultypen und Bundesländer”, so Helm. “Lehrkräfte sind Meisterinnen der Resilienz und können Druck gut abfedern”, ergänzt Nussböck. “Gute Bildung darf aber nicht von der persönlichen Resilienz der Lehrkräfte abhängen.”

Handy und Social Media belastet Schülerinnen und Schüler

Befragt wurden die Lehrkräfte auch, wie sie die psychische Belastung der Kinder und Jugendlichen einschätzen. Rund die Hälfte der Lehrkräfte schätzt, dass mindestens 40 Prozent ihrer Schülerinnen und Schüler psychisch belastet sind. Und zwar so, dass auch deren Lernen beeinträchtigt ist. Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte sagt, dass quasi alle Schülerinnen und Schüler durch Handy und Social Media belastet sind - mehr als doppelt so viel als durch mangelnde familiäre Unterstützung oder Mobbing und Leistungsdruck. Helm bezeichnet diese Entwicklung als “Hammer”. Mehr als 70 Prozent der Lehrkräft thematisieren psychische Gesundheit im Unterricht und setzen entsprechende Maßnahmen: von Bewegungs- und Entspannungsübungen über Stressbewältigungsstrategien bis hin zu persönlichen Gesprächen.