Teil 4: Rituale konkret: Klassenzimmer betreten

Erinnern Sie sich an den Besuch in einem guten Restaurant oder bei sehr guten Freunden? Gerade angekommen, werden Sie mit einem freundlichen Lächeln empfangen. Wie wichtig das ist, zeigen beispielsweise auch Studien zu Arzt-Patienten-Beziehungen. Freundliche Ärzte, die ihren Patienten zuhören, haben deutlich bessere Behandlungserfolge.

Legende: SuS= Schülerinnen und Schüler, S= Schülerin oder Schüler, L= Lehrperson, KG= Kleingruppe

Schülerin vor einer Tafel

Wenn hingegen bereits beim Betreten des Klassenzimmers erste Störungen auftreten, dann muss die L eingreifen und ermahnen. Der Unterricht hat noch gar nicht begonnen und schon breitet sich negative Stimmung aus.

Variante 1: Vor allem bei SuS der Klassen 1-6. Vorgehen:

  • die SuS betreten ruhig das Klassenzimmer
  • jeder geht direkt an seinen Platz
  • jeder bearbeitet dort das Arbeitsblatt, z.B. eine Rätselaufgabe oder etwas anderes, das den SuS Freude macht
  • jeder SuS arbeitet leise; legen Sie genau fest, was leise bedeutet
  • jeder SuS bleibt an seinem Platz.

Was Sie beachten sollten, damit das klappt:

  • Begeben Sie sich rechtzeitig in Ihr Klassenzimmer bevor Ihre SuS rein kommen
  • richten Sie dort alles Nötige her
  • Entspannen Sie sich
  • begeben Sie sich dann zur Klassenzimmertür
  • nehmen Sie Ihre SuS dort in Empfang
  • schenken Sie Ihnen ein Lächeln
  • überblicken Sie die Situation in Ihrem Klassenzimmer, während Ihre SuS eintreten
  • Geben Sie vor allem in der Anfangsphase, während der Sie das Ritual einführen, oder wenn sich Ihre SuS mit dem Ritual schwer tun, viel positives Feedback. Verzichten Sie auf Kritik. Mehr dazu finden Sie in einem späteren Beitrag.

Variante 2: Diese Variante bietet sich bei SuS aller Klassen an

  • Begeben Sie sich rechtzeitig in Ihr Klassenzimmer bevor Ihre SuS rein kommen.
  • Richten Sie dort alles Nötige her.
  • Entspannen Sie sich.
  • Begeben Sie sich dann zur Klassenzimmertür.
  • Nehmen Sie Ihre SuS dort per Handschlag in Empfang.
  • Lächeln Sie Ihren SuS freundlich zu.
  • Schauen Sie Ihren SuS bei der Begrüßung  in die Augen.
  • Fordern Sie von Ihren SuS ein, dass diese Ihren Blickkontakt erwidern.
  • Sprechen Sie Ihre SuS, wenn möglich, mit Namen an.
  • Finden Sie, wenn möglich, ein kurzes freundliches Wort, z.B. „Guten Morgen, Dario, schön dich zu sehen“ oder ähnliches.
  • Heißen Sie Ihre SuS, vor allem während den ersten Schultagen eines neuen Schuljahres willkommen, in dem Sie sagen, „willkommen in meinem Unterricht!“ Oder nach einer Krankheit, „ich freue mich, dass du wieder gesund bist, Ahmed, alles gut?“
  • Nutzen Sie die Möglichkeit, Ihren SuS beim Betreten des Klassenzimmers hin und wieder ein kurzes Kompliment zu geben, in dem Sie ihn beispielsweise an etwas erinnern, was er gestern gut gemacht hat, beispielsweise in Bezug auf:
    • das Einhalten von Klassenregeln: bei einer S, der es schwer fällt eine Klassenregel einzuhalten, „Christina, gestern hast du unsere Regel xxx richtig gut eingehalten, das war prima, danke.“
    • Die Förderung der Lern- und Arbeitshaltung Ihrer SuS: bei einem S, der sich mit Mathematik schwer tut, „weißt du noch Dario, wie gut dir gestern die Mathe-Übungen gelungen sind – da hast du dich richtig gut angestrengt, prima“ oder zur Förderung von Kontrollstrategien, „ich habe beobachtet, dass du gestern noch mal richtig gut deine Arbeit kontrolliert hast – das war prima“.
  • Erkundigen Sie sich nach dem, was Ihre SuS gerne machen. Sie können z.B. eine 15-jährige, von der Sie wissen, dass sie am Wochenende an einem Tanzwettbewerb teilgenommen hat, am Morgen mit,  „guten Morgen Carmen, wie lief es am Wochenende beim Tanzwettbewerb“ begrüßen.
  • Zeigen Sie Interesse an den Themen, die Ihre SuS emotional bewegen, wie z.B. „Sabrina, wie geht es deinem kranken Hamster?“ Oder, „wie verlief das Vorstellungsgespräch gestern, Carmen?“
  • Sprechen Sie mit warmer und freundlicher Stimme.
  • Überblicken Sie, während Sie Ihre SuS willkommen heißen, auch die Situation in Ihrem Klassenzimmer.
  • Geben Sie vor allem in der Anfangsphase während der Sie das Ritual einführen viel positives Feedback oder wenn sich Ihre SuS mit dem Ritual schwer tun. Verzichten Sie auf Kritik. Mehr dazu finden Sie in einem späteren Beitrag.

Variante 3: Start in eine neue Woche. 11. Klasse

Dieser Hinweis gilt vor allem bei ganz schwierigen Klassen.

  • Richten Sie Ihr Klassenzimmer so ein, dass alle SuS ein bschen Platz haben, sich zu bewegen.
  • Führen Sie die Schritte in Variante 2 durch.
  • Wählen Sie dann einen Einstieg, der bei Ihrer Klasse richtig gut ankommt und möglichst intensive Bewegungselemente enthält, z.B. eine Musik- oder Body-Performance bei älteren SuS.
  • Delegieren Sie und beziehen vor allem die SuS mit schwierigem Verhalten ein, z.B. in die Musikauswahl und die Choreographie.
  • Zu spät kommende SuS erhalten einen Extra-Platz und schauen zu. Verteilen Sie die Extra-Plätze für mögliche Zu-spät-Kommer im ganzen Klassenzimmer so, dass die zu spät kommenden SuS nicht nebeneinander sitzen können. Weisen Sie auch diese Plätze eindeutig zu, in dem Sie sie beispielsweise nummerieren. Dann sagen Sie zu Dario, der zu spät kommt, in richtig freundlichem Ton, „schön Dario, dass du da bist. Du darfst auf Stuhl 2 Platz nehmen“. Die zu spät kommenden SuS müssen jetzt warten, bis die Performance vorüber ist. Halten Sie sich in der Nähe dieser SuS auf oder behalten Sie diese SuS im Auge, um Störungen zu reduzieren.  Das können Sie dann tun, wenn Sie die Durchführung der Performance weitgehend an Ihre SuS delegiert haben.
  • Eine Musik- oder Body-Performance ist hier deshalb genannt, weil sie bei vielen SuS gut ankommt. Wenn das in Ihrer Klasse nicht der Fall ist, wählen Sie einen anderen Einstieg, der für Ihre SuS attraktiv ist, z.B. darf ein ausgewählter  S einer 11. Klasse ein Video von youtube zeigen, das ihm besonders gefallen hat. Begrenzen Sie diese Phase zeitlich. Richten die Plätze für die zu-spät-kommenden SuS dann so ein, dass mit dem Rücken zu Video-Filme sitzen und diese nicht verfolgen können. Oder stellen Sie eine Stellwand als Sichtschutz auf.

Die emotionale Bindung der SuS an die Schule fördern

Je schwieriger Ihre Klasse, umso attraktiver sollte der Einstieg in die neue Woche sein. Und umso höher die Bedeutung einer akzentuierten Willkommenskultur. Damit fördern Sie die emotionale Bindung Ihrer SuS an Schule und Unterricht. Die Chancen, dass Ihre SuS pünktlich sind und positiv gestimmt ins Klassenzimmer kommen, steigen deutlich. Das erleichtert Ihnen das Unterrichten erheblich.

Liste „Klassenzimmer betreten“

Die folgenden Anregungen gelten vor allem für schwierige Klassen.

  • Begrüßen Sie, wenn möglich Ihre SuS mit Handschlag und Namen an der Tür.
  • Geben Sie hin und wieder ein Kompliment, erkundigen Sie sich nach dem Befinden des Schülers oder heißen Sie Ihre SuS willkommen.
  • Weisen Sie jedem S seinen Sitzplatz so zu, wie Sie es für sinnvoll finden oder per Zufall.
  • Lassen die SuS ihren Sitzplatz nicht selbst wählen, denn das verstärkt eventuell vorhandene Cliquenbildung.
  • Nummerieren Sie eventuell die Sitzplätze. Benutzen Sie dazu z.B. das Arbeitsblatt.
  • Nehmen Sie das Arbeitsblatt mit an die Tür, wo Sie Ihre SuS begrüßen. Dann sagen Sie einfach, „Dario, du hast Platz 13“
  • Wechseln Sie konsequent die Sitzplätze, zum Beispiel einmal wöchentlich oder monatlich.
  • Lassen Sie sich durch negative Kommentare Ihrer SuS zu diesem Vorgehen nicht durcheinander bringen. Diese sind in der Anfangsphase eines solchen Vorgehens normal.

Arbeitsblatt: Sitzplätze den SuS zuteilen

NAME September Oktober November Dezember
aaa Platz 1      
bbb Platz 6      
ccc Platz 17      

Dass Feedback von SuS für Lehrpersonen eine wichtige Information ist, wissen wir alle. Wie Sie dieses bedeutsame Instrument einfach und schnell in ritualisierter Form nutzen können, vermittelt Ihnen das nächste Kapitel.


Christoph Eichhorn ist Schulpsychologe in der Schweiz und Autor zum Thema Classroom-Management. Er arbeitet als Lehrbeauftragter an Universitäten und Pädagogischen Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und gibt Workshops, Online-Workshops und hält Vorträge zu Classroom-Management.

 

  • Eichhorn, C. (2015): Classroom-Management: Wie Lehrer, Eltern und Schüler guten Unterricht gestalten. Klett-Cotta. 8. Aufl.
  • Eichhorn, C., von Suchodoletz, A., (2014): Die Klassenregeln. Guter Unterricht mit Classroom-Management. Klett-Cotta, Stuttgart
  • Marzano, R., Marzano, J., Pickering, D. (2003): Classroom Management that works.
  • Research-based Strategies for every Teacher. Alexandria, USA