Wachsame Sorge Wie Eltern ihren Kindern ein guter Anker sind.

Sicher ist das neue Buch von Omer eine wertvolle Hilfe für Eltern und ein klarer Ansatz für Problemlösungen im erzieherischen Bereich. Es entspricht einer Gegenbewegung zu strukturauflösenden gesellschaftlichen Megatrends.


Autor: Omer H
Verlag: Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Erschienen: 2015

Zum Inhalt

Schon zweimal konnte der Rezensent über die Ankerfunktion referieren. Zu dem 2012 erschienenen Buch: Omer H. u Lebowitz E: Ängstliche Kinder unterstützen. Die elterliche Ankerfunktion. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht schrieb der Rezensent u.a. "Herzstück des Ansatzes von Omer und Lebowitz ist einerseits die Unterscheidung zwischen Beschützen (elterliche Übernahme der Verantwortung, im Extrem aber permanenter übertriebener Schutz des Kindes mit der Folge, dass dem Kind wichtige Eigenerfahrungen fehlen bzw. vorenthalten werden) und Unterstützen ( bei der Pflichterfüllung, aber auch bei eigenen Erkundungen und Erfahrungen). Die Eltern müssen eine Ankerfunktion übernehmen: Sie müssen eine klare Position einnehmen, etwa in weltanschaulichen Fragen, in der Rollenübernahme und Funktionsauffassung  als Eltern, in der Haltung gegenüber den Kindern. Damit ermöglichen sie dem Kind auch das Finden einer eigenen Position, das Ausprobieren des eigenen Standpunktes usw. In realen Bedrohungssituationen ist der Schutz der Eltern notwendig, aber in anderen Situationen, wo es um die Arbeitshaltung geht, um die Einstellung gegenüber der eigenen Verantwortung als Kind, ist Unterstützung die richtige Reaktion. Eltern können z.B. helfen, Fehlschläge konstruktiv zu verarbeiten,  kleine Fortschritte zu würdigen. Die Eltern zeigen aber auch eine gewisse Härte im Konzept von Omer und Lebowitz z.B. wenn es darum geht, eine systematische Konfrontation mit Angstsituationen herbei zu führen ( wobei die Eltern die Kinder Belastungen aussetzen und signalisieren, dass es keine Diskussion Konfrontation ja oder nein gibt)."

Zu dem 2013 veröffentlichten Buch von Grabbe M, Borke J u Tsingotis (Hg): Autorität, Autonomie und Bindung. Die Ankerfunktion bei elterlicher und professioneller Präsenz. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht verfasste der Rezensent folgende Charakteristik."Der Sozialwissenschafter Joseph Huber sieht in der Kulturdynamik des Westens eine dauernde Abfolge von zwei Stilen: Sinusartig schwankt die Kultur von einem formbetonten, strukturierten, geordneten Pro-Modus zu einem formauflösenden, locker-gelassenen, prozesshaften Ana-Modus. Der Ansatz des vorliegenden Buches ist eindeutig pro-modal: Von stabilen, sicheren Rahmengebungen ist die Rede, von Struktur, Autorität, elterlicher Verankerung, wachsamer  Sorge, Präsenz, Verantwortung, aktivem Schutz, Legitimation durch eine unterstützende Gruppe, Selbstkontrolle der Eltern, Beharrlichkeit und verzögerter, d.h. nicht-impulsiver Reaktion."

Nun liegt mit dem Konzept der Präsenz und wachsamen Sorge ein weiterer Baustein der "neuen Autorität" vor, neben Eskalationsvorbeugung durch Selbstkontrolle, neben Netzwerken und Unterstützungssystemen etc. Wichtig ist auch der Gedanke einer Wiedergutmachung statt Vergeltung: Die Idee hat allerdings Vorläufer im Kreis der Individualpsychologie (Dreikurs spricht von natürlichen Folgen), bzw. kennt auch die Justiz den Tatausgleich.

Omer, Professor für klinische Psychologie an der Universität Tel Aviv, überträgt die Erkenntnisse der Bindungstheorie auf die Erziehung und konkretisiert anschaulich die dreifache Aufgabe der Eltern Seite 32f): a) einen sicheren Hafen darstellen, wo Energie und Zuversicht aufgetankt werden können; b) eine sichere Basis bieten, d.h. einen festen Boden, der Bewegung in den Außenraum, Exploration ermöglicht; und c) eine Ankerfunktion, mit der die Eltern steuernd eingreifen, wenn die schützende und allenfalls einschränkende Autorität der Eltern in stürmischen Entwicklungsphasen notwendig erscheint.

Auf Seite 33 unten vergleicht Omer die wachsame Sorge, welche ein wichtiger Bestandteil der elterlichen Ankerfunktion ist, mit einem langen Seil, die Kinder bewegen sich frei bis zu einer bestimmten Grenze, meist merken sie die eingeschränkte Bewegungsfreiheit überhaupt nicht. Ziel ist das Übernehmen der Ankerfunktion für sich selbst, die Selbstverankerung, nachdem die Eltern ihren Anker gelichtet haben.

Das Buch widmet sich allen Erziehungsfragen: Vom Begleiten und Nahesein im Alltag, vom Umgang mit dem Widerstand des Kindes, vom Umgang mit Lügen, mit Freunden, Geld bis zum Verhalten in der Welt der Versuchungen, seien dies Drogen oder Internet.  Omer nimmt eine Position ein, die dem Konzept der neuen, elterlichen Autorität entspricht. Er scheut sich nicht, konkrete praktische Anregungen zu geben. Damit wird das Buch - wie schon bei den beiden anderen rezensierten Büchern- zu einer Fundgrube für Erziehung und Menschenführung.

Sprachlich wären einige Verbesserungen notwendig. Z.B. auf Seite 31: "Eines der zentralen Glaubensbekenntnisse der modernen Kindererziehung.." Da es sich um Erkenntnisse der Bindungsforschung handelt, wären "Erkenntnisse, Befunde, Überzeugungen" angemessenere Bezeichnungen.

Auf Seite 5 heißt es in einer Teilüberschrift:" Moral predigen oder Freundschaft pflegen - zwei unerwünschte Extreme". Eine in dieser Formulierung unverständliche Aussage.  Gemeint ist wohl: " Moralisieren oder eine pseudo-amikale Gleichsetzung" oder mit anderen Worten: " Belehrung von oben herab oder Leugnung der unterschiedlichen Verantwortung und Position".

Auf Seite 73 steht:"Wir nennen diesen negativen, fast obsessiven Fokus der Eltern negative Hypnose." Die einseitige Problemorientierung der Eltern ist weder Hypnose als Heilschlaf, noch Hypnose als anerkanntes Psychotherapieverfahren. Treffender ist der im hypnosystemischen Denken vertraute Terminus "Problem-Trance".

Der Begriff "wachsam" ist zwar nicht so verbraucht wie "achtsam", enthält dafür die eigene Konnotation der besorgten Beobachtung. Im Geiste des Dialogismus und mit Buber könnte man sprechen von einem Ich-Es-Verhältnis im Gewande der Ich-Du-Beziehung! Der Bobachter lässt sich nicht auf die Begegnung ein, sondern bleibt außerhalb. Buber hat sehr wohl die Funktionsunterschiede anerkannt und dennoch eine (selbstverständlich nicht permanente) dialogische, d.h. nicht beobachtende Begegnung zeitweise für möglich gehalten. Könnte man also dem Konzept der wachsamen Sorge das Vertrauen in die immer wieder möglichen Phasen der Begegnung hinzugesellen?

Es gibt auch Inkonsistenzen. Z.B. wird auf Seite 99 dringend nahe gelegt, bei etwaigen Suizid-Absichtsäußerungen dafür zu sorgen, dass die Kinder und Jugendlichen dennoch ihre Alltagspflichten erfüllen. "Viele Eltern ermöglichen es ihrem Kind, zu Hause zu bleiben, sobald sie Anzeichen einer Niedergeschlagenheit und einer gedrückten Stimmung wahrnehmen.." Dann lernt das Kind, mahnt der Autor, wie man sich den Aufgaben entzieht. Es schottet sich ab und verliert das positive Selbstwertgefühl. Aber könnte man die Aktion der Eltern nicht auch im Licht des elterlichen Angebots "sicherer Hafen" sehen, wo das Kind auftankt, wieder Kraft und Sicherheit gewinnt? Ist es nicht dieses Time-out, das der Autor selbst empfiehlt? Wann ist das Ansteuern des sicheren Hafens die richtige Haltung und wann Flucht? Omer spricht zudem von Schwierigkeiten, sich in der Schule oder im sozialen Gefüge zurechtzufinden, dem würde sich das Kind entziehen wollen. Aber wer wird die diversen Angstformen: Realangst, neurotische Angst, Schulphobie auf die gleiche Weise behandeln?
Manche wird das Konzept mit seiner differenzierten Indikationsstellung an Skinners "Futurum exactum" erinnern - mit aller Faszination und zugleich einem leichten Gruseln vor der sanft-unerbittlichen, seidig-scharfen Power der Eltern.
Sicher ist das neue Buch von Omer eine wertvolle Hilfe für Eltern und ein klarer Ansatz für Problemlösungen im erzieherischen Bereich. Es entspricht einer Gegenbewegung zu strukturauflösenden gesellschaftlichen Megatrends. Das Konzept der wachsamen Sorge entfaltet sich in minutiösen Strategien von der offenen Aufmerksamkeit, zur fokussierten Aufmerksamkeit und schließlich zu elterlichen Schutzmaßnahmen. Die Eltern sind wissend? Kompetent? Niemals aus dem Gleichgewicht? Immer mit einer unsichtbaren Überlegenheit ausgestattet? Sieht Omer die Eltern so, wenn sie dem Pfad der neuen Autorität folgen? Und findet er es tatsächlich unerwünscht, wenn Eltern und Kinder eine Freundschaft entwickeln, die sie der Eltern-Kind-Funktionsaufteilung nicht enthebt, aber diese dennoch ab und zu transzendieren hilft? Und wären fragende, suchende, irrende, zweifelnde und dennoch engagierte und Verantwortung übernehmende Eltern ein so negatives Modell?

Ob also alle Leser den vorgezeichneten Weg einschlagen werden? Manche werden dankbar die Hilfen aufgreifen, die den Zustand elterlicher Ohnmacht in Kompetenz und neue Autorität verwandeln. Andere befürchten möglicherweise eine doch eher kurze "Leine" und eine stark traditionsgebundene Normierung, bei der die Alten den Jungen das Verhaltensspielfeld abstecken.
 
Omers konkreter Ansatz und die klare Position, die er einnimmt, ermöglichen jedenfalls eine transparente Diskussion über die eigenen Erziehungskonzepte und eine umsetzungsrelevante Auseinandersetzung mit der Elternrolle!

 

 

 

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
09.04.2015
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/wachsame-sorge-wie-eltern-ihren-kindern-ein-guter-anker-sind.html
Kostenpflichtig
nein