Digitaler Wandel im Bildungssystem

© Frank Rösner
© Frank Rösner

Egal ob Apps, Roboter oder virtuelle Lernprogramme, die Digitalisierung gehört zum Alltag der Kinder und hat auch unser Schulsystem längst eingeholt. Um den digitalen Anschluss nicht zu verpassen, müssen sich auch Schulen verändern und vorausschauend planen und investieren.

Denn erfolgreich werden nur diejenigen, die keine Angst vor der digitalen Revolution haben, sondern den digitalen Wandel als Chance für eine Reform des Bildungswesens sehen, mahnt Bildungs- und Familienexperte Dr. Wassilios E. Fthenakis.

Die Digitalisierung gibt den Anlass für eine Reform des ganzen Bildungssystems, denn wenn wir diese Reform nicht vornehmen, dann werden wir den Erwartungen des 20. Jahrhunderts, den Ansprüchen des schnellen Wandels, den Herausforderungen der Digitalisierung nicht gerecht.

Die alleinige Investition in Technik, wie Laptops oder Breitband-Internet, genügt jedoch nicht, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Bildung braucht digitale Kompetenz, der Erfolg liegt in dem Konzept einer Schule der Zukunft. Das Bildungssystem muss sich in seinen Grundfesten verändern, damit wir im digitalen Zeitalter zurechtkommen.

Gleich 5 große Transformationen kommen laut dem Bildungsexperten auf uns zu:

1. Eine neue theoretische Fundierung

In der digitalen Welt braucht es eine neue theoretische Fundierung, die ein neues Verständnis von Bildung begründet. In unserem derzeitigen Bildungssystem werden Theorien überwiegend getrennt von der Praxis vermittelt, das Vor-und Nachmachen von Lerninhalten wird oft vernachlässigt, was dazu führt dass Schüler bestimmte Zusammenhänge nicht verstehen. Alle uns bekannten Theorien fokussieren sich zudem auf die Interaktionen zwischen Menschen,- in Zukunft wird jedoch auch Wissen außerhalb des Individuums generiert. Bildung soll nicht mehr primär als individueller, kindzentrierter, sondern als sozialer Prozess verstanden werden, der sowohl von Fachkräften bzw. Eltern als auch von Kindern aktiv co-konstruiert wird. Es entsteht laut Fthenakis eine neue Komplexität, für die wir über keinen theoretischen Ansatz verfügen. Die Frage ist: Wie treibt man die Theorieentwicklung voran, damit sie der neuen Komplexität gerecht werden kann?

2. Unser Bildungssystem braucht ein starkes Fundament

Historisch sind unsere Bildungssysteme von oben nach unten entwickelt worden: erst die Universitäten, dann die weiteren Entwicklungsstufen. Das sei laut Fthenakis jedoch wenig geeignet, um hohe Bildungsqualität zu sichern.

Das existierende Bildungssystem wurde aufgebaut wie ein Haus. In jedem Stockwerk wurde ein anderer Architekt verpflichtet und jeder Architekt hat sich in seinem Stockwerk verwirklicht, aber alle miteinander haben vergessen die Verbindungstreppe zu bauen. Das alte Bildungssystem wurde von oben nach unten aufgebaut und bricht beim Übergang auf die nächste Stufe zusammen.

Die digitale Transformation verlangt nach einer Neukonstruktion des Bildungssystems. Es gehe vor allem darum digitale Kompetenzen früh zu entwickeln und zu stärken, dafür brauche es jedoch ein System das von unten nach oben auf starkem Fundament aufgebaut ist. Digitale Bildung muss in der Elementarpädagogik starten und ein hohes Ausmaß an Konsistenz aufweisen. Dieser Aspekt muss in ein Reformprogramm einbezogen werden.

3. Ein neues didaktisches Konzept

Die 3. Transformation betrifft den didaktisch-pädagogischen Ansatz. Von dem ist inzwischen bekannt, dass er eine höhere Bildungsqualität sichern kann. Doch nicht nur die Qualität der Fachkräfte-Kind Beziehung ändert sich laut Fthenakis, der didaktisch-pädagogische Ansatz hat auch gravierende Folgen für die Organisation des Bildungssystems.

Diese Methode ist die erste in der Geschichte, die keinen passiven Part mehr kennt, das Kind aktiv an der Konstruktion des Bildungssystems einlädt und die Fachkraft gemeinsam mit dem Kind diesen Prozess reguliert.

Anstelle des individuellen Lernens tritt das kooperative Lernen in den Vordergrund. Die Digitalisierung verändert nicht nur das Leben, sondern auch die Art und Weise wie wir lernen. Eine neue virtuelle Welt existiert neben unserer reellen Welt. Diese beiden Welten konstruktiv zur Bereicherung individueller kindlicher Bildungsbiographien verbinden, ist laut Fthenakis die große Herausforderung.

4. Resourcen des Sozialraums sollen in das Bildungskonzept miteinbezogen werden

Eine weitere essentielle Transformation ist laut Fthenakis der Raum, in dem Bildung vermittelt wird. Lernräume sollen nicht mehr nur innerhalb, sondern auch außerhalb der Bildungsinstitutionen entwickelt werden. Barrieren, die dem System aufgedrängt wurden, zb. eine Schule an einem bestimmten Ort, müssen völlig aufgebrochen werden.

Die Bildungsräume heute müssen digital sein. Die Lernmaterialien bekommen einen völlig neuen Stellenwert in vernetzten digitalen Plattformen. Der Raum verändert sich massiv.

Laut dem Experten wird es in Zukunft auch keine Schulfächer mehr geben, sondern Projekte, aus denen das Kind selbst wählen kann. Die Projekte werden nicht nur im analogen, sondern vor allem im virtuellen Bereich stattfinden, das individuelle Lernen verändert sich zu einem kooperativen und der Lerngegenstand wird zugänglich über viele neue Technologien.

5. Investition in die digitale Kompetenz

Um eine strukturelle Reform des Bildungssystems verwirklichen zu können, braucht es eine letzte und aber wichtige Veränderung: Das Verständnis von digitaler Kompetenz und deren Implementierung von Anfang an. Dies setzt einen professionellen pädagogischen Bezug voraus.

Ein zweijähriges Kind hat bereits die Internetkultur der Familie internalisiert, kommt in den Kindergarten als "Experte" in diesem Bereich und deshalb können wir nicht warten. Die digitale Kompetenz muss früh beginnen und als transversale Kompetenz das gesamte Bildungssystem umfassen.

Der digitale Wandel sei laut Fthenakis nur zu bewältigen, wenn wir das System gründlich verändern und zudem die Ausbildung der Fachkräfte völlig neu organisieren. Wichtig sei vor allem die innere Aufgeschlossenheit, etwas Neues zu lernen. Der Mensch sei von Natur aus so angelegt, dass er ein Leben lang lernt. Diese Lernbereitschaft, die Aufgeschlossenheit für das Neue, der konstruktive und kritische Umgang damit und die Bereitschaft, die Chancen zu nutzen, um für unsere Kinder eine höhere Bildungsqualität zu erreichen, sei das Gebot der Stunde.

Sehen Sie sich den Vortrag dazu an!

Prof. Dr. mult. Wassilios Fthenakis gilt im deutschsprachigen Raum als der wohl bekannteste Experte der frühkindlichen Bildung sowohl im Hinblick auf das Bildungssystem wie auch auf pädagogische Ansätze.

Bildungssysteme in der Ära der Digitalisierung: Herausforderungen und Perspektiven

Prof. Dr. mult. Wassilios Fthenakis im Interview

Im Rahmen der didacta DIGITAL Austria hat unser Filmteam Prof. Dr. mult. Wassilios Fthenakis zum Gespräch getroffen. Er spricht über die wichtigsten Veränderungen die die Digitalisierung im Bildungsbereich bringt und wie Eltern und Pädagogen die digitale Revolution meistern.


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14. bis 16. Mai 2020 im Design Center Linz

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