Ein Fleck im Semesterzeugnis? Tipps zum Umgang mit schlechten Noten

Die Semesterferien haben mancherorts schon begonnen bzw. stehen noch bevor und damit auch das Semesterzeugnis, also die Zwischenbilanz nach der ersten Hälfte des Schuljahres. Ein "Fleck" trübt dann oft die Stimmung in den Ferien und Vorwürfe, Androhungen oder Panikmache helfen auch nicht weiter.

Da ist guter Rat teuer! Der Abteilungsleiter der Schulpsychologie und Bildungsberatung der Bildungsdirektion für Oberösterreich, MMag. Andreas Girzikovsky, verrät im SCHULE.AT Interview, wie man als Elternteil bei schlechten Noten richtig reagiert. Außerdem gibt er Tipps, was getan werden kann, um Ihr Kind bestmöglich zu unterstützen und die Lust am Lernen nicht verliert.


SCHULE.AT im Gespräch mit MMag. Andreas Girzikovsky

MMag. Andreas Girzikovsky

SCHULE.AT: Hr. Girzikovsky, die Semesterzeugnisse stehen an. Nicht bei allen SchülerInnen ist der Zeugnistag ein Anlass zur Freude, vor allem dann, wenn ein Fünfer im Zeugnis steht. Viele Eltern reagieren bei schlechten Noten mit Enttäuschung, vielleicht sogar Vorwürfen oder mit dem Androhen von Konsequenzen wie „Das Fußballspielen ist für dich erst mal gestrichen“. Welche Reaktion der Eltern wäre Ihrer Meinung nach wünschenswert und richtig?

Andreas Girzikovsky: Wünschenswert wäre, dass Eltern diese Informationen so nehmen, wie sie gemeint sind. Sie sind kein „Zeugnis“ wie es das Jahreszeugnis am Schulschluss ist, sondern nur eine Benachrichtigung, wie der derzeitige Stand im jeweiligen Fach ist, sodass im nachfolgenden Semester noch Zeit ist für Verbesserungen. Ist der Leistungsstand in einem bestimmten Fach „nicht genügend“ hat es keinen Sinn, Bestrafungen einzusetzen - schon gar nicht solche, die für die gesunde Entwicklung wichtig sind wie z.B. ausreichend Bewegung - sondern die Semesterferien zu nutzen, um sich einen sorgfältigen Blick auf das Problem anzueignen, sodass am Ende die Erkenntnis steht: „Aha, so ist es zu diesem schlechten Leistungsstand gekommen.“

SCHULE.AT: Wie sollte man auf keinen Fall reagieren?

Girzikovsky: Auf keinen Fall mit Lernanstrengungen während der Semesterferien. Dazu sind sie zu kurz und es bliebe  zu wenig Platz für Erholung und Abwechslung. Beides ist notwendig, um Energie zu haben, es im Sommersemester besser machen zu können.

SCHULE.AT: Wie findet man die Ursache für eine schlechte Note heraus - wie erkenne ich, ob es ein einmaliger Ausrutscher war oder doch bei einem Fach der Unterbau fehlt?

Girzikovsky: Einmalige Ausrutscher sind erkennbar, weil die vorhergegangenen und nachfolgenden Noten deutlich besser sind. Sie sind eben ein-malig.
Bei allen anderen schlechten Noten sollte man an 4 verschiedenen Stellen genauer suchen:

  • 1. Wie erklärt mein Kind das Zustandekommen dieser Note?
  • 2. Wieviel Lernbemühung/-anstrengung steckt in diesem Ergebnis drin?
  • 3. Wie gut ist die Beziehung und Kommunikation mit der Lehrkraft dieses Faches?
  • 4. Wie erklärt die betreffende Lehrkraft das Zustandekommen dieser Note?
  • um dann 5. einen Plan zusammen mit dem Kind zu erstellen, wie im Sommersemester Verbesserungen erzielbar sind.

SCHULE.AT: Kann man auch etwas Positives bei einer schlechten Note sehen – stecken da nicht auch eine Menge Möglichkeiten darin?

Girzikovsky: Man kann immer - falls genug Kreativität und Nervenstärke vorhanden ist - etwas Positives in negativen Rückmeldungen der Semesternachrichten entdecken wie (eine Auswahl):

  • „Gut dass ich weiß, was mein Kind absolut nicht interessiert“
  • „Mal sehen, vielleicht ist mein Kind  talentiert in Ökonomie und rechnet sich genau aus, dass man mit Lernanstrengung im Sommersemester auch durchkommen kann und daher im Wintersemester Zeit ist für außerschulische Dinge.“
  • „Vielleicht wäre eine andere Schule besser für mein Kind?“ (z.B. hatte ein Mädchen, das nach Ende der Hauptschulzeit in eine höhere humanberufliche Schule gesteckt wurde, plötzlich deutlich schlechtere Noten als früher. Es stellte sich heraus, dass sie hochbegabt für Technik war. Nach dem Wechsel an eine HTL hatte sie wieder ihre gewohnt guten Noten.)

SCHULE.AT: Ab wann sollte man mit dem Lehrer/der Lehrerin reden?

Girzikovsky:
Bereits vorher am Elternsprechtag, der meistens Ende Nov./Anfang Dez. stattfindet. Hier zeichnen sich bereits Trends ab, die zu schlechten Semesternachrichten führen könnten. Es ist jedoch dann noch genügend Zeit, um das Steuer herumzudrehen und Kurs auf positive Noten zu nehmen. Gelingt dies nicht, dann natürlich auch aufgrund der Semesternachricht einen Termin für die Sprechstunde mit der Lehrkraft vereinbaren.

SCHULE.AT: Wie kann ich mein Kind wieder zum Lernen motivieren bzw. dafür sorgen, dass es die Lust am Lernen nicht verliert?

Girzikovsky: Die drei motivierendsten Faktoren sind

  • verständnisvolle Zuwendung und
  • Begegnung mit Menschen bzw. deren Arbeitswelten, die in ihrem Leben oder Beruf von dem begeistert sind, wo das Kind schlechte Noten hat, sowie
  • eigene Lernerfolge in diesem Fach

SCHULE.AT: Wie sieht es mit Belohnungen für gute Noten aus – ist das förderlich?

Girzikovsky: Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Es gibt Kinder, da wirken sich Belohnungen negativ aus, weil sie dadurch ihren Anteil an der Selbstmotivation und ihrer Willenskraft geschmälert sehen. Bei anderen Kindern hingegen hilft es sehr viel. Es kommt also darauf an, wie gut man als Eltern sein Kind in diesem Punkt kennt. Generell sollten Belohnungen jedoch nicht materieller Art sein, sondern von der Art, mitsammen vergnügliche Zeit zu verbringen.

SCHULE.AT: Gute Noten gelten heutzutage als wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche berufliche Zukunft, dementsprechend hoch ist der Leistungsdruck für die SchülerInnen. Ist ein gutes Zeugnis Ihrer Meinung nach wirklich ein Gradmesser für Glück und Erfolg im Leben?

Girzikovsky: Gute Noten befördern zumindest einmal die Karriere innerhalb des Schulsystems beim  Schulwechsel. Viele weiterführende Schulen nehmen nach dem Notendurchschnitt oder Notenspiegel auf oder reihen die Anmeldungen nach dieser Richtschnur.

Gute Noten können auch ein Hinweis sein für tatsächlich vorhandenes Talent und dieses verdient Förderung. Das macht noch nicht glücklich, aber zumindest zufrieden.

Für Glück im Leben geben sie - nach bisherigen empirischen  Erkenntnissen - kaum etwas her und für Erfolg im Beruf leider auch kaum. Vor kurzem ist z.B. eine US-amerikanische Studie mit über 60.000 High-School AbsolventInnen publiziert worden, die untersuchte, welche Faktoren aus der Schulzeit bzw. dem Abschluss die beste Prognose für Erfolg im Beruf erlauben. Man nahm die Zeugnisse der AbsolventInnen und führte damals Interviews über ihre schulischen Erfahrungen. 15 Jahre später verglich man dann die reale Arbeitssituation mit den Daten von damals. Es ließen sich 4 Faktoren herausdestillieren, die für einen späteren beruflichen Erfolg die beste Prognose erlauben: Die besten Chancen für beruflichen Erfolg haben SchülerInnen, wenn sie

  • 1. während der ganzen Dauer der Schulzeit einen positiven Grund haben, überhaupt in die Schule zu gehen. (Dieser Grund können auch die Treffen mit FreundInnen sein - es müssen nicht ausgesprochen schulische Inhalte sein.)
  • 2. sich für ihre MitschülerInnen interessieren
  • 3. sie viel lesen. (Das müssen aber nicht Schulbücher oder von der Schule empfohlene Literatur sein)
  • 4. und wenn sie viel schreiben. (Das muss aber wiederum nicht schulische Fächer betreffen - es können auch Liebesbriefe oder Tagebücher oder  Internetblogs oder sonst etwas sein)

Es scheint also so zu sein, dass es sehr unspezifisch ist und schon gar nicht von der Art der Note abhängt, wie sich die Schulzeit im späteren Leben als beruflicher Erfolg auswirkt.

SCHULE.AT: Vielen Dank für das Gespräch!