Wie kann Inklusion gelingen?

Inklusion ist derzeit in aller Munde - vor allem im schulischen Kontext. Die Abschaffung der Sonderschule und die einhergehende Inklusion aller Schüler spalten Experten, Eltern und Lehrkräfte. Bei der 31. Jahrestagung der Inklusionsforscher an der PH OÖ wurde das Thema eingehend beleuchtet.

Die Tagung fand vom 22. - 25. Februar 2017 statt. In Vorträgen, Workshops, Gesprächsrunden oder im informellen Gespräch wurde das Thema Inklusion aus den verschiedensten Blickwinkeln diskutiert. BildungsTV war bei zwei Vorträgen mit dabei, die Ihnen in voller Länge zur Verfügung stehen.

Dr. Ewald Feyerer: Inklusion: "Lehrer hängen in der Luft"


Ewald Feyerer ist ausgebildeter Sonderschullehrer, Soziologe und Experte im Bereich Inklusion. Wir haben mit ihm auf der Tagung der Integrations- und Inklusionsforscher (IFO) über das inklusive Schulsystem gesprochen und die damit verbundene Abschaffung der Sonderschulen. Ist die Inklusion aber überhaupt gewünscht? Vor allem aus Elternsicht ist dies oft ein zweischneidiges Schwert.

"Es gibt immer Pro- und Contra-Stimmen. Unsere Erfahrung ist [...], dass auch Eltern mit Kindern mit einem sehr hohen Assistenzbedarf für Inklusion sind, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Und das ist die erste Voraussetzung, dass ihr Kind in der Schule angenommen wird", so Feyerer.

Problematisch sieht er aber die Rahmenbedingungen. Es fehle an verbindlichen Vorgaben der Politik, da dies mit verbindlichen Ressourcen verbunden wäre, somit sehen laut Feyerer die Gewerkschaften keinen Grund zum Handeln und in den Schulen kämen somit auch keine klaren Botschaften an und die Lehrer hängen in der Luft.

„Inklusive Modellregionen wären der richtige Weg, wenn sie entsprechend unterstützt werden und auch dementsprechend als Zielvorgabe für alle verbindlich sind. Dann kann man die Schulen autonom, die Bezirke autonom und die Bundesländer autonom in den Weg entlassen sozusagen, ihre Lösungen zu finden. Dazu ist notwendig, dass Qualitätsmonitoring passiert, das Schulentwicklungsressourcen zur Verfügung gestellt werden, damit Schulentwicklung passiert in Richtung Inklussion. Da gibt es Instrumente dazu, wie den Index für Inklusion. Wenn das alles passiert, ist Inklusion morgen schon möglich“, so Feyerer abschließend.

Altrichter/Feyerer: Die Entwicklung eines inklusiven Schulsystems


"Die Entwicklung eines inklusiven Schulsystems. Analyse von aktuellen Reformbestrebungen aus Governanceperspektive", so der Titel des Vortrags von Dr. Herbert Altrichter (JKU LInz) und Dr. Ewald Feyerer (Pädagogische Hochschule OÖ). In ihren Ausführungen werden wesentliche Gesichtspunkte und Analysekriterien für Bildungsreformen aus Governanceperspektive erläutert. Diese werden dazu verwendet, bildungspolitische und -administrative Reformmaßnahmen zur Entwicklung von Inklusion im österreichische Schulsystem und deren Aufnahme auf Schulebene zu analysieren. Abschließend werden Konsequenzen für Bildungspolitik, -praxis und -forschung zur Diskussion gestellt.

Dr. Martin Kronauer: Was kann die Inklusionsdebatte von der Exklusionsdebatte lernen?


"Was kann die Inklusionsdebatte, wie sie von der Behindertenrechtskonvention angestoßen wurde, von der in Europa geführten Exklusionsdebatte lernen?" - so leitet der Ex- und Inklusionsexperte Dr. Martin Kronauer seinen Vortrag ein und stellt die Frage, ob Inklusion nur noch für Menschen mit Behinderung problematisch sei: "Leben wir ansonsten in einer inklusiven Gesellschaft?" Was Inklusion sein soll und wie sie vorangetrieben werden kann, lässt sich jedoch nicht klären, ohne auf die Prozesse der Exklusion einzugehen, die über den Kreis von Menschen mit Behinderungen hinaus erhebliche Teile der Bevölkerung im Bildungssystem, am Arbeitsmarkt, im Sozialstaat und in den sozialen Nahbeziehungen ausmachen. Der Beitrag bezieht deshalb die beiden Debattenstränge aufeinander und fragt, was sie voneinander lernen können.

Am Beispiel Schule gibt Kronauer zu denken, dass Inklusion hier nicht nur mit Behinderung gleichgesetzt werden dürfe. Ein ganz wichtiger Faktor sei die soziale Herkunft, was ist mit "Kindern aus der Arbeiterschaft, vielleicht zusätzlich mit einer Migrationsgeschichte, die es erforderlich macht, Kompetenzen in einer fremden Sprache zu erwerben". Eine inklusive Schule würde diesen Startnachteil aufheben, Schulen in Deutschland (wohl auch in Österreich) verstärken diesen aber tendenziell.

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