Notfallmanagement. Ein Praxisbuch für Schüler- und Jugendgruppen

Das Buch quillt fast über vor Checklisten, enthält ein reichhaltiges Download-Material, bringt originelle Ideen ein..


Autor: Heidrich V u Lenkeit B
Verlag: Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

Erschienen: 2015

Zum Inhalt

 

Das Buch löst zwei verschiedene Gefühle aus beim Rezensenten:  Einerseits sind manche Ausführungen sehr knapp gehalten, andererseits gibt es umfangreiche, detaillierte Praxisanregungen.  Zunächst aber zum Aufbau des Buches. In der Einleitung appellieren die Autoren, sich nicht für Einschränkungen zu entscheiden wegen der vielen möglichen Gefahren und Risiken (z.B. Einstellung des Küchenbuffets aus hygienischen Gründen). Die gesetzlichen Vorgaben wollen die Qualitätsstandards erhöhen, nicht die Aktivität blockieren.

Im 1. Abschnitt werden Gefährdungspotenziale beschrieben: etwa Sicherheit auf dem freien Gelände, Hygiene, finanzielle Absicherung, technische Absicherung, Schutz der Teilnehmer etwa durch klare Aufnahmebedingungen, Aufsichtsbestimmungen. Jede Gruppe hat auch eine Dynamik, die Teambildung kann in fünf Phasen ablaufen, vom Kennenlernen, über den Machtkampf, die Vertrautheit, die Arbeitsphase und die Auflösung. Jede Phase kann problematisch werden und benötigt gute Führung. (Hier fehlt dem Rezensenten der Hinweis auf das Konzept von Tuckman: Forming - Storming - Norming - Performing - Adjourning).

Nach diesem ersten Kapitel geht es um sexualisierte Gewalt. Zentrale Aussage: Man muss die Kinder stark machen, indem man das Sexualitätsthema enttabuisiert und die Kinder über ihre Rechte (z.B. Abgrenzung gegen Übergriffe) aufklärt. In diesem Zusammenhang wird auch das Beschwerdemanagement erwähnt, auch ein Fall für zweifache Gefühle: Einerseits empfindet der Rezensent die drei Hinweise (bei Hilfesuche jeder Erwachsene in der Schule oder Gruppe ansprechbar, bei Hemmung diesbezüglich Kummerkasten benützen, bei Suche nach externer Hilfe bestimmte Telefonnummer anrufen) als sehr knapp, andererseits ist das Wesentliche gesagt.

Das dritte Kapitel hat den Titel "theoretische Grundlagen der Notfallpädagogik". Hier wird das Präventionsverständnis angeführt. Bei der "tertiären Prävention" empfindet der Rezensent wieder eine Knappheit der Beschreibung (nämlich nur den Hinweis auf professionelle Hilfen. Bei sexualisierter Gewalt wird empfohlen die tertiäre Präventionsarbeit in die Hände der Strafverfolgungsbehörden zu legen. Inwieweit hier differenziert werden müsste im Hinblick auf die Art der notwendigen Rehabilitation, Rückfallprophylaxe, Verringerung von Folgestörungen bleibt offen). Einübung eines Verhaltens der raschen adäquaten Reaktion (Notfallmodus genannt) wird nahe gelegt. Zur kurzfristigen Abstands- und Überblicksgewinnung und zum Finden des common sense wird empfohlen, sich kurz mit der Hand auf die Stirne zu klopfen und zu fragen: "Was würde jetzt meine Oma tun?" Die zwei Folgekapitel sind die aussagestärksten; eine überaus differenzierte und umfassende Risikoanalyse (örtliche Lage, Infrastruktur, Veranstaltungsgelände, Hygiene, Finanzen usw.) bildet das Herzstück, wichtig auch Notfallmappe, Notfallmanager, Notfallstab  ( dieser in etwa vergleichbar mit einer raschen Eingreifgruppe, hier z.B. einen für die Leitung, einen für die Pressekontakte, einen für Pädagogik)sind ganz wichtige Maßnahmen. Der Notfallplan auf Seite 88f ist allerdings so klein gedruckt, dass man eher an eine augenärztliche Extremvorlage denkt als an ein wichtiges Beispiel.

Nach der Lektüre dieses Buchs gibt es auch eine Möglichkeit, die beiden eingangs erwähnten verschiedenen Gefühle zu verstehen: Einerseits enthält das Buch ganz wichtige Überlegungen zur "Außenlandschaft" (die strategische Sorge für Schutz bietende Rahmenbedingungen). Andererseits täten auch Hinweise zur "Innenlandschaft" (das Erleben der Situation, die psychischen Begleiterscheinungen und notwendige Maßnahmen) gut. Mit anderen Worten: Es überwiegt die Verhältnisprävention bei weitem die Verhaltensprävention. Diese ist aber auch wichtig. Eine weitere Auflage des Buches könnte durch Einbeziehung eines Psychologen oder Psychotherapeuten eine wertvolle Ergänzung erfahren.

Für die Idee dieses Buches, für die vielfältigen Impulse, für das Anliegen und die Durchführung verdient das Werk aber die folgende summarische Bewertung:

Das Buch quillt fast über vor Checklisten, enthält ein reichhaltiges Download-Material, bringt originelle Ideen ein wie z.B. einen Veranstaltungspass, ein Beispiel für einen Verhaltenskodex, einen Evakuierungsplan, einen Gesundheitsbogen, bringt konkrete Angaben für Schulungsbaussteine für das Notfallmanagement oder für die Stabsfunktion. Das Buch sollte von sehr vielen Lehrern, Gruppenleitern, Veranstaltern und auch von Eltern gelesen werden - und im Sinne einer Verantwortungsteilnahme auch von reiferen Schülern!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
18.10.2015
Link
https://www.schule.at/bildung/rezensionen/detail/notfallmanagement-ein-praxisbuch-fuer-schueler-und-jugendgruppen.html
Kostenpflichtig
nein